Grafenrheinfeld Der Nachbar strahlt bald nicht mehr: Rückbau geht voran

Das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld, 40 Kilometer Luftlinie von der Thüringer Landesgrenze entfernt. Die Kühltürme bleiben noch jahrelang stehen. Archivfoto Quelle: Unbekannt

Seit fünf Jahren ist die Demontage des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld im Gang. Mit dem Rückbau ist auch Südthüringen als Gefahrenzone eines Atomunfalls Geschichte.

Grafenrheinfeld - Von außen sieht das Atomkraftwerk aus, als hätte sich nichts verändert: Die zwei 143 Meter hohen Kühltürme ragen noch immer über die grüne Landschaft im unterfränkischen Grafenrheinfeld. Und sie begrüßen immer noch jeden, der sich von Norden über die A 71 der nahen Stadt Schweinfurt nähert. Bis zu ihrer Sprengung wird es voraussichtlich noch über ein Jahrzehnt dauern. Ab 2035 soll über das Gelände Gras wachsen.

Die Wolke über uns

In ihrem Buch "Die Wolke" beschrieb Gudrun Pausewang nach der Tschernobyl-Katastrophe die Folgen eines möglichen Super-Gaus eines nordbayerischen Atomkraftwerks mit 18 000 Toten. Als Vorlage des Bestsellers von 1986, der im Westen vielfach Schullektüre war, galt das AKW Grafenrheinfeld, das so zu einem Symbol der Gefahren dieser Technologie wurde. Südthüringen lag dieser potenziellen Gefahr ganz nahe. Die 100-Kilometer-Zone, in der die größten Verstrahlungsrisiken bestanden hätten, reichte bis Schmalkalden, Suhl, Meiningen, Eisfeld und Hildburghausen. Aus diesem Grund waren das Land Thüringen und Feuerwehren im Süden auch bis zur Stilllegung in die Katastrophenschutzpläne des Kraftwerks einbezogen. er


Vor fünf Jahren, am 27. Juni 2015, wurde der Meiler im Zuge des Atomausstiegs endgültig heruntergefahren, nach 33 Dienstjahren. Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld galt bis dato als ältester aktiver Reaktor und war mit seinen 1345 Megawatt Anfang der 80er Jahre das leistungsstärkste AKW weltweit.

"Von außen nicht sichtbar, wird sich das Reaktorgebäude Schritt für Schritt in eine - im wahrsten Sinne des Wortes entkernte - Gebäudehülle verwandeln", sagt Kraftwerksleiter Bernd Kaiser vom Betreiber PreussenElektra. Im Inneren des Reaktors ist die Demontage im vollen Gange. Die rund 22 Tonnen schweren und 14 Meter hohen Druckspeicher müssen so zerlegt werden, dass einzelne Teile durch eine Personenschleuse passen. Mit einer Bandsäge werden die Bleche zerkleinert, anschließend gereinigt und in Muldenkipper geladen.

Mehr als 750 Tonnen Abbruchmaterial wurden seit April 2018 zurückgebaut. Was viel klingt, entspricht etwa zwei Prozent, denn knapp 31 000 weitere Tonnen stehen noch bevor. Statt der Physik-Abteilung gibt es nun den Aufgabenschwerpunk "Entsorgung". Fast 200 Mitarbeiter sind am Abbau beteiligt, vor der Abschaltung haben jeden Tag rund 300 Mitarbeiter die Sicherheitsschleusen durchquert.

Der Rückbau erfolgt unter den gleichen Sicherheitsvorgaben wie zu Betriebszeiten, sagt eine Sprecherin von Preussen-Elektra. An den Barrieren zur Kontrolle am nuklearen Bereich habe sich nichts geändert - das radioaktive Material sei schließlich noch vorhanden. Jedes Teil aus dem Kontrollbereich werde auf Radioaktivität geprüft. Fällt es unter die gesetzlichen Grenzwerte, wird es wie normaler Schrott entsorgt und gelangt zurück in den Wertstoffkreislauf. Naturschützer kritisieren dieses Vorgehen und fordern, alle Teile als radioaktiven Abfall zu kennzeichnen und zu sammeln.

Ziel von Preussen-Elektra ist es, in Grafenrheinfeld bis Ende des Jahres die sogenannte Brennstofffreiheit zu erlangen. Die Brennelemente werden ins Zwischenlager Niederaichbach (BELLA) im Landkreis Landshut verfrachtet. Für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle wird auf dem Gelände eine Halle gebaut, die Ende 2020 als Zwischenlager in Betrieb genommen werden soll. Das vorgesehene Endlager Konrad in Salzgitter (Niedersachsen) soll laut "Bundesgesellschaft für Endlagerung", die für die Lagerung und die Entsorgung der hochradioaktiven Abfälle verantwortlich ist, nach derzeitigem Stand im Jahr 2027 fertig sein. Aber sicher ist das nicht. Möglich, dass das Grafenrheinfelder Zwischenlager zur Dauerlösung wird.

Für die Finanzierung des Rückbaus, der Verpackung der radioaktiven Abfälle und den Abriss von Grafenrheinfeld ist der Betreiber zuständig. Für Preussen-Elektra fallen etwa 1,2 Milliarden Euro für den gesamten Rückbau an. Die Zwischen- und Endlagerung finanziert der Steuerzahler über einen Fonds des Bundes.

Damit Anwohner und Neugierige einen Einblick in die Rückbauarbeiten erhalten, bietet der Betreiber zweimal im Jahr Führungen ins Innere der Anlage an. Derzeit gibt es aber auch im Kernkraftwerk Besuchsverbot zum Schutz gegen Corona.

Bayern war bis zu der Katastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 das Bundesland mit den meisten kommerziellen Atomanlagen. Seit 1961 waren insgesamt neun Atomkraftwerke in Betrieb. Die letzten Meiler in Deutschland sollen 2022 vom Netz gehen. In Grafenrheinfeld wird der Rückbau des nuklearen Bereichs im Inneren des Reaktorgebäudes bis voraussichtlich 2033 andauern. Danach sollen auch die Kühltürme fallen. dpa/er

 

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