Hilfe im Ahrtal Das Leben nach der Flut

Drei Monate nach der verheerenden Flutkatastrophe an der Ahr sind viele Trümmer weggeräumt. Viele andere liegen noch in besonders schwer getroffenen Ortschaften wie Rech. Dazwischen wandeln inzwischen wieder Touristen. Beides ist Teil des Lebens danach.

Oben wird gelitten. Unten wird erlittenes Leid beseitigt. Oben schmerzt das Leid in den Ohren. Unten macht es Hoffnung, wie Helfer des Technischen Hilfswerks gerade dabei sind, eine neue Brücke über die Ahr zu bauen – und wie Pia und Menno van den Brekel davon erzählen, dass sie es mit ihrem Fachwerkhaus noch einmal versuchen werden.

In dem zweistöckigen Gebäude der van den Brekels pfeift der Wind kalt durch die Außenmauern, die an vielen Stellen offen sind, weil der Lehm fehlt. Den Lehm, den das Wasser nicht fortgespült hat, haben die beiden Physiotherapeuten und Helfer selbst aus den Wänden gekratzt. Das hilft nicht nur beim Trocknen des Inneren des Hauses. Es hat auch dem kleinen Vogel den Weg in den Innenraum des Gebäudes frei gemacht, der fröhlich von rechts nach links fliegt, als die beiden erzählen, dass sie das Haus vor 26 Jahren gekauft haben.

„Wir sind da naiv rangegangen, haben einfach gemacht“, sagt Menno van den Brekel. Immerhin, erzählt seine Frau, hätten sie einen Monat nach dem Kauf schon einziehen können. Seit damals hätten sie das Haus Stück für Stück saniert. Nun fangen sie noch mal ganz von vorne damit an. Bei null. „Eigentlich sogar unterhalb von null“, sagt Gerhard Schreier, der erste Beigeordnete des Bürgermeisters von Rech. Der Fußboden, auf dem er im Haus der van den Brekels steht, ist eigentlich kein Fußboden mehr. Was mal ein Fußboden war, ist inzwischen herausgerissen, herausgehämmert, herausgestemmt worden. Man steht nun auf Steinen.

Rech – der Ort in dem das Haus der van den Brekels steht – ist eines der kleinen Weindörfer an der Ahr, die von der Flutkatastrophe am schlimmsten getroffen worden sind, die das gesamte Ahrtal Mitte Juli verwüstet hat und nachhaltig prägt und prägen wird. Eine Jahrhundertkatastrophe, keine Frage. Doch solche abstrahierenden, einordnen Beschreibungen helfen nur wenig, wenn man wie die van den Brekels in den vergangenen Wochen von Tag zu Tag denken, leben und dabei ganz trivial anmutende Fragen beantworten musste. Fragen, deren Beantwortung in Rech nach der Flut alles andere als trivial war. Wo schlafen? Wo essen? Wie viel Schlamm muss noch raus?

In solchen Momenten ändert sich das Leben ganz grundlegend. Man muss Dinge tun, die man sonst nicht getan hätte. Wie Spenden annehmen, zum Beispiel. Jahrelang, erzählen van den Brekels, hätten sie im Rahmen eines jährlich stattfinden Dorffestes selbst geholfen, Spenden für die Krebshilfe zu sammeln. Etwa 100 000 Euro seien dabei in den vergangenen Jahren zusammengekommen. „Jetzt stehen wir auf der anderen Seite“, sagt Menno van den Brekel. „Das ist sehr, sehr komisch.“

Als im Ort Sachspenden verteilt wurden, hatte Pia van den Brekel zunächst große Hemmungen zuzugreifen. Obwohl die Flut das Haus der Familie völlig zerstört hat, sie so vieles verloren haben. Eine Freundin ihr rief ihr dann zu: „Jetzt stell Dich nicht so an!“

Vom zweiten Stock des Fachwerkhauses der van den Brekels gelangt man an einem gespendeten Holzofen vorbei auf einen Balkon, von dem aus sich weite Teile von Rech überblicken lassen. Ebenso wie der Blick von hier aus in die Weinberge schweifen kann, die das Dorf umgeben.

Diese Aussicht ist nicht nur schaurig schön. Traurig schön. Weil der Blick nun bis hinunter zum Wasser reicht. Vor der Flut war das unmöglich. Am Nachmittag des 14. Juli standen noch Häuser direkt am Ufer der Ahr, die man nun an vielen Stellen mit Gummistiefeln durchwaten könnte, ohne dabei nasse Füße zu bekommen. Am Morgen des 15. Juli waren mehrere dieser Häuser verschwunden. Weggerissen von einer Gewalt, die auch die Brücke in Rech völlig zerstört hat. Die Reste dieser Häuser sind inzwischen abgerissen worden. Das Haus der van den Brekels gehört nun zu denen, die auf dieser Seite der Ahr am dichtesten am Wasser stehen.

Vor allem aber bündelt sich in dieser Aussicht auch all die Widersprüchlichkeit, die das Leben im Ahrtal etwa drei Monate nach der Flut kennzeichnet. Ein Gegensatz, der von unten und oben gekennzeichnet ist. Den sie hier im Ahrtal bewusst in Kauf nehmen. Den viele hier sogar wollen.

Unten, im Tal entlang der Ahr, werden noch immer die Spuren der Flutnacht beseitigt.

