Hilfsorganisationen wie das Technische Hilfswerk oder das Deutsche Rote Kreuz sind noch immer da, bauen Brücken oder betreiben Verpflegungsstützpunkte. Ein Wasserwerfer der Polizei fährt nach wie vor durch Rech und die umliegenden Dörfer und spült Schlamm und anderen Dreck von den Straßen. Einwohner der Dörfer sind – wie die van den Brekels noch immer dabei – ihre Häuser trocken zu legen, Putz von den Wänden zu schlagen, Fußböden herauszureißen und den sich daran anschließenden Wiederaufbau der Immobilien für die nächsten Monate und Jahre zu planen; unterstützt nach wie vor von unzähligen privaten Helfern aus ganz Deutschland. Manche schippen immer noch Schlamm. Wieder andere schleppen immer noch völlig zerstörte Regale und Schränke und Sofas auf die Straßen. Immer noch werden zerstörte Autowracks geborgen.
Was freilich alles zu Ermüdung und Ermattung führt. Es gab eine Zeit, da war selbst bei Menno van den Brekel der Frust über das alles so groß, dass er hinschmeißen wollte, dass er sich wünschte, die Flut hätte das Fachwerkhaus einfach komplett weggespült, damit er sich nun um den Wiederaufbau keine Gedanken mehr machen müsste. Diese Zeit ist inzwischen vorbei. Er und seine Frau wollen auf jeden Fall weiter in Rech leben, in diesem ihren, gerade neu entstehenden, schönen Haus.
Oben, in den Weinbergen, die das Ahrtal einrahmen, wandern inzwischen wieder die Touristen.
An diesem Tag sind es besonders viele, weil ein Weinfest stattfindet, bei dem es junge, nicht mehr junge und alte Menschen, manche mit Hunden und manche mit Kindern von Weinstand zu Weinstand zieht. Zu Fuß durch die Weinberge schlendernd haben viele von ihnen halbleere Weinflaschen in den Händen. Zwei Frauen mittleren Alters tragen ihre Weingläser in selbstgestrickten, rosafarbenen Halterungen um den Hals.
An einem dieser Weinstände, von dem man direkt auf das zerstörte Rech und die Aufräumarbeiten im Tal blicken kann, dröhnt ein deutscher Schlager durch den späten Nachmittag. Einer, der auch von Leid erzählt. Wenngleich von einem Leid, das ganz anders ist, als das, was sie im Tal zu beseitigen versuchen. „Du hast mich tausend Mal belogen“, heißt es in diesem Machwerk deutschen Sanges. Der kalte Herbstwind weht Fetzen davon ins Tal.
Es zeichnet die Menschen in der Region aus, dass sich viele von ihnen von diesem Gegensatz nicht abgestoßen fühlen, sondern ihn als Teil des Lebens danach begreifen. Nicht einmal, dass die angetrunkenen Touristen bisweilen direkt durch die zerstörten Dörfer laufen, an Trümmerbergen und Aufräumenden vorbei, dort ihre Handys für Fotos zücken und die Busse besteigen, die inzwischen wieder durch das Ahrtal rollen, stört viele der Einheimischen. Jedenfalls solange nicht, wie die Touristen ein Mindestmaß an Respekt gegenüber dem echten Leid zeigen, das sich ihnen im Tal zeigt und das nicht besungen wird. Solange sie also zum Beispiel keine Ruinenreste als Souvenirs mitnehmen, was es auch hin und wieder gibt.
Tatsächlich, sagt Schreier, lebe an der Ahr eigentlich jeder direkt oder indirekt vom Tourismus. Er selbst direkt, weil er nicht nur Vertreter des Bürgermeisters von Rech ist, sondern in dem 600-Seelen-Dorf einen Winzerhof betreibt, in dem es auch mehrere Gästezimmer gibt. „Es braucht den Tourismus hier“, sagt Schreier. „Wir wollen, dass die Menschen kommen, auch jetzt. Und die meisten Leute benehmen sich ja auch.“
Andere Kommunalpolitiker im Ahrtal sagen Ähnliches. Es habe in den vergangenen Wochen in der Region eine ausführliche Debatte darüber gegeben, ob Weinfeste und -Verkostungen dieses Jahr trotz der Flut stattfinden sollten, heißt es. Mit einem überwältigend-positiven Echo.
Eine Etage unterhalb des Balkons des Fachwerkhauses der van den Brekels war einmal der Garten der Familie. Gepflegter Rasen, ein kleiner Teich. Jetzt ist da eine aufgewühlte und zerfurchte Fläche voller Steine, an deren Rand die Tochter von Pia und Menno van den Brekel – Femke – steht. Auch sie gehört zu denen, die grundsätzlich kein Problem mit den Weinfesten und Touristen haben. Eben noch hat sie bunte Herzchen an eine Wand gesprüht.
Diese Herzchen sind ebenso Teil des Lebens danach an der Ahr.
Im Großen, weil neben den Touristen eben noch immer Menschen aus so vielen Teilen der Republik entweder über die großen und kleinen Hilfsorganisationen oder aber aus ganz privater Initiative heraus in die Region kommen, um beim Beseitigen der noch vorhandenen Trümmer und beim Wiederaufbau zu helfen. An ungezählten Häuser im Ahrtal danken ihnen die Einheimischen mit bunten Widmungen oder Grafits an Häuserwänden oder auf Transparenten.
Im Kleinen, weil bestimmt nicht nur Femke van den Brekel in den vergangenen Monaten ihr eigenes Herz an einen dieser Helfer verloren hat: An einen jungen Mann, der aus Frankfurt am Main kommt, und ein paar Tage nach der Flut das erste Mal im Ahrtal geholfen hat. Erst in Mayschoß und Ahrweiler. Später im Fachwerkhaus der Familie van den Brekel. „Wir haben uns am Presslufthammer kennengelernt“, sagt die junge Frau. Inzwischen ist er jedes Wochenende in Rech.
Das Leben danach bietet unten im Tal also auch große Chancen, wenn und während das große Leid beseitigt wird.