Holocaust Immer weniger können noch berichten

Begegnung der Foto: /Michael Reichel

Immer seltener können die Überlebenden der Schoah ihre Geschichten anderen von Angesicht zu Angesicht erzählen. Das, was sie zu sagen haben, ist jedoch in Videointerviews fest­gehalten – die die Erinnerungskultur vor Herausforderungen stellen.

Weil Corona ist, wird sich die Leere kaum zeigen. Aber sie lässt sich fühlen. Schon jetzt. Die Leere, die seit Jahren größer und größer wird, die mehr und mehr um sich greift. Jene Leere, die am 31. März 2021 dadurch gewachsen war, dass Günter Pappenheim starb.

Wenn nun am Donnerstag – dem 27. Januar 2022, dem diesjährigen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts – wieder daran erinnert wird, was die Nazis von deutschem Boden aus Menschen erst in Deutschland, später in ganz Europa in den 1930er und 1940er Jahren angetan haben, dann wird es ziemlich vier Jahre her sein, dass Pappenheim sich im Thüringer Landtag daran erinnerte, in welchem Klima Juden wie er damals lebten. Im Januar 2018 hatte Pappenheim dort, vor Dutzenden Schülern sitzend, erzählt, wie seine Familie schon vor der Reichspogromnacht 1938 angefeindet und entrechtet worden war.

Schon vor dieser verhängnisvollen Nacht, hatte der 1925 in Schmalkalden geborene Mann gesagt, hätten einige Kinder seinem zwei Jahre jüngeren Brüden eine Schlinge um den Hals gelegt. „Wenn ich nicht eingegriffen hätte, weiß ich nicht, ob er das noch überlebt hätte“, sagte Pappenheim an diesem Tag in Erfurt. Er selbst wurde später durch die Nazis – Deutsche wie er – erst in ein Arbeitslager in der Nähe von Römhild verschleppt. Im Oktober 1943 kam er dann ins Konzentrationslager Buchenwald. Zum Verhängnis war ihm geworden, dass er für französische Zwangsarbeiter am französischen Nationalfeiertag die Marseillaise gespielt hatte und daraufhin denunziert worden war.

All das hatte Pappenheim vor vier Jahren mit der leisen, gebrechlichen Stimme eines Über-90-Jährigen erzählt, dessen Geist zwar noch hellwach war, dessen Körper ihm aber mehr und mehr den Dienst versagte.

Anders in einem Video-Interview aus dem Jahr 2012, in dem Pappenheim aus seinem Leben erzählt. Davon, dass er in einer glücklichen Familie aufwuchs, davon, wie er verhaftet wurde, davon, was ihm in Buchenwald widerfuhr. Seine Stimme damals war deutlich kräftiger als 2018. Seine Augen wacher. Seine Körpersprache lebendiger.

Dieses Video überdauert seinen Tod. Heute ist es im Internet zu finden, auf der Seite des Erinnerungsortes Topf & Söhne, der in der thüringischen Landeshauptstadt daran erinnert, dass es deutsche Ingenieurskunst war, die zum industriellen Massenmord an den Juden in der Mitte des 20. Jahrhunderts maßgeblich beigetragen hat. Insgesamt zehn Interviews mit Überlebenden sind auf der Webseite zu finden, unter anderem mit Esther Bejarano, Éva Fahidi-Pusztai und Reinhard Schramm, der heute der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens vorsteht.

Interviews wie dieses werden in einigen Jahren die einzigen Quellen sein, aus denen die Überlebenden des Holocausts, der Schoah, zu den Nachgeborenen in Bewegtbildern mit ihren eigenen Stimmen werden sprechen können. Denn in absehbarer Zeit werden die Stühle, auf denen Zeitzeugen wie Pappenheim in der Vergangenheit Platz genommen haben, nicht nur im Thüringer Landtag gänzlich leer bleiben.

