Industrie Intouch Besuch beim zeitgemäßen Stromfluss

Dutzende Unternehmen der Region haben am Mittwoch bei Industrie-Intouch ihre Türen für neugierige Besucher geöffnet. Für besonderes Interesse sorgte dabei die Zukunfts-Technologie – wie etwa beim Batterie-Hersteller CATL in Arnstadt.

Das ist die Thüringer Vorzeige-Investition schlechthin: Der Batteriehersteller CATL baut in Thüringens größtem Gewerbegebiet, dem Erfurter Kreuz, sein riesiges Werk, aus dem alle namhaften Autohersteller des Kontinents mit Akkumulatoren für ihre Elektroautos beliefert werden sollen. Logisch, dass an diesem Nachmittag, an dem Besucher einmal die Gelegenheit haben, in die hypermoderne Fabrik hineinzuschauen, nicht nur einmal der Begriff von der Zukunfts-Technologie fällt. Schließlich geht es um den Wechsel vom Auto mit Verbrennungsmotor zu einem elektrisch angetriebenen.

Wobei Matthias Zentgraf, der Europa-Präsident des chinesischen Konzerns CATL, vor allem nach draußen deutet: „Wenn Sie aus dem Fenster schauen: Da drüben auf der anderen Straßenseite, da wird die eigentliche Produktion stattfinden.“ Und damit soll es schon Ende diesen Jahres losgehen, verspricht er. Sukzessive werde die Produktion dann im nächsten Jahr ausgebaut.

Einblick bei der Nummer 1

Dass der Einblick in die eigentliche Produktion und insbesondere die Möglichkeit für die Presse, hier auch Fotos zu machen, doch etwas begrenzt sind, hat mit der sensiblen Materie zu tun. Schließlich sei CATL im Jahr 2021 das fünfte Jahr in Folge weltweite Nummer 1 und damit Marktführer im Bereich Herstellung und Auslieferung von Lithium-Ionen-Batterien, heißt es in der firmeneigenen Präsentation. Und da will man der Konkurrenz wohl nicht vormachen, wie das ganz genau geht. CATL steht übrigens als Abkürzung für „Contemporary Amperex Technology Co. Limited“ – was sich in etwa mit „Zeitgenössische“ oder „Moderne Stromfluss-Technologie GmbH“ übersetzen ließe. Heute fließen erst einmal Informationen.

Zentgraf erklärt den Besuchern vom Regionalmanagement „Thüringens Süden“, das die Erkundungstouren bei Industrie-Intouch vom Wartburgkreis bis nach Sonneberg inzwischen zum neunten Mal organisiert hat, dass es bei der Ansiedlung in Thüringen auch um den ökologischen Fußabdruck gehe. Schließlich stehen Elektroautos in dem Ruf, dass sie zwar schön „grün“ mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden könnten, dass ihre Herstellung aber mit einem gigantischen „CO2-Fußabdruck“ verbunden sei. Hier wolle man den Herstellern helfen, indem CATL eine Produktion in Kundennähe schaffe und die EU bei ihrem Ziel der angestrebten Klimaneutralität unterstütze. So gehört zu dem Werk am „Erfurter Kreuz“ auch ein eigener Güterbahnhof, da der Transport per Bahn besser klimaneutral zu schaffen sei als per Lkw.

Und so lässt sich Zentgraf dann doch noch ein paar Daten entlocken. Schließlich komme ein Akku mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden (kWh) ja allein schon auf ein Gewicht von 600 bis 700 Kilogramm. Und dafür müssen die Rohstoffe schließlich erst einmal hierher transportiert werden – und die fertigen Akkus dann zu den Autofabriken. Die zentrale Lage, wie aber auch die in der Region zahlreich vorhandene Automobil-Zulieferindustrie im „Automotive-Cluster“ sei schließlich der ausschlaggebende Grund für die Ansiedlung gewesen, erklärt der Europa-Chef. Und so wolle man die Branche ja auch bei der Transformation unterstützen, wenn etwa „jemand, der bislang Kolbenringe hergestellt hat, jetzt Batteriegehäuse baut“.

