Ilmenau - Aufgeregt läuft er in seinem verglasten Büro im Dachgeschoss seines Immobilienunternehmens auf und ab, blickt aus dem Fenster und lässt den Blick über Ilmenau schweifen. Beinahe schon verunsichert lächelt er. „Oh man, hoffentlich geht alles gut.“ Schramm ist nervös.

Der Grund für die Nervosität ist ein alter Schrotthaufen. So würden es wohl zumindest die meisten Leute nennen, die von Oldtimern keine Ahnung haben. Ein sogenannter „Futurliner“ von General Motors - ein stromlinienförmig designter Bus - ist nämlich die neueste Errungenschaft des leidenschaftlichen Auto-Sammlers, der unter anderem einen von 254 BMW 507 oder auch das „Papamobil“, das Privatfahrzeug des ehemaligen Papstes Johannes Paul II., sein Eigen nennen kann.

Ihren Ursprung hatten die zehn Meter langen und dreieinhalb Meter hohen Giganten vor knapp 75 Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika. General Motors startete damals eine Aktion, die den Menschen im Land die Zukunft - auf englisch „Future“ - zeigen sollte. Seit 1941 tourten die Busse in einer „Parade of Progress“ durchs Land und zeigten den Menschen die neuesten Technologien. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Parade vorübergehend unterbrochen. In der Zeit des Krieges wurden die Fahrzeuge wieder auf Vordermann gebracht. 1953 ging es erneut auf Tour, 1956 war dann endgültig Schluss.

Heute sind die „Futurliner“ begehrte Sammlerstücke. Nur zwölf Stück wurden gebaut, einer davon ist bereits verschrottet worden, zwei gelten als verschollen. Einer dieser noch erhaltenen „roten Elefanten“ - den Namen erhielten sie für ihre typisch rot-weiße Lackierung - wurde vor elf Jahren für über vier Millionen US-Dollar versteigert. Wo genau sich die Fahrzeuge heute befinden, glaubte man bisher zumindest grob zu wissen. In den USA, in Schweden oder auch in Deutschland finden sich Exemplare. Auch den „Futurliner“ Nummer 7, das Exemplar, in dem unter dem Titel „Out of the muddle“ („Raus aus dem Schlamm“) die Entstehung einer modernen Stadt gezeigt wurde, glaubten Kenner der Szene lange im Besitz eines Autobus-Unternehmens. Aber sie irrten.

Unterm Wellblechdach

In Wirklichkeit nämlich stand das Fahrzeug jahrelang bei einem US-amerikanischen Abschleppunternehmer und rottete unter einem Wellblechdach vor sich hin. Ursprünglich tourte „Nummer 7“ ab 1960 als Servicefahrzeug eines Rennsport-Teams durchs Land, bevor das Fahrzeug 1964 mangels Sprit in New Hampshire vor einem Schrottplatz strandete. Die Rennsportler ließen den Bus gleich dort und schoben ihn unter einen Baum. Erst 1984 nahm ein Restaurant-Betreiber dem Schrotthändler das Gefährt ab und stellte es hinter sein Haus. „Genau dieser Mann ging dann im Jahr 2005 zu einem Abschleppunternehmer und fragte, ob man das busähnliche Ding nicht wegschleppen könne“, erzählt Marek Schramm und muss lachen. „Seine Frau wollte es nicht mehr sehen, also fühlte sich der Mann zum Handeln genötigt.“ Gesagt, getan. Der unerkannte „Futurliner“ wurde abgeschleppt und fristete weitere elf Jahre sein Dasein unter dem Wellblechdach im Hinterhof des Abschleppunternehmers.


Dort erkannte ihn schließlich ein Szene-Kenner und informierte die Oldtimer-Experten des deutschen Unternehmens „ChromeCars“, das seinen Hauptsitz sogar bei Jena hat. „Zwischen alten Traktoren und Abschleppern haben sie im Dezember den ‚Futurliner‘ unter schwierigen Wetterbedingungen bei minus 15 Grad geborgen“, erzählt Schramm die Geschichte. Dadurch, dass das Fahrzeug über 50 Jahre nur abgestellt war, sei es besonders wertvoll. „Er ist fast vollständig im Originalzustand. Nur das Show-Innenleben existiert nicht mehr: Das komplette Innenleben befindet sich im Museum von General Motors in Detroit“, so Schramm. „Damit dürfte es sich wohl um den größten Scheunenfund in der Geschichte der USA handeln.“

Wenn der Ilmenauer über den „Futurliner“ spricht, bekommt er leuchtende Augen. Mittlerweile hat sich Schramm gesetzt, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und grinst noch immer wie ein kleines Kind, das ungeduldig auf den Weihnachtsmann wartet. „Aufmerksam geworden auf das Auto bin ich 2006, als es für die vier Millionen Dollar verkauft wurde. Es war Liebe auf den ersten Blick und ich wusste: Das wäre die Krönung meiner Oldtimer-Sammlung“, erinnert er sich. Problem war nur, dass kein weiteres dieser Fahrzeuge in den Jahren darauf zum Verkauf stand. „Es wurde nie wieder angeboten und ich habe es fast wieder aus den Augen verloren.“

