Hilfe nach Flutkatastrophe „Eine nie nachlassende Hilfsbereitschaft unserer Leser“

Drei Monate ist es her, da wurden große Landstriche in Westdeutschland durch die Hochwasserkatastrophe zerstört, unzählige Menschen haben ihr Dach über dem Kopf verloren.

Unmittelbar nach der Katastrophe war der hiesige Journalist Klaus-Ulrich Hubert zusammen mit unseren Kollegen Sebastian Haak und Michael Reichel im Namen des Hilfevereins dieser Zeitung, „Freies Wort hilft“, vor Ort im Ahrtal. 265 000 Euro haben die Leserinnen und Leser bisher gespendet – Rekordsumme. Gerade kehrte Hubert von seinem zweiten Aufenthalt aus den zerstörten Landstrichen des Flüsschens Ahr zwischen Eifelgebirge und Rhein zurück.

Herr Hubert, wie steht es über zwei Monate später um die Betroffenen im engen Ahrtal und deren oft seit Generationen weitervererbten Anwesen?

Hubert: Wenn ich ehrlich sein soll: Mit meinen 73 Jahren würde es mir wohl total an Mut und Zuversicht mangeln, in all dem immer noch dominierenden Gestank von versickertem Heizöl, modernden Hausmauern und Abrisslücken sowie Schuttbergen, den zerstörter Straßen, Ufer, Rad- und Fußwegen, Wasser- und Abwasserinfrastrukturen, Tankstellen, Gastronomien, Einkaufsmöglichkeiten und so weiter noch mal bei fast null neu zu beginnen. Dennoch: Es gab bei meinem ersten Besuch und auch jetzt – zufällig übrigens um den Tag der Deutschen Einheit Anfang Oktober – so viele herzerwärmende, tief bewegende Begegnungen auch mit älteren Betroffen, die mich als Nichtbetroffenen wieder optimistischer stimmten. Und ich auch etwas stolz Umarmungen dafür erleben konnte, dass der viel gescholtene Osten der Republik dem – vermeintlich! – so reichen Westen hilft. Das war plötzlich mehrfach erlebte „Einheit von unten“, garniert mit meinen ersten rheinischen Dialekt-Versuchen. Und der Erkenntnis, dass man im Westen sprichwörtlich auch bloß mit Wasser kocht. Wasser, das seit der Katastrophe aus 1000-Liter-Containern zu holen ist, wie dereinst von der Pumpe. Es muss wirklich so etwas wie diese viel zitierte Mentalität der „rheinischen Frohnatur“ geben, die mit dem Hopsasa-und-Trallala des Karnevals nicht unbedingt zu tun hat. Wenn überhaupt, dann eher noch mit der Lage in Deutschlands berühmtestem Rotwein-Anbaugebiet beiderseits der steilen, felsigen Ahr-Hänge. Hier gab es zwar schon öfters Hochwasser, aber keinen Quasi-Tsunami wie den vom Juli dieses Jahres.

Was war Ihr konkreter Anlass zum zweiten Betroffenen-Besuch?

Ich wollte zunächst sehen, wie und wo „Freies Wort hilft“-Spenden nützlich waren. Und: Ich hatte beim Hilfeverein nach meinen konkreten und niederschmetternden Vorkenntnissen vom Ahrtal-Besuch nach der tödlichen Katastrophe noch um einige Spenden-Nachschläge für ganz konkrete schwer betroffene Empfänger gebeten.Darunter das Dernauer Ehepaar Dieter und Hannelore Koll. Weil in deren flussnaher Wohnlage alle Versicherungen dankend ablehnten, solche Kunden aufzunehmen. Schon lange vor der jüngsten Flut übrigens: Also unversichert!Der Mann ist mit seinen 83 Jahren noch fit und nicht depressiv, dirigiert bei unserer Ankunft gerade einen riesigen Dreiachser-Tankwagen auf seinen bereits abgerissenen und planierten Grundstücksteil: Dann strömt seine erste Flüssiggas-Ladung in den gerade fertiggestellten Großtank. „Nie wieder Heizöl, sagen hier fast alle betroffenen Leute“, so kommentiert er. Im Erdgeschoss summen Trocknungsaggregate, knistert ein Öfchen im zeitlichen Wettlauf mit dem bevorstehenden Winter. Wie es bei Frost und Nässe in den leer stehenden Häusern weiter gehen soll, interessierte mich besonders.„Da freust du dich auf deine letzten geruhsamen Lebensjahre in all dem mühevoll Geschaffenen“, sagt uns Dieter Koll und tippt an seine vom Heizöl und Schlamm versifften Hausmauern: „Aus dem leichten, gut isolierenden Eifel-Vulkan-Gestein 1910 von den Eltern erbaut, sind die natürlich auch saugfähig wie ein Schwamm. Aber stabil und deshalb nachnutzbar, nicht abrisspflichtig. Im Gegensatz zu allem, was hier vom Schlammwasser mitgerissen oder hier drin zerstört wurde. Nämlich nahezu alles! Und? Unsere uralten Deckenlampen, die holten sich dann auch noch Plünderer. Pfui Teufel!“Dieter machte für uns jene gruselig wummernden Geräusche nach, mit denen die Möbel in der nächtlichen Dunkelheit in der Schlammbrühe aufschwammen und krachend „kenterten“. Indes er und seine Frau im Obergeschoss in Todesangst auf baldiges Nichtmehransteigen des Flutpegels hofften, der örtliche (zumeist katholisch genutzte) Erdbestattungsfriedhof meterhoch unter Wasser geriet, Menschen von der Ahr in den Tod gerissen wurden.Herrn Kolls Frau Hannelore musste gerade zur Kur, als er uns seine Wiederaufbau-Helfer und bisherigen Leistungen zur Sanierungs-Vorbereitung vorstellt. Und dann das.Damit wir vielleicht „mal zu besseren, zu Friedenszeiten in unser momentan fast an Kriegsschäden erinnerndes Örtchen“ wiederkommen, zeigt uns der Dreiundachtzigjährige den einzigartigen Blick auf seine eigentlich so wunderschöne Heimat, die wir nicht kannten. Er prescht mit uns in seinem geretteten Kleinwagen auf den „Kickelhahn“ von Dernau: Tief im Westen, auf dem historischen Aussichtsturm, hoch oben auf dem Krausberg mit 360 Grad Rundumblick. Zur Hälfte davon eben leider auf diese typisch beigefarbene Schlammspur der Verwüstung beiderseits der Ahr.

