Hotelfachkräfte fehlen Übernachtungsanstieg von 187 Prozent

Wachsende Reiselust: Die Zahl der Gästeübernachtungen im Ilm-Kreis ist nach dem Einbruch zu Beginn der Pandemie wieder deutlich gestiegen. Foto: NGG/Alireza Khalili

Der Tourismussektor des Ilm-Kreises scheint sich nach der Pandemie wieder zu erholen. Zumindest steigen die Übernachtungszahlen deutlich. Um den touristischen Betrieb am Laufen zu halten, fehlt es aber am Personal, mahnt die Gewerkschaft NGG.

Tourismus-Boom nach Corona-Flaute: Der Ilm-Kreis verzeichnete im ersten Halbjahr des Jahres rund 143 000 Übernachtungen von Gästen aus dem In- und Ausland. Dies seien 187 Prozent mehr als in der ersten Jahreshälfte 2021. Denn im vergangenen Jahr galt zum Teil noch ein Beherbergungsverbot bei Privatreisen, das als „Tourismus-Bremse“ gewirkt habe. Darauf macht die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) aufmerksam. Die NGG beruft sich dabei auf aktuelle Angaben des Statistischen Landesamtes.

„Dass wieder viel mehr Urlauber und Geschäftsreisende in den Ilm-Kreis kommen, ist für das Hotel- und Gaststättengewerbe eine gute Nachricht – vor allem auch für die Beschäftigten. Nach zweieinhalb Jahren Pandemie kehrt die Branche Stück für Stück auf das alte Niveau zurück“, sagt Jens Löbel, Geschäftsführer der NGG-Region Thüringen. Von der „Normalität“ seien viele Hotels, Pensionen und Wirtshäuser aber noch weit entfernt. Der Grund: Den Unternehmen gelingt es nach Beobachtung der Gewerkschaft kaum, genug Personal für die wachsende Arbeit zu finden.

Zu viele Überstunden

Zwar hätten derzeit viele Branchen mit dem Mangel an Fachleuten zu kämpfen, doch im Gastgewerbe falle die Suche nach qualifizierten Kräften besonders schwer. Das liege vor allem an den Arbeitsbedingungen, urteilt Löbel. So klagten im letzten DGB-Ausbildungsreport 59 Prozent der angehenden Hotelfachleute und 54 Prozent der Azubis in der Küche, regelmäßig Überstunden machen zu müssen – dies sei ein Spitzenwert. „Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist nicht nur spätabends oder am Wochenende im Einsatz. Die Beschäftigten erfahren oft auch erst am Vortag vom Chef, dass sie einspringen sollen. Zum Beispiel, weil sich die Wettervorhersage geändert hat und einen Run auf den Biergarten erwarten lässt. So kann aber niemand seinen Alltag planen – schon gar nicht, wer Kinder hat“, so Löbel.

Dicke Personaldecke wichtig

Nach Einschätzung des Gewerkschafters sei ein erheblicher Teil der rund 1 260 Menschen, die das Gastgewerbe im Ilm-Kreis laut Arbeitsagentur beschäftigt, von diesen kurzfristigen Dienstplan-Änderungen betroffen. Wer sich für die Branche entscheide, wisse, dass die Arbeitszeiten anders seien als in einem Büro-Job. „Wichtig ist zugleich eine Personaldecke, die dick genug ist, um auch kurzfristig Events wie Geburtstage oder Hochzeiten ausrichten zu können“, betont Löbel.

Um Arbeitszeit und Dienstplanung fair zu regeln, sollten sich die Betriebe zu tariflichen Standards bekennen. Dort, wo es einen Betriebsrat gebe – etwa in Hotelketten oder in der Systemgastronomie – könnten sozialverträgliche Lösungen mit der Arbeitnehmervertretung gefunden werden.

In einem entscheidenden Punkt seien Hotels und Gaststätten als Arbeitgeber bereits attraktiver geworden: Die Löhne in der Branche steigen nach dem aktuellen Tarifvertrag für Thüringen deutlich. So klettert der Einstiegsverdienst im Rahmen der Laufzeit auf mehr als 13 Euro pro Stunde. Fachkräfte mit zweijähriger Betriebszugehörigkeit (Tarifgruppe sechs) kommen so ab Oktober auf einen Stundenlohn von 14,23 Euro. „Das ist ein enormer Schub fürs Portemonnaie der Beschäftigten. Jetzt kommt es darauf an, dass die Firmen den Tariflohn auch zahlen – und bei den Arbeitsbedingungen nachlegen“, so die NGG.

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