Zehn Jahre vergingen, dann wurde Schramm urplötzlich wieder an die „roten Elefanten“ erinnert. „Ich saß in einem Café und plötzlich kam der Wirt zu mir, legte mir eine Boulevardzeitung auf den Tisch und fragte, ob das nicht das Fahrzeug sei, das ich immer unbedingt haben wollte.“ In der Tat. Abgebildet war „Futurliner“ Nummer 9, der im vorigen Sommer nach Jena verkauft wurde. Schramm war sofort Feuer und Flamme, suchte im Internet die Telefonnummer der Oldtimer-Experten von „ChromeCars“ heraus, die für den Kauf verantwortlich waren. „Kai Nieklauson, der Käufer, lud mich zu sich nach Usedom ein und wollte mir das Fahrzeug auch wirklich zeigen“, so Schramm. „Nur verkaufen – das wollte er nicht.“

Entscheidung in Sekunden

Immerhin: Aus dem Kontakt zu Nieklauson entwickelte sich in den folgenden Wochen und Monaten eine regelrechte Freundschaft – und die zahlte sich für Schramm dann wirklich aus. Noch während die „ChromeCars“-Kollegen im Dezember den „Futurliner“ unter dem Wellblechdach hervorzerrten, klingelte in Ilmenau das Telefon. Marek Schramm hob ab, Kai Nieklauson war am anderen Ende der Leitung. „Marek, wir haben ‚Nummer 7‘ gefunden“, sagte ihm der Oldtimer-Experte. „Willst du ihn haben? Du hast zehn Minuten Zeit.“ Auch wenn der Ilmenauer Investor über den Kaufpreis nicht sprechen will – es war eine Bauchentscheidung, bei der es um einen sehr hohen Geldbetrag ging. Und sie musste ohne Bild oder jegliche andere Vorkenntnisse zum Fahrzeug getroffen werden. „Überlegen musste ich trotzdem nicht. Ich habe sofort zugeschlagen“, erzählt Schramm am Dienstagabend in seinem Büro.

Eineinhalb Tage und zwei schlaflose Nächte später wird der Traum von Schramm tatsächlich Wirklichkeit. Es ist kurz vor acht Uhr, als ein Kran den „Futurliner“ vom Tieflader hebt. Zentimeter für Zentimeter schwebte er auf seinen neuen Eigentümer zu. „Wir mussten sogar das Garagentor vergrößern, um ihn in die Werkstadt zu bekommen“, so Schramm.

Auch mit dabei ist Kai Nieklauson, der jedes Detail beim Abladen genauestens beobachtet. „Es ist regelrecht ein amerikanisches Kulturgut, dass wir heute nach Ilmenau geholt haben“, sagt er stolz. „Und viele Amerikaner wusste über viele Jahrzehnte hinweg überhaupt nicht mehr, dass sie Fahrzeuge überhaupt existierten.“ Erst in den 90er-Jahren, erklärt der Oldtimer-Experte, sei die Erinnerung an diese extravaganten Vehikel ganz langsam zurückgekehrt. Spätestens nach der Auktion von 2006 seien die „Futurliner“ dann aber wieder großes Gesprächsthema gewesen. „Und nun fragen sich die Amerikaner, warum dieses Kulturgut ausgerechnet ins europäische Ausland verkauft wird“, so Nieklauson. „Viele regen sich auf, dass dies gar nicht hätte passieren dürfen.“ Doch die amerikanischen Oldtimer-Händler verkaufen gerne nach Europa, insbesondere nach Deutschland – aus einem ganz bestimmten Grund. „Wird so ein Oldtimer in den Vereinigten Staaten restauriert, wird daraus ein Show-Gefährt gemacht. In Deutschland wird mehr Wert auf die historische Restauration gelegt, das schätzen sie Händler“, so Nieklauson.

Angst vor Trump

Als der neue US-Präsident Donald Trump an die Macht kam, wurden Nieklauson und sein Team trotzdem unruhig. „Wir hatten wirklich Angst davor, dass er ein Dekret erlässt, dass die Ausfuhr derartiger Kulturschätze verbietet. Dann wäre auch der Traum von Marek zerplatzt“, sagt Kai Nieklauson. Soweit kam es aber nicht, weshalb der „Futurliner“ dann von Amerika nach Rotterdam verschifft werden konnte. „Da waren wir erleichtert“, erzählt der Oldtimer-Experte und setzt dann eine dramaturgische Pause. „Bis wir glaubten, der Bus sei beim Transport verloren gegangen.“ Nieklauson, der die Verschiffung per GPS-Tracking verfolgte, musste nämlich plötzlich feststellen, dass das Schiff gar nicht in Rotterdam ankam, sondern in Antwerpen. Doch die Entwarnung kam schnell. Es lag schlichtweg eine falsche Tracking-Nummer vor, so dass Nieklauson das falsche Schiff verfolgt hatte.

Nun steht der „Futurliner“ also nach seiner langen Reise in Ilmenau. Der Großteil der Arbeit beginnt für Schramm und sein Team aber erst jetzt. In den nächsten drei Jahren soll der Bus in den Originalzustand versetzt werden. „Was ich dann damit mache, weiß ich noch gar nicht“, sagt Marek Schramm und lacht. „Das ist wie damals mit meiner Frau. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber was draus wird, wussten wir zuerst nicht. Jetzt sind wir verheiratet und haben ein Kind zusammen. Alles ist super. Das ist, glaube ich, ein ganz guter Vergleich.“

Und auch auf eine andere Herausforderung muss sich der Tausendsassa einstellen. Er muss nochmal die Schulbank drücken – wenn auch nur in einer Fahrschule. „Keine Ahnung, was man für einen Führerschein dafür braucht, aber ich werde ihn nicht haben. Ich könnte mein Traumauto also noch nicht einmal fahren“, so Schramm. Dabei haben sich er und Kai Nieklauson doch schon für eine Deutschland-Tour verabredet. Bis es soweit ist, dürften aber noch einige Jahre vergehen.