Inklusion im Arbeitsleben Gut ausgebildet, aber zu selten gewollt

Jessie Morgenroth

Drei von vier Menschen mit Schwerbehinderung sind gut qualifiziert, haben eine abgeschlossene Ausbildung. In Unternehmen sind sie dennoch zu selten gewollt. Und auch in anderen Lebensbereichen gibt es für Menschen mit Handicap noch zu viele Hindernisse.

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Etwa zehn Millionen Menschen mit einer anerkannten Behinderung leben nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Sie sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, davon sind die Verwaltungen Ilmenaus und des Ilm-Kreises, aber auch die Arbeitsagentur und das Jobcenter überzeugt. Doch nach wie vor sei die Scheu beim Kontakt mit Menschen mit Behinderung oft groß. Viele Mitmenschen würden sich fragen, wie sie mit den Betroffenen umgehen sollen. Dürfen die Menschen auf ihr Handicap überhaupt angesprochen werden? Und ist das überhaupt der richtige Begriff dafür?

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Um mehr Verständnis für die Thematik zu schaffen, haben die Akteure am Freitag zur Fachtagung „Inklusion im Arbeitsleben“ ins Ilmenauer Parkcafé eingeladen, um genau diese Fragen zu diskutieren. Im Ilm-Kreis, so teilt es das Landratsamt mit, arbeiten derzeit 733 Menschen mit einer Schwerbehinderung in 230 Betrieben mit mindestens 20 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren stabil geblieben. Die meisten sind im Verarbeitenden Gewerbe, in der Verwaltung, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in Erziehung und Unterricht tätig.

Nach dem Gesetz müssten beschäftigungspflichtige Unternehmen jedoch weitere 332 Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Die Beschäftigungsquote liegt im Ilm-Kreis bei 3,7 Prozent und damit unter der gesetzlich vorgeschriebenen Quote von fünf Prozent. Bei privaten Arbeitgebern liegt sie sogar nur bei 3,4 Prozent.

„Scheu überwinden“

Ein weiteres generelles Problem: Mit steigendem Lebensalter steigt auch der Anteil der Arbeitslosen mit Behinderung. Drei von vier sind 45 Jahre und älter, heißt es aus dem Landratsamt. Dass arbeitslose Menschen mit einer Schwerbehinderung gut qualifiziert seien, würden die Zahlen zeigen, denn drei von vier haben eine abgeschlossene Ausbildung. „Viele Unternehmen suchen händeringend gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Hier sollte die Scheu überwunden werden, denn Menschen mit Behinderungen arbeiten ebenso engagiert. Zudem entsteht eine große Vielfalt und Diversität in den Belegschaften, die nicht nur Ängste abbaut, sondern auch neue Ideen fördert“, betont Irena Michel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Erfurt, und verweist auf die Unterstützungsmöglichkeiten. „Unternehmen, die Auszubildende oder Beschäftigte mit einer Behinderung einstellen, können bei der Agentur für Arbeit Zuschüsse beantragen.“

Selbstbestimmtes Lernen

Aber auch im Wohnungssektor ist noch viel zu tun, um bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum zu schaffen, so die Akteure. Im Bildungssektor könne Inklusion nur nachhaltig gelebt werden, wenn Lehrkräfte befähigt würden, Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen in den Unterricht zu integrieren, sodass selbstbestimmtes Lernen möglich sei.

Ein schwerer Einschnitt sei für Menschen mit Behinderungen nicht zuletzt auch durch die Pandemie entstanden. Hier böten digitale Kontaktmöglichkeiten sicher auch Chancen. Dennoch verfügten nicht alle Menschen mit Beeinträchtigungen über die entsprechenden Möglichkeiten oder Kenntnisse. Hier gelte es, diejenigen stärker zu unterstützen, die in ihrer sozialen Teilhabe am stärksten bedroht seien.

„Doch nicht nur an diesem Tag sollten wir unseren Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben, hinterfragen, über den eigenen Tellerrand schauen und die Welt mit anderen Augen sehen. Wie steht es mit der Barrierefreiheit in Restaurants, Arztpraxen oder am Arbeitsplatz? Sind Selbstbedienungsterminals wirklich so eingerichtet, dass sie von allen Menschen ohne Einschränkungen genutzt werden können? Viel ist in den vergangenen Jahren passiert, Barrieren wurden abgebaut, der Ilm-Kreis ist assistenzhundfreundlich und das als erster Thüringer Landkreis. Doch noch immer ist viel zu tun, um Menschen mit Behinderungen zu integrieren, ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und Vorurteile abzubauen“, teilte Landrätin Petra Enders im Vorfeld der Fachtagung mit.

So sei im Mai 2021 das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BSFG) verabschiedet worden, das Anbieter verpflichtet, bestimmte Produkte und Dienstleistungen barrierefrei anzubieten. Bis zum 28. Juni 2025 müssen sie umgesetzt werden.

Inklusion mit Leben füllen

„Das ist ein wichtiger Schritt für die Gleichberechtigung. Auch im Ilm-Kreis müssen wir die Rechte von Menschen mit Behinderung stärken, das Wort ‚Inklusion‘ mit Leben erfüllen, soziale Kompetenzen fördern und Empathie entwickeln“, betont Enders.

Auch Ilmenaus Oberbürgermeister Daniel Schultheiß betonte, dass von Gesetzes wegen niemand wegen seiner Behinderung oder anderer Einschränkungen benachteiligt werden dürfe. Es sei aber nicht nur gesetzliche, sondern auch die allgemeine moralische Pflicht, so zu agieren. „Verschiedene Verbände und Institutionen setzen sich für Teilhabe und das Menschenrecht Inklusion ein. Große Barrieren entstehen oftmals im Umfeld und beim Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die eingeschränkte Fähigkeiten haben. Solidarität und Unterstützung müssen daher früh beginnen. Die frühkindliche Förderung, die integrative Schule, die Schaffung angemessener Ausbildungsplätze bis hin zur Inklusion im Arbeitsleben. Wie die Inklusion im Arbeitsleben gelingt, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, wie sich der rechtliche Rahmen gestaltet und wie wichtig die Vorbildfunktion der Kommunen ist, sind Themen, an denen wir jeden Tag arbeiten müssen“, so Schultheiß.