Im Museum Benshausen Eine Kupferurne mit köstlichem Inhalt

Das Objekt des Monats April im Heimatmuseum in Benshausen hat direkt mit einem erfolgreichen einstigen Erwerbszweig des Ortes zu tun. Was es damit auf sich hat, lesen Sie hier.

Das Objekt des Monats April im Heimatmuseum Benshausen: der Weineimer. Foto: Museum

Vor einigen Wochen erhielt das Heimatmuseum Benshausen zwei wirklich schöne Stücke aus der Blütezeit des Weinhandels in Benshausen. „Neben einem kupfernen Krug, einem so genannten Köpfer zum Umfüllen des Weins, gehörte auch ein sehr seltenes Objekt dazu – ein sogenannter Wein- oder Schankeimer. Dabei handelt es sich um einen großen, eigentümlich geformten Kupferkessel mit zwei seitlichen Tragringen, der ein wenig an eine Urne erinnert“, beschreibt Lothar Schreier, Leiter der städtischen Museen in Zella-Mehlis, das besondere Objekt des Monats April.

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Oben ist noch ein Teil eines Scharniers zu erkennen, das zu einem klappbaren Deckel gehörte, der leider nicht mehr vorhanden ist. In seiner äußeren Erscheinung orientiert sich das Objekt an antiken Vorbildern wie Amphoren oder Situlen. Diese Gefäße dienten früher zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten aller Art, Situlen auch zum Mischen von Wasser und Wein und wohl auch zu kultischen Zwecken. Aus ihnen schöpfte man direkt mit der Trinkschale. Später wurden Situlen tatsächlich auch als Urnen verwendet. Noch heute ist diese Form unter anderem für Regentonnen aus Kunststoff oder Keramik gebräuchlich.

„Situla ist das lateinische Wort für Eimer. Das Wort Eimer wiederum entwickelte sich über das Mittel- und Althochdeutsche aus dem lateinischen Wort Amphora für Henkelkrug. Dieser ist meist mit einem beweglichen Henkel zum Tragen versehen. Daneben ist Eimer auch als uraltes, schon in der Bibel erwähntes Hohlmaß für Wein und andere Flüssigkeiten gebräuchlich. Die Füllmengen variieren je nach Verwendungszweck und von Region zu Region. Kleinere Eimer, wie sie heute in jedem Haushalt verwendet werden, hatten schon in früheren Zeiten ein Fassungsvermögen von etwa zehn bis zwölf Litern und konnten von einer Person leicht getragen werden“, erklärt Lothar Schreier.

Vom Keller zum Ausschank

Der Schank- oder Schenkeimer dagegen hatte ein größeres Fassungsvermögen von 60 bis über 100 Litern und wurde von zwei Personen an Stangen getragen, wozu die beiden seitlichen Ringe dienten. Im vorliegenden Fall diente der Kupferkessel höchstwahrscheinlich als Transportbehälter vom Weinkeller zum Ausschank, wo der Wein dann direkt aus dem Kessel an die Gäste ausgeschenkt wurde.

Zur Einteilung und Umrechnung der früher gebräuchlichen Weinmaße gibt es unterschiedliche Angaben, je nach Herkunft und Lage der Orte und der dort jeweils geltenden Maßeinheiten. So galten in Benshausen je nach Landeszugehörigkeit – ursprünglich hennebergisch, später sächsisch beziehungsweise chursächsisch und zuletzt preußisch– zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Maße. Dies galt auch für alle anderen Orte in Europa, was für den Fernhandel eine nicht zu unterschätzende Herausforderung darstellte.

Innerhalb bestimmter Warengruppen gab es aber gerade im Fernhandel einige international anerkannte Handelsgrößen. Insbesondere beim Wein kann man davon ausgehen, dass für die hiesige Region die in Franken üblichen Volumina für den Weinhandel galten. Diese Vermutung lässt sich mit dem Fassungsvermögen unseres Schankeimers zwischen 73 bis 74 Litern begründen. So bildete das „Nürnberger Visiermaß“ vielerorts die Grundlage für Flüssigkeitsmessungen, deren Umrechnung in das heutige Maß folgende Einteilung ergibt: ein Fuder gleich 884 Liter gleich zwölf Eimer zu je 73,7 Liter.

Die berühmten Benshäuser Weine stammten vor allem von Winzern aus Franken, von der Mosel, aber auch vom Rhein, also aus dem Gebiet des ehemaligen Herzogtums Franken, eines der Stammesherzogtümer des ostfränkischen Reiches, das sich gegen Ende der Karolingerzeit zu Beginn des 10. Jahrhunderts herausbildeten. Es umfasste das heutige Hessen, das nördliche Baden-Württemberg, das südliche Thüringen, weite Teile von Rheinland-Pfalz und Teile der heute fränkischen Gebiete Bayerns. Die weitreichenden Handelsbeziehungen sind durch zahlreiche Einkaufsrechnungen der Weinhändlerfamilien Anschütz, Jung und Kräger belegt. In den hiesigen Tonnenweinkellern, die überwiegend im 18. Jahrhundert angelegt wurden, reiften diese Weine durch fachmännische Kellerarbeit oder „Küferei“ vorzüglich heran. Aus dieser Zeit zeugen noch heute prächtige Wohnhäuser mit Stuckdecken und Freitreppen. Die reichsten Weinhändlerfamilien erwarben daneben große landwirtschaftliche Güter.

Exponat aus einer Weinhändlerfamilie

Zurück zum Schankeimer – er stammt aus dem Besitz der einst großen und angesehenen Weinhändlerfamilie Kräger. Diese Familie stammte ursprünglich aus Orferode, einem Ort am Fuße des Hohen Meißners an der hessischen Grenze zu Thüringen und Niedersachsen. Hier nahm die Familie eine herausragende Stellung unter den Weinhändler- und Fuhrmannsfamilien der Region ein. Zunächst nur in Orferode und Kammerbach ansässig, breitete sie sich von dort aus gegen Ende des 18. Jahrhunderts in ganz Deutschland aus, so auch in Benshausen, das sich schon damals durch einen ausgeprägten Weinhandel und Frachtverkehr auszeichnete.

Heinrich Kräger (1744 bis 1815) kam Ende des 18. Jahrhunderts aus Orferode nach Benshausen und gründete hier eine Weinhandlung. Seine Nachkommen wurden unter anderem Rittergutsbesitzer auf dem Aschenhof und dem Rittergut Oberstadt bei Meiningen, einer wurde Regierungsrat in Gotha und einer wanderte nach New York aus. Der Wein wurde in großen und kleinen Fässern und später auch in Flaschen auf vierspännigen Pferdefuhrwerken durch ganz Deutschland, Polen, Böhmen und die Schweiz transportiert. Die Fahrten dauerten oft Wochen und Monate.

Niedergang mit Eisenbahnbau

Unter anderem mit dem Bau der Eisenbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr vor allem das Frachtfuhrwesen seinen Niedergang. Die wohlhabenden Weinhändlerfamilien verlegten sich auf andere Wirtschaftszweige, starben aus oder zogen fort, unter anderem nach Amerika, dem Land der damals unbegrenzten Möglichkeiten.