Historischer Moment in Südthüringen Vier Städte – ein großes Ziel

Vier Städte, vier Stadträte, ein Ziel: das Oberzentrum Südthüringen. Dafür sind am Mittwochabend nach Jahren der kleinen Fort- und Rückschritte weitreichende Beschlüsse mit großer Einmütigkeit gefasst worden.

Das Podium: Thomas Schulz, Manuela Habelt, André Knapp, Richard Rossel, Jürgen Richter und André Henneberg (von links). Foto: /Michael Bauroth

Zella-Mehlis/Suhl/Schleusingen/Oberhof - Als die Stadträte aus Schleusingen Oberhof, Zella-Mehlis und Suhl auf den Parkplatz an der Mehrzweckhalle „Arena Schöne Aussicht“ rollen, gibt es ein Naturschauspiel, das so manchen eiligen Schritt einbremst. Ein Regenbogen spannt sich über die Gegend. Beinahe so, als wolle er Oberhof, Zella-Mehlis, Suhl und Schleusingen überdachen. Manch Kommunalpolitiker nimmt das als gutes Omen mit in die Halle, in die 88 Stadträte und weitere Gäste eingeladen sind. Sie sitzen zwar nicht an einem Tisch, aber in einem Raum. Und mit einem Ziel. Sie wollen die Entwicklung des Oberzentrums Südthüringen vorantreiben. Des Oberzentrums also, für dessen Funktionieren die vier Städte Oberhof, Zella-Mehlis, Suhl und Schleusingen sorgen wollen. Und das sehen einige Stadträte und Bürgermeister als einen historischen Moment an.

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Was Wunder, sind ähnliche Anläufe in der Vergangenheit immer wieder gescheitert. An Befindlichkeiten, an Streitereien, an Misstrauen und auch an Missgunst. Jetzt soll Vertrauen wachsen. Dafür haben die vier Städte eine Kommunale Arbeitsgemeinschaft gegründet. Und dafür liegt auch das Regionale Entwicklungskonzept vor, das am Mittwoch von den Stadträten der vier Städte beschlossen worden ist. In diesem Konzept definieren die beteiligten Kommunen die Voraussetzungen, um gemeinsam die Funktionen eines Oberzentrums zu übernehmen. Dazu gehört ein regionales Einzelhandelskonzept sowie die Entwicklung eines bedarfsgerechten und modernen ÖPNV ebenso wie die gemeinsame Entwicklung von Sport, Kultur und Tourismus. Dies alles spielt sich vor der Kulisse ab, die von einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung geprägt ist.

Um dem einen Riegel vorzuschieben, reicht es nicht, das Image der Region aufzupolieren, auf die schöne Landschaft zu verweisen und Hochglanzbroschüren zu verteilen. Es braucht eine gute Ausbildung für die jungen Leute, eine gute Kinderbetreuung, attraktive Arbeitsplätze und Freizeitangebote für Familien und einen gut vernetzten Nahverkehr, ansprechende Einkaufsangebote, eine gute medizinische Versorgung auch für die älteren Menschen. Kurzum, es geht um Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit, die die Region anziehend macht. Das alles ist es, was das künftige Oberzentrum Südthüringen ausmachen soll.

Es sei schade, dass das so spät angegangen werde. „Auch wenn wir noch nicht das Happy End dafür haben, wir haben ein Drehbuch dafür, wie es funktionieren kann“, sagt Stefan Lennardt von der Moduldrei Standortstrategie GmbH, der das knapp 100 Seiten starke Regionale Entwicklungskonzept „Entwicklung Oberzentrum Südthüringen“ vorstellt. Das beinhaltet Analysen des Istzustandes r und steckt Handlungsfelder ab. Diese zielen anderem auf eine gemeinsame Stadtentwicklung und -planung, auf die touristische Vernetzung, auf Bildung, Wissenschaft und Innovation sowie auf eine gemeinsame Kommunikation. Die Vielzahl von Papieren, Studien, Konzepten, geplanten Arbeitsgruppen und und und erinnern an den Marathon der Koalitionsverhandlungen auf dem ganz großen politischen Parkett. Es gibt viel zu bereden, zu bearbeiten und vor allem zu vertrauen. Das wird auch beim Regionalen Einzelhandelskonzept deutlich, das während der Vierer-Stadtratssitzung gesondert beraten und beschlossen wurde. Auch dies unter dem Vorzeichen der Entwicklung der Demografie und des Internethandels, was den Kuchen für alle kleiner werden lässt.

Das Werk, das sich auf fast 140 Seiten zwischen den Broschüre-Deckeln versammelt, zeigt die aktuellen Rahmenbedingungen samt Daten genauso wie Handlungsempfehlungen, Spielregeln und Perspektiven. Hier geht es um Sortimente, um den Einzelhandel, um Hauptzentren (beispielsweise in der Suhler Innenstadt), um Nebenzentren (Fachmärkte mit gesamtstädtischer Versorgungsfunktion). Und es geht um Regeln. „Mit dem Einzelhandelskonzept haben wir quasi eine Matrix, die eine klare Handlungsempfehlung für die Rathäuser ist“, sagt Eddy Donat von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschungs mbH.

Das Paket, das die vier Städte auf dem Weg zum Oberzentrum Südthüringen stemmen wollen, ist groß und schwer. Es braucht zweifellos einen Kraftakt. Und einen langen Atem. Der kann so manchem schon beim Zuhören und beim Studieren der vielen Handlungsfelder, für die es Konzepte, reichlich Arbeitsgruppen und noch mehr Zeit braucht, ausgehen.

Und es braucht Geld. Das (knapp 700 000 Euro) ist bereits über das Förderprogramm des Bundesinnenministeriums „Aktive Regionalentwicklung“ geflossen. Um diese Förderung hatte sich die Stadt Suhl im Oktober 2020 mit weiteren knapp 60 Regionen beworben. Die Jury hat zwölf Modellregionen zur Förderung ab 2021 ausgewählt, darunter Suhl, das mit einer Projektskizze unter dem Titel „Zusammen stark“ überzeugte.

Das Fundament ist also gelegt. Und die Leitplanken für die interkommunale Zusammenarbeit stehen. Wie Carolin Pofalla, Beraterin der LennardtundBirner GmbH, sagt, solle der Start für die Arbeitsgruppen noch im Herbst dieses Jahres mit einer externen Moderation erfolgen. Sie stellt das Finanzkonzept vor, in dem ersichtlich ist, dass der größte Posten für die Beauftragung Dritter kalkuliert wurde. Während Bernhard Meinunger (AfD/Suhl) meint, dass der Zeitrahmen für das Projekt nicht sehr ambitioniert sei und dass vor allem die Bevölkerung in dem Prozess mitgenommen werden müsse, hält Thomas Bischof (Freie Wähler/Zella-Mehlis) ein Plädoyer dafür, dass alle gemeinsam Mut und Vertrauen haben sollen. „Wir haben aktive Bürgermeister und eine ganze Menge Arbeit vor der Brust. Und darauf freue ich mich.“