2000 neue Leute finden

Womit das Thema endgültig beim allgemein beklagten Fachkräftemangel angekommen ist. Immerhin sollen laut Zentgraf mit dem stückweisen Aufbau der Produktion in Arnstadt etwa 2000 Mitarbeiter hier Arbeit finden. Gegenwärtig seien etwa 700 bis 800 Menschen in dem Werk beschäftigt – darunter etwa 250 Mitarbeiter der chinesischen Maschinenbau-Lieferanten, die hier die Produktionslinien aufbauen. „Deshalb werden Sie im Stadtbild von Arnstadt oder beim Einkaufen einige Chinesen sehen.“ Stehen die Produktionslinien, würden dann andere eigene CATL-Mitarbeiter kommen und die künftigen Kollegen anlernen.

So gesehen ist der Termin einer Industrie zum Anfassen – Industrie-Intouch – auch eine gute Gelegenheit, sich auch nach möglichem Personal umzuschauen. Schließlich hängen am Firmengelände riesige Plakate, mit denen für eine Bewerbung geworben wird. Und der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen, Ralf Pieterwas, kann damit werben, dass die Region mit 106 Industrie-Beschäftigten pro 1000 Einwohner eine hohe Industrie-Dichte habe. Gerade auch deshalb müsse man für Nachwuchs sorgen. Nach seinen Angaben haben hier ganz aktuell in der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren noch rund 99 000 Beschäftigte einen praktischen Berufsabschluss, während es in der Altersgruppe 55 bis 65 Jahre noch 159 000 seien: „Wir verlieren Beschäftigte an die akademische Ausbildung“, sagt Pieterwas. Auch deshalb sei man stolz darauf, dass sich für die Azubi-Touren bei Industrie-Intouch in diesem Jahr 263 junge Leute angemeldet haben.

Das Thema Personal hat auch angesichts der Geschichte dieses Standorts in Arnstadt eine gewisse Bedeutung. Denn das „alte“ Werk gegenüber dem riesigen Neubau ist dem Reporter noch von früheren Terminen und Protesten her bekannt, als hier erst Bosch-Solar und dann auch Solarworld dichtmachten. Nach der Entscheidung vor vier Jahren für den Standort Thüringen zog CATL schließlich im Juni 2019 in der einstigen Solarzellen-Fabrik ein. Eine Zukunftstechnologie löste eine andere ab.

Unbezahlbare Energie

Dafür, dass die neue Zukunftstechnologie länger hält, muss denn auch ein ganz aktuelles Problem irgendwie gelöst werden: Die Energieversorgung. Denn Batterien für Elektroautos herzustellen, ist eine aufwendige Sache: „Wir brauchen nicht nur Reinraum-Bedingungen wie es sie auch bei der Solarzellen-Fertigung gab, wir müssen auch die Luftfeuchtigkeit konstant niedrig halten“, sagt Zentgraf. Etwa 50 Prozent der Energieversorgung benötige man als elektrischen Strom, die andere Hälfte als Prozesswärme. Das alles sei auf Nutzung von Erdgas ausgelegt. Das habe er auch Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) erst kürzlich erklärt: Verglichen mit den Erdgaspreisen, die vor einem Jahr vereinbart wurden, sei man jetzt schon bei Mehrkosten von 1300 bis 1600 Euro pro Auto-Akku. Auch aus diesem Grund sei man froh, dass Thüringen fieberhaft daran arbeite, die Energieversorgung seines größten Gewerbegebietes neu aufzustellen. „Wobei das finanziell darstellbar sein muss – und auch zeitlich“, sagt der Manager. Es läuft wohl alles auf Wasserstoff hinaus, wobei sich hier noch ein weiteres Problem auftut: Wasserstoff sei für vorhandene Kraftwerke nicht verwendbar, er müsse zuvor mit aus der Luft gefiltertem CO2 zu Methan CH4 verarbeitet werden. Aber auch in dieser Hinsicht wollen die „europäischen Chinesen“ Druck machen.

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