Heimatgeschichte des Sonneberger Landes Unkart: Pfarrer in bewegter Zeit

Friedrich Ludwig Unkart war rund 35 Jahre Pfarrer in Neuhaus und Schierschnitz und erlebte eine Zeit des radikalen wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs. Er wurde in Sonneberg geboren, wuchs in Effelder auf, machte in Schleusingen Abitur und studierte in Leipzig.

Föritztal - Friedrich Ludwig Unkart? Nie gehört, wer soll das sein? Die Bewohner des Kirchspiels Neuhaus-Schierschnitz haben ihn vergessen, dabei war er rund 35 Jahre ihr Pfarrer. Kein Wunder, es ist auch 150 Jahre her, dass dieser Pfarrer sein Werk tat. Er ist im Nebel der Geschichte verschwunden.

Seit aber ein Teil der Kirchenbücher des Sonneberger Landes im online Portal Archion der Öffentlichkeit zugänglich sind, taucht sein Name wieder auf. Der Pfarrer von Neuhaus und Schierschnitz ¬war zuständig auch für die Orte: Buch, Bernhardsgrube, Altenberg, Eichitz, Gessendorf, Schwärzdorf, Mark, Lindenberg, Sichelreuth, Rotheul und für die Körnerswustung. Er hat seine Pfarrkinder in einer Zeit voller Umbrüche begleitet.

Aus Bauern wurden Bergleute und Walzwerksarbeiter

Welch eine Zeit?! Die Montanindustrie erlebte in ganz Deutschland eine Blüte. Im Gebiet rund um Stockheim fand dies dank der im 18. Jahrhundert erschlossenen Steinkohlenvorkommen statt. Neuhaus entwickelt sich zu einer Industriegemeinde. Aus Bauern wurden Bergleute und Fabrikarbeiter. In den Berufsangaben im Kirchenbuch ist nachzulesen: Der Beruf des Leinewebers verschwand innerhalb weniger Jahrzehnte, weil die in Handarbeit gefertigten Stoffe durch die billiger industriell gefertigten verdrängt wurden. Die Bevölkerung vermehrte sich dank verminderter, im heutigen Vergleich aber immer noch hoher, Kindersterblichkeit rasant. Trotzdem waren die Lebensbedingungen aus heutiger Sicht bedrückend. Die Umwälzungen brachten auch eine Verarmung der Landbevölkerung mit sich. Es war die Zeit, in der der deutsche Philosoph Karl Marx im Manifest der Kommunistischen Partei einen Ausweg aus der Misere des Frühkapitalismus suchte und Friedrich Engels in einem drastischen Porträt die veränderte Lage der arbeitenden Klasse beschrieb.

In Sonneberg geboren und geheiratet

Woher kam Pfarrer Unkart? Er entstammte selber einer Pfarrersfamilie. Sein Vater Erasmus war in Immelborn bei Bad Salzungen geboren und war nach Pfarrstellen in Schweina, Belrieth nach Effelder gekommen. Seine Mutter Christiane Magdalena Fleischmann aus Sonneberg entstammt ebenfalls einer Pfarrersfamilie. 1800 sind die beiden in Sonneberg die Ehe eingegangen, noch in der alten Stadtkirche. Der große Stadtbrand war noch 40 Jahre entfernt, die neue wurde 1845 erbaut. Als die Mutter Unkart mit 90 Jahren 1871 in Neuhaus verstarb, war sie Mutter von acht Söhnen gewesen, wovon drei in der Kindheit verstarben. Zwei waren nach Amerika ausgewandert.

Sohn Friedrich Ludwig kam am 2. März 1801 in Sonneberg zur Welt. Die napoleonischen Kriege begannen. Unkart wird vom Durchzug napoleonischer Truppen durch Thüringen und von der Völkerschlacht bei Leipzig als Heranwachsender hören, als alter Mann wird er den deutsch-französischen Krieg erleben und die deutsche Reichsgründung. Die riesige Auswandererwelle wird auch seine Familie treffen.