Dieses Jahr nehmen keine Überlebenden an den offiziellen Thüringer Gedenkfeierlichkeiten teil, weil die Coronapandemie eine große Vor-Ort-Gedenkveranstaltung verbietet. Vor allem verbietet sie die Anwesenheit von Hochbetagten. Irgendwann in den nächsten Jahren aber, allzu bald werden diese Stühle leer bleiben, weil die letzten Überlebenden dann den Weg alles Irdischen gegangen sein werden.

Für die deutsche Erinnerungskultur ist das Ableben dieser Menschen eine Zäsur. Gleichwohl eine, die natürlich nicht unvorhergesehen kommt. Schon seit ungefähr zehn, vielleicht zwanzig Jahren bereiten sich zum Beispiel Gedenkstätten, Museen und ähnliche Einrichtungen auf den Moment vor, da auch der letzte Zeitzeuge gestorben sein wird. Zuletzt sind die Vorbereitungen immer intensiver geworden, wo-für es bezeichnend ist, dass das Interview mit Pappenheim zwar schon seit Jahren in den Archiven des Erinnerungsortes Topf & Söhne liegt, aber erst seit Ende 2021 im Internet abrufbar ist. „Ich habe es auch ganz persönlich immer als einen großen Schatz empfunden, dass Überlebende ihre Erfahrungen mit uns teilen“, sagt die Leiterin des Erinnerungsortes, Annegret Schüle. Nun aber, da ihre Zahl immer kleiner werde, sei es an der Zeit, auf das persönliche Gespräch mit ihnen Schritt für Schritt die Videointerviews folgen zu lassen.

Diese Videointerviews – und das unterstreicht, welche Zäsur sich gerade vollzieht – allerdings können das Gespräch mit Überlebenden nicht eins zu eins ersetzen; da ist sich Schüle nicht nur mit dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Karsten Uhl, völlig einig. In der Dauerausstellung der Gedenkstätte wird schon seit einigen Jahren mit zumindest kurzen Ausschnitten der Zeitzeugen-Interviews gearbeitet. Dort findet in diesem Jahr ein wesentlicher Teil die Gedenkfeierlichkeiten des Freistaats statt, auf denen auch Video-Grußbotschaften von Überlebenden abgespielt werden sollen.

Zwar, sagen sowohl Schüle als auch Uhl, gebe es etwa im pädagogischen Umgang mit Videointerviews und Zeitzeugengesprächen durchaus einige Gemeinsamkeiten. Wenn etwa Schüler mithilfe eines Zeitzeugengesprächs oder mithilfe eines Videointerviews etwas über die Zeit des Nationalsozialismus lernen sollten, sei es in beiden Fällen wichtig, sie auf das vorzubereiten, was sie dabei hörten und sähen. Auch müsse es eine Nachbereitung geben. Pädagogen müssten die Jugendlichen mit der Biografie des Menschen vertraut machen, der zu ihnen spricht, entweder von Angesicht zu Angesicht oder von einer Aufzeichnung aus.

Allerdings, sagen die Historikerin und der Historiker, fehle bei den Videointerviews am Ende doch der wirkliche, direkte, persönliche Kontakt mit einem Überlebenden. Was tatsächlich Folgen habe. Einerseits, so formuliert das Uhl, gehe so sehr leicht unter, dass der Holocaust noch nicht allzu lange her ist. „Das war vor gerade mal einem Menschenleben“, sagt er. Das begreife man um so besser, wenn jemand, der diese Zeit erlebt habe, direkt vor einem sitze.

Andererseits sei es nicht möglich, an ein Videointerview Rückfragen zu stellen, sagt Schüle. Schüler könnten über sie deshalb nicht in jene Bereiche des Lebens eines Überlebenden eindringen, die sie vielleicht besonders interessieren, zu denen der Interviewer aber keine Fragen gestellt hatte.

