Hospizarbeit Vom Leben und Sterben Begleiten bis zuletzt

Als Gruppe zusammengewachsen: Von rechts: Kristin Günther, Sandro Willer, Heike Heckmann, Lisa-Maria Gerstung, Bianka Fiedler, Diana Zeiß, Ralf Fiedler, Foto:  

Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten. Das lernten sieben Frauen u nd zwei Männer in ihrer Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter. Anfang dieser Woche erhielten sie ihre Zertifikate.

Schmalkalden - Das Thema Tod war schon sehr früh präsent im Leben von Alina Fiedler. Vor vier Jahren verlor sie ihren Bruder bei einem Verkehrsunfall. Er war damals so alt wie die junge Frau heute ist: 19 Jahre. In ihrer Trauer suchte Familie Fiedler, zu Hause in Geraberg, Kontakt zu Betroffenen – fand Aufnahme und Halt bei den „Verwaisten Eltern“. Eine Selbsthilfegruppe, angesiedelt beim Ambulanten Hospiz-und Palliativdienst Schmalkalden, der von den Koordinatorinnen Heike Heckmann und Kristin Günther geleitet wird.

Der Tod des Bruders sowie die Treffen und Gespräche haben Alina sehr geprägt. So reifte bei der gelernten Erzieherin im Laufe der Zeit die Idee heran, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen – und Bestatterin zu werden. „Um Himmelswillen! Wie kannst du nur?“, waren die ersten Reaktionen, wenn Alina von ihrer Entscheidung erzählt. Es gibt eine Menge Vorurteile, weiß sie. Auch ihre Eltern Bianca (50) und Ralf Fiedler (53) waren anfangs nicht begeistert von dem Entschluss der Tochter. Ob sie der großen Verantwortung, mit trauernden Menschen angemessen umzugehen, gerecht werden kann? Inzwischen haben sie keine Zweifel mehr. Denn gemeinsam mit Alina absolvierten sie in den vergangenen vier Monaten eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter. Während die junge Frau „austesten“ und Erfahrungen sammeln wollte, ob sie für den sehr anspruchsvollen Beruf des Bestatters überhaupt geeignet ist, wollten die Eltern, sensibilisiert durch das eigene Schicksal, lernen, andere Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten.

Über den Kontakt zu den Verwaisten Eltern erfuhren die Fiedlers, dass im August ein neuer Kurs zur Ausbildung von ehrenamtlichen Hospizbegleitern beginnt. Corona hatte den ursprünglich für Mai geplanten Start verhindert. Neun Interessierte, sieben Frauen und zwei Männer machen sie für vier Monate gemeinsam mit Heike Heckmann und Kristin Günther auf den Weg. Die Gruppe, die sich jeden Montagabend für etwa anderthalb Stunden trifft, ist bunt gemischt. Eine Krankenschwester ist dabei, eine Betreuerin, ein Altenhilfepfleger, eine Verwaltungsangestellte. Das Alter rangierte von 19 bis Anfang 60. Die Gründe für eine Teilnahme sind vielfältig. Alle aber eint ein Ziel: Sterbende auf ihrem letzten Weg nicht allein zu lassen. Sie würdig zu begleiten, zuzuhören, einfach da zu sein.

Auch die persönlichen Geschichten und Erfahrungen, die die Kursteilnehmer mitbringen, sind unterschiedlich. 18 Module stehen im Plan. Es gibt zahlreiche Vorträge, Gruppenübungen, Rollenspiele, interessante Gespräche. Es wird geweint und gelacht. Bei einem Praktikum können die Teilnehmer ihre Kenntnisse anwenden. Alina Fiedler zum Beispiel begleitet in einem Heim in Erfurt sterbende Menschen; Vater Ralf spendet Bewohnern eines Heimes in Gehrungen Trost – und ist dort an der Seite seines Schwiegervater, der vor zwei Wochen verstorben ist. In dieser Zeit hat der 53-Jährige gelernt, zuzuhören und Verständnis für andere Menschen zu entwickeln. Gewichen sei aber auch seine anfängliche Unsicherheit, gewachsen sein Selbstvertrauen, erzählt der Produktionsleiter. Anfangs habe er lange mit sich gerungen, ob er am Kurs teilnehmen sollte. Doch die Entscheidung sei richtig gewesen, resümiert er. Als die Gruppe am letzten Tag zusammensitzt und jeder symbolisch seinen Koffer für die weitere Reise packt, entscheidet sich Ralf Fiedler für die Selbstreflexion.

Denn um anderen Menschen in Extremsituationen wie dem nahenden Tod beistehen zu können, muss man zunächst einmal zu den eigenen Wurzeln zurückkehren. Wo liegen meine Ängste? Wie kann ich ihnen begegnen? Was möchte ich für mich selbst bei der Arbeit mit Sterbenden lernen und was habe ich zu geben?

Zu den neun ehrenamtlichen Hospizbegleitern, die Anfang der Woche ihr Zertifikat im neuen Gemeindehaus St. Georg entgegennehmen durften, gehört auch Lisa-Maria Gerstung. Die gelernte Krankenschwester wohnt in Meiningen, arbeitet in Schmalkalden und leitet hier das Seniorenwohnen der Arbeiterwohlfahrt in der Hoffnung. Mit ihren 30 Jahren hat sie sich bereits in vielen Situationen mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Privat und beruflich. Zum Beispiel als ehemalige Portschwester im SAPV-Dienst. Allein in den letzten vier Monaten hat die junge Frau zwei Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Ja, es gab auch Phasen, wo sie gezweifelt habe an ihrer Entscheidung, gibt Lisa-Maria Gerstung zu. Sie habe aber inzwischen gelernt, für sich selbst einen Weg zu finden, einen Rückzugsort. Leider werde das Angebot des Ambulanten Hospiz- und Palliativdienstes in der Öffentlichkeit noch nicht so wahrgenommen, bedauert Gerstung.

Etwa 50 Frauen und Männer haben in den vergangenen Jahren zum Hospizbegleiter ausbilden lassen, sagt Koordinatorin Heike Heckmann. Die Ehrenamtler sind im gesamten Altkreis Schmalkalden im Einsatz. Auch oder gerade in Corona-Zeiten. Wenn gewünscht. Viele Senioren- und Pflegeheime trauen sich derzeit nicht, Begleitung zuzulassen. Umso dankbarer sind sie und ihre Kollegin Kristin Günther, trotz Pandemie und Einschränkungen, diesen Kurs zu einem erfolgreichen Abschluss geführt zu haben. Diese Zeit, sagt Heike Heckmann, sei sehr emotional. Es mache sie traurig, dass so viele kranke und sterbende Menschen allein sind und auch recht allein sterben werden. Wer aber Hilfe und Begleitung sucht, findet sie bei Menschen wie bei den Fiedlers oder Lisa-Maria Gerstung. Sie sind bereit, sich gemeinsam mit den ihnen anvertrauten Menschen auf den letzten Weg zu begeben.

 

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