Sie sprechen hier stets von „wir“ - warum?

Meine Frau Birgit und ich kamen nach der Katastrophe gerade aus einem Polen-Camper-Urlaub, ich konnte für „Freies Wort hilft“ tags darauf durchstarten, sie musste wieder arbeiten. Diesmal aber hatten wir unsere traditionelle Herbst-Camper-Tour so gelegt, dass wir mit übersichtlichem Umweg vom Elsass, der Saar und Luxemburg neue und vorangegangene Spendenadressen vor Ort fragen wollten „Wie geht’s euch inzwischen?“Von Höhe Nürburgring die Eifel durch, das steile und lange Ahrtal abwärts, so ließ sich schon ahnen, dass diese steile Topografie wie ein Trichter die Regenmassen talwärts leitete. Etwa wie von unserem Schmiedefeld am Rennsteig bis nach Stadtilm. Nur viel enger und steiler alles.Im Minikühlschrank unseres selbst gebauten Vivaro-Campers hatten wir zehn Rouladen und Teig für Thüringer Klöße dabei, die wir auf unserem Propangaskocher servierfähig kredenzen konnten. Kleine Geste über das Spendenvermitteln hinaus und sehr, sehr begeistert angenommen.

Sie waren schon bei etlichen Projekten für „Freies Wort hilft“ im Einsatz. Was ist da bei Ihnen hängengeblieben?

Es ist heute so viel von Entsolidarisierung und Spaltung der Gesellschaft die Rede, aber ich erlebe eben vielfach auch das Gegenteil. Es rührt und fasziniert mich geradezu, dass unseren Spendenaufrufen so viele – pardon! – liebenswert „Verrückte“ immer und immer wieder riesige Unterstützung leisten. Die uns und unseren in Not befindlichen „Geholfenen“ zur Seite stehen, sind zumeist Menschen, die nicht mit dem sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund geboren“ wurden.Glauben Sie mir, es ist auch ein gewisses, wirklich angenehmes Privileg dabei, wenn man – quasi mit dem Geld zumeist unbekannter Spender – zum „Südthüringen-Botschafter des guten Willens“ avanciert. Sozusagen von Altenfeld und Angstedt über Amerika bis zur Ahr (lacht). Es entschädigt für vieles, wenn man all die Bewegtheit, Dankbarkeit und herzlichen Umarmungen der „Geholfenen“ seinen Lesern im Heimatblatt hautnah durchreichen darf. Diesem Phänomen der scheinbar nie nachlassenden Hilfsbereitschaft will ich bis Weihnachten mein Büchlein „Gutmenschen“ widmen.

Worum soll es in dem Buch gehen?

Mir geht es um Erfahrungen, Erlebnisse und Bilanzen aus meinen fast zwei Jahrzehnten aktiver Mitarbeit im Verein „Freies Wort hilft“ und um Leistungen meiner Kolleginnen und Kollegen, die lange vor mir Großes für den Verein leisteten. Einfach, um den so bescheuert abschätzig umgenutzten Gutmenschen-Begriff vom Kopf auf die Füße zurückzustellen. Und um unseren seit Jahrzehnten so kontinuierlich spendenbereiten Leserinnen und Lesern gebührend dankend auf die Schultern zu klopfen. Ich sage Ihnen was: Für mein hier bereits angekündigtes Büchlein „Archiv des Außergewöhnlichen im Ilm-Kreis“ habe ich schon viel mehr Geschichten und „Tatorte“ gesammelt, als auf die geplanten fast 400 Seiten passen. Deren Fertigstellung musste wegen meines Ahr-Flut-Einsatzes einen Schritt kürzer treten. Aber was würden Sie an meiner Stelle tun, wenn Sie inmitten der Flut-Verwüstungen die bange Zukunfts-Unsicherheitsfrage ängstlich und unter Tränen gestellt kriegen: „Können Sie denn mit ihren Artikeln und Spendenaktionen noch möglichst lange dafür sorgen, dass man unser Schicksal hier nicht vergisst, wenn die nächsten fetten Schlagzeilen um die Ecke kommen?“ – Danke, dass ich hier die Möglichkeit bekam, mein Versprechen „Ja klar doch!“ einzulösen. Das Spendenkonto unseres Zeitungshilfewerkes bleibt sicher noch lange geöffnet.

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