Eine mögliche Folge: Gerade junge Menschen könnten weniger emphatisch auf ein Interview reagieren als auf ein Zeitzeugengespräch, was sich wiederum auf ihr Interesse an der Geschichte auswirken könne. Das sei umso schwerwiegender, weil das Gespräch mit Überlebenden für viele Menschen der Einstieg in die erstmalige oder auch die fortgesetzte, intensive Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus sei, sagt Uhl.

Auch bei ihm selbst war das so. Noch immer kann sich Uhl sehr genau an einen Satz erinnern, den er in einem Zeitzeugengespräch von einem Mann gehört hat, der während des Krieges in Mittelbau-Dora gefangen gehalten worden war. Dieser Mann – ein ungarischer Jude – habe dabei davon erzählt, wie es ihm ergangen war, als er 1944 an der Rampe von Auschwitz stand, und jemand darüber entschied, ob er als arbeitsfähig eingestuft oder direkt „ins Gas“ geschickt werden würde. Dabei habe der Mann sich daran erinnert, wie ihm ein Kapo in Auschwitz vor dieser Auswahl einen Satz zugeraunt habe, der sein Leben rettet. Die ganze Zeit habe er in dem Gespräch auf Englisch gesprochen, sagt Uhl, diesen einen Satz aber habe er auch in dem Interview auf Deutsch wiedergegeben: „Du bist 16, Du hast einen Beruf!“

Dass der Mann – der noch keine 16 Jahre alt war – das an der Rampe schließlich einem SS-Mann sagte, rettete ihn vor dem Tod. Er wurde zum Arbeiten gezwungen, die anderen aus seiner Familie wurden ermordet. „Dieser Satz wird mich ein Leben lang begleiten“, sagt Uhl.

Wenn sich nun solche Sätze und jene, die sie gesprochen haben, bald nur noch auf Leinwänden oder Bildschirmen wiedergeben lassen, dann wird das im Umkehrschluss dazu führen, dass für die Erinnerung an die Schoah die Orte noch wichtiger werden, an denen die Verbrechen der Nazis und ihrer Millionen Helfer tatsächlich stattgefunden haben. Also: Gedenkstätten wie Buchenwald, Mittelbau-Dora, Dachau, Auschwitz oder auch Erinnerungsorte wie Topf & Söhne.

An diesen historischen Orten, sagen Schüle und Uhl, lasse sich mit Besuchergruppen etwa im Zuge von Seminaren ebenso mit den oft langen Videointerviews arbeiten wie die – oft gekürzten – Aussagen daraus anhand von Exponaten oder Akten dort auch sofort in den größeren Kontext eingeordnet werden könnten.

Im Fall von Topf & Söhne sei dies besonders wichtig, weil sich so das Spannungsfeld besonders gut darstellen lasse, das die Geschichte des Holocausts durchzieht. „Da ist die kalte, technische und in unserem Fall kaufmännischen Sprache der Täter“, sagt Schüle. Die lasse sich zum Beispiel in all den Unterlagen finden, die davon zeugen, mit welcher Akribie und mit welchem Gewinnstreben man bei Topf & Söhne Krematorien für den Massenmord entwickelte. „Und dann sind da als Kontrast die sehr persönlichen Schilderungen der Menschen, die erlebt haben, wozu das geführt hat, die das erleiden mussten.“

Eine der für Schüle eindringlichsten Schilderungen aus einem Zeitzeugengespräch stammt von Éva Fahidi-Pusztai, die noch lebt und auch im Alter von 96 Jahren nicht daran denkt, damit aufzuhören, die nachfolgenden Generationen vor dem zu warnen, was der Glaube an die Überlegenheit einiger Menschen gegenüber anderen hervorbringen kann. Ganz am Ende dieses Gesprächs, das als Videointerview auch auf der Webseite des Erinnerungsorts abgerufen werden kann, formuliert sie ihre Botschaft für die Nachwelt, die in einem Satz gipfelt: „Wenn es keine Demokratie gibt, ist es nur ein Schritt zum Massenmord.“

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