Hilfsorganisationen wie das Technische Hilfswerk oder das Deutsche Rote Kreuz sind noch immer da, bauen Brücken oder betreiben Verpflegungsstützpunkte. Ein Wasserwerfer der Polizei fährt nach wie vor durch Rech und die umliegenden Dörfer und spült Schlamm und anderen Dreck von den Straßen. Einwohner der Dörfer sind – wie die van den Brekels noch immer dabei – ihre Häuser trocken zu legen, Putz von den Wänden zu schlagen, Fußböden herauszureißen und den sich daran anschließenden Wiederaufbau der Immobilien für die nächsten Monate und Jahre zu planen; unterstützt nach wie vor von unzähligen privaten Helfern aus ganz Deutschland. Manche schippen immer noch Schlamm. Wieder andere schleppen immer noch völlig zerstörte Regale und Schränke und Sofas auf die Straßen. Immer noch werden zerstörte Autowracks geborgen.

Was freilich alles zu Ermüdung und Ermattung führt. Es gab eine Zeit, da war selbst bei Menno van den Brekel der Frust über das alles so groß, dass er hinschmeißen wollte, dass er sich wünschte, die Flut hätte das Fachwerkhaus einfach komplett weggespült, damit er sich nun um den Wiederaufbau keine Gedanken mehr machen müsste. Diese Zeit ist inzwischen vorbei. Er und seine Frau wollen auf jeden Fall weiter in Rech leben, in diesem ihren, gerade neu entstehenden, schönen Haus.

Oben, in den Weinbergen, die das Ahrtal einrahmen, wandern inzwischen wieder die Touristen.

An diesem Tag sind es besonders viele, weil ein Weinfest stattfindet, bei dem es junge, nicht mehr junge und alte Menschen, manche mit Hunden und manche mit Kindern von Weinstand zu Weinstand zieht. Zu Fuß durch die Weinberge schlendernd haben viele von ihnen halbleere Weinflaschen in den Händen. Zwei Frauen mittleren Alters tragen ihre Weingläser in selbstgestrickten, rosafarbenen Halterungen um den Hals.

An einem dieser Weinstände, von dem man direkt auf das zerstörte Rech und die Aufräumarbeiten im Tal blicken kann, dröhnt ein deutscher Schlager durch den späten Nachmittag. Einer, der auch von Leid erzählt. Wenngleich von einem Leid, das ganz anders ist, als das, was sie im Tal zu beseitigen versuchen. „Du hast mich tausend Mal belogen“, heißt es in diesem Machwerk deutschen Sanges. Der kalte Herbstwind weht Fetzen davon ins Tal.

Es zeichnet die Menschen in der Region aus, dass sich viele von ihnen von diesem Gegensatz nicht abgestoßen fühlen, sondern ihn als Teil des Lebens danach begreifen. Nicht einmal, dass die angetrunkenen Touristen bisweilen direkt durch die zerstörten Dörfer laufen, an Trümmerbergen und Aufräumenden vorbei, dort ihre Handys für Fotos zücken und die Busse besteigen, die inzwischen wieder durch das Ahrtal rollen, stört viele der Einheimischen. Jedenfalls solange nicht, wie die Touristen ein Mindestmaß an Respekt gegenüber dem echten Leid zeigen, das sich ihnen im Tal zeigt und das nicht besungen wird. Solange sie also zum Beispiel keine Ruinenreste als Souvenirs mitnehmen, was es auch hin und wieder gibt.

Tatsächlich, sagt Schreier, lebe an der Ahr eigentlich jeder direkt oder indirekt vom Tourismus. Er selbst direkt, weil er nicht nur Vertreter des Bürgermeisters von Rech ist, sondern in dem 600-Seelen-Dorf einen Winzerhof betreibt, in dem es auch mehrere Gästezimmer gibt. „Es braucht den Tourismus hier“, sagt Schreier. „Wir wollen, dass die Menschen kommen, auch jetzt. Und die meisten Leute benehmen sich ja auch.“

Andere Kommunalpolitiker im Ahrtal sagen Ähnliches. Es habe in den vergangenen Wochen in der Region eine ausführliche Debatte darüber gegeben, ob Weinfeste und -Verkostungen dieses Jahr trotz der Flut stattfinden sollten, heißt es. Mit einem überwältigend-positiven Echo.

Eine Etage unterhalb des Balkons des Fachwerkhauses der van den Brekels war einmal der Garten der Familie. Gepflegter Rasen, ein kleiner Teich. Jetzt ist da eine aufgewühlte und zerfurchte Fläche voller Steine, an deren Rand die Tochter von Pia und Menno van den Brekel – Femke – steht. Auch sie gehört zu denen, die grundsätzlich kein Problem mit den Weinfesten und Touristen haben. Eben noch hat sie bunte Herzchen an eine Wand gesprüht.

Diese Herzchen sind ebenso Teil des Lebens danach an der Ahr.

Im Großen, weil neben den Touristen eben noch immer Menschen aus so vielen Teilen der Republik entweder über die großen und kleinen Hilfsorganisationen oder aber aus ganz privater Initiative heraus in die Region kommen, um beim Beseitigen der noch vorhandenen Trümmer und beim Wiederaufbau zu helfen. An ungezählten Häuser im Ahrtal danken ihnen die Einheimischen mit bunten Widmungen oder Grafits an Häuserwänden oder auf Transparenten.

Im Kleinen, weil bestimmt nicht nur Femke van den Brekel in den vergangenen Monaten ihr eigenes Herz an einen dieser Helfer verloren hat: An einen jungen Mann, der aus Frankfurt am Main kommt, und ein paar Tage nach der Flut das erste Mal im Ahrtal geholfen hat. Erst in Mayschoß und Ahrweiler. Später im Fachwerkhaus der Familie van den Brekel. „Wir haben uns am Presslufthammer kennengelernt“, sagt die junge Frau. Inzwischen ist er jedes Wochenende in Rech.

Das Leben danach bietet unten im Tal also auch große Chancen, wenn und während das große Leid beseitigt wird.

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