Abitur in Schleusingen

Abitur gemacht hat Unkart am Gymnasium in Schleusingen, studiert in Leipzig. Die ersten Spuren im Sonneberger Land hinterließ Unkart in Effelder von 1832 bis 1837, wo er seinen Vater vertrat. Dieser war von 1821 bis 1839 hier Pfarrer. Eingepfarrt nach Effelder waren Obereffelder, Blatterndorf, Döhlau, Korberoth, Rückerswind, Rabenäußig, Schichtshöhn, Seltendorf, Welchendorf sowie Teile von Melchersberg.

Pfarrgemeinde wuchs rasant

Nach einer Pfarrstelle in Löbschütz bei Kahla ging Unkart im Herbst 1844 als Pfarrer nach Neuhaus und Schierschnitz. (Die Orte gehörten damals noch nicht einer gemeinsamen Gemeinde an. Dies geschah erst 79 Jahre später.) Sein erster Geburtseintrag im Kirchenbuch ist der von Margarethe Dorothea Schultheiß, dem 6. Kind des Lorenz Schultheiß und seiner Ehefrau Margaretha, geborene Jakob, aus Lindenberg. Die erste Ehe gingen bei ihm Johannes Fugmann aus Neuhaus und Johanne Dressel aus Sonneberg ein, die erste Beerdigung galt dem 71-jährigen Leineweber Johannes Ruppert aus Neuhaus. Am Ende des Jahres 1844 bilanzierte Unkart 62 Geburten und 38 Sterbefälle. Zum Vergleich: Am Ende seiner offiziellen Amtszeit im Jahr 1877 wurden in einem Jahr 100 Kinder geboren und es starben 62 Personen, davon 37 Kinder. Als Haupttodesursache bei den Erwachsenen gab Unkart die Lungenschwindsucht/Tuberkulose an. Die industrielle Entwicklung von Neuhaus, hier war im Gefolge des Bergbaus ein Eisenwalzwerk entstanden, hatten zu einer raschen Bevölkerungszunahme geführt.

Elf Geburten und vier Sterbefälle

Auch Pfarrer Unkart und seine Frau Antoinette aus Meiningen trugen dazu bei. Elf Kinder gingen aus ihrer Ehe hervor. Er befindet sich hier ganz in der Tradition der evangelischen Pfarrer, die mit großen Kinderscharen, denen sie gute Bildung zuteil werden ließen, das deutsche Bildungsbürgertum vermehrten. Spitzenreiter unter den fruchtbaren evangelischen Pfarrersfamilien ist übrigens der Mupperger Pfarrer Johann Bitzinger, 1555–1604 Pfarrer zu Mupperg mit 29 Kindern in zwei Ehen, der es damit zu einem Internet-Lexikon-Eintrag bringt.

Doch nicht alle Unkart-Kinder erlebten das Erwachsenenalter. Das neunte Kind Selma Bianca starb im Alter von fünf Jahren laut Kirchenbuch an einer Lähmung der Gehirntätigkeit. Zwei Kinder, das zehnte Kind Oskar und das elfte Kind Anna verlor Unkart im Alter von sieben beziehungsweise sechs Jahren bei einer Scharlach-Epidemie im November 1856. Die Kinder verstarben binnen 24 Stunden und wurden gemeinsam beerdigt. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts musste Pfarrer Unkart viele Seiten des Neuhäuser Kirchenbuches mit toten Kindern füllen.

Gevatter Tod im Bergwerk

Und auch viele Bergleute muss Unkart vor der Zeit begraben, denn Gesundheitsvorsorge war ein Fremdwort und die Arbeitsverhältnisse in den Gruben führen immer wieder zu Unfällen. So verunglückte im August 1863 Bernhard Christian Liebermann aus Neuhaus im Alter von 23 Jahren tödlich. 1872 riss ein Förderkorb infolge eines defekten Seiles die Bergleute Johann Wilhelm Fischer aus Schierschnitz (48), Ernst Emil Fröber (28) aus Neuhaus , Georg Friedrich Schreppel (20) aus Buch, Conrad Scheler (39) aus Oerlsdorf und Otto Rupp (33) aus Sichelreuth in den Tod. Johannes Friedrich Löffler (40) verunglückte im gleichen Jahr in Stockheim in der Grube vereinigter Nachbar tödlich. Pfarrer Unkart war, wie damals üblich, erster Ansprechpartner in Sachen Not und Trost.

Zwei Söhne wanderten aus

Dabei brauchte der Pfarrer öfter selber Trost. Neben seinen im Kindesalter verstorbenen Nachkommen musste Unkart auch seinen Sohn Edmund betrauern, der als Kaufmann mit 40 Jahren in New York starb. Zwei Söhne hatte die riesengroße Auswanderungswelle Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika fortgerissen. 1849 ging Edmund nach Amerika, kehrte 1856 zurück und nahm dann 1858 seinen Bruder Bruno mit nach New York. Beide begründeten Familien in den Vereinigten Staaten, die man auf Stammbaumportalen nachverfolgen kann.

Doch natürlich gab es auch viele frohe Anlässe im Leben des Pfarrers. So zelebrierte er die Eheschließung seines Sohnes Albin im Jahr 1874. Das dritte Kind des Pfarrers heiratete Caroline Theresia Süß, die in Böhmen geboren war. Albin arbeitete als Oberingenieur und Regierungskommissar der Erzherzog Albrecht Bahn in Galizien. Galizien ist ein Teil der heutigen Ukraine und gehörte damals zu Österreich-Ungarn. Der Vater mag stolz gewesen sein.

Opfer des Krieges 1870/71

Unkart hat die Gründung des deutschen Reiches noch miterlebt, ein Ereignis das in Deutschland Energien frei setzte. Doch der deutsch-französische Krieg von 1870/71, der dem voraus ging, forderte auch unter den Männern der Pfarrei Neuhaus und Schierschnitz Opfer: Johann Gottlieb Wicklein von Altenberg fiel als Musketier mit 26 Jahren in der Schlacht von Sedan. Friedrich Nicol Sommer aus Neuhaus verunglückte als Angehöriger eines Pionierbatallions im Dezember 1870. Er brach im Eis ein und ertrank. An Typhus starben während ihrer Soldatenzeit Johannes Liebermann aus Gessendorf mit 21 Jahren in der Kaserne in Kassel und Friedrich Leonhard Maaser aus der Vetterswustung mit 22 Jahren im Kriegslazarett zu Hagenau im Elsass.

Lasse Hände gestärket

Als der Pfarrer mit 78 Jahren am 4. April 1879 in Neuhaus an Altersschwäche starb, hat er für die damalige Zeit ein hohes Alter erreicht. Ihm folgte Pfarrer Ernst Albert Seusing bis 1879 im Amt.

Seine Grabinschrift lautet: „Du hast viele unterwiesen, und lasse Hände gestärket und deine Rede hat die Gefallenen aufgerichtet und die bebenden Knie hast du gekräftigt.“ Sein Grab ist bis heute auf dem Schierschnitzer Friedhof erhalten, die Inschrift ist noch lesbar. Das Adjektiv ,lass’, heute nicht mehr im Gebrauch, wird laut Duden übersetzt mit matt, müde, schlaff.

Neuer Wandel

Wie sah Neuhaus nach seiner Amtszeit aus? Seine Gemeinde war ein starker Wirtschaftsstandort geworden, der bereits wieder im Wandel begriffen war. Im Neuhäuser Revier ging die Kohle zu Ende. 1911 schloss die Kohlengrube in Buch. Auch das Walzwerk hatte aufgeben müssen. Dafür rückte sich die Porzellanindustrie immer mehr ins Licht. Das Verkehrsnetz wuchs. Im Jahr 1900 schnaufte die erste Dampflok von Sonneberg durch den Ort in Richtung Stockheim.

Literaturtipps:

Verschiedene Kirchenbücher der Pfarrei Neuhaus-Schierschnitz kann man (kostenpflichtig, rund 20 Euro für einen Monat) nachlesen im Portal Archion der evangelischen Kirchen.

Die industrielle Entwicklung des Ortes hat Stefan Löffler in seiner Schrift: Joseph Meyer und Neuhaus-Schierschnitz beleuchtet.

Die Industrialisierung in Europa beschreibt anschaulich die Schrift von Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England von 1845. Die Schrift gilt als Pionierwerk der empirischen Sozialforschung. Die Lage der Werktätigen in Deutschland charakterisiert das Werk von August Bebel: Die Frau und der Sozialismus von 1879.

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