Gottesdienst live aus Fambach Wenn der Segen aus Zeitgründen verlängert werden muss

So ein Radiogottesdienst ist eine ziemliche Rechnerei. Es geht um Minuten. Zur Probe fehlen sieben, während der Liveübertragung sind es fast vier zu viel. Am Ende läuten die Fambacher Kirchenglocken nur eine Minute später als geplant – und alles ist gut.

Rumms! Tontechniker Carsten Wagner reißt die Türe am Übertragungswagen auf, kurz schauen Tonmeister Michael Glaser und Toningenieur Nico Straube überrascht, dann geht es weiter im Text. Der liegt als Ablaufplan mit 29 Nummern auf dem Tisch vor Michael Glaser. Der Freie Mitarbeiter des MDR ist über 300 Kilometer nach Fambach angereist, um zu schauen, „ob die Zeiten stimmen“ und für den guten Ton bei der Übertragung des Radiogottesdienstes aus der Jakobuskirche zu sorgen. Das macht auch Nico Straube, der an seinem Mischpult sitzt und die Töne der Famberg-Musikanten, der Orgel und des E-Pianos ausbalanciert. „Unsere Aufgabe ist es, die Gemeinde gut dastehen zu lassen, das bestmögliche Ergebnis für die Mitwirkenden und die Hörer zu erzielen“, sagt Glaser. In Fambach sei das nicht so schwierig, „weil die Kirche klein ist und es viel Holz gibt, da ist die akustische Situation eher gut“, bescheinigt Straube.

Auf dem Dach des vor der Kirche geparkten Kleintransporters ist die SAT-Schüssel sichtbar. Von hier geht der Ton einen Tag später ins All, von dort ins Funkhaus nach Halle und dann ins Digitalnetz oder in den Stream ins Internet.

In der Kirche hören Pfarrerin, Kirchenchor, Kantor und alle anderen Mitwirkenden des Gottesdienstes derweil die Stimme aus dem Off, die Michael Glasers, der Carsten Wagner anweist, welches der insgesamt 13 Mikrofone noch einmal bewegt werden muss.

Es ist Samstag, Soundcheck ab 16 Uhr, ab 17 Uhr gibt es den Gottesdienst komplett als Durchlaufprobe. Um 18 Uhr folgt die Regiebesprechung. „Nur einmal“, sagt Ulrike Greim, „hat es bisher nicht geklappt mit der Liveübertragung. Da mussten wir auf Deutschlandfunk umschalten.“ In Fambach war die Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) schon einmal für eine Übertragung verantwortlich, damals noch bei Michael Glöckner. Nun ist sie erstmals bei seiner Nachfolgerin Milina Reichardt-Hahn, die sie kennt, weil die Fambacher Pfarrerin Teil des MDR-Teams „Gedanken zur Nacht“ ist und mit ihrer Kurzandacht regelmäßig auf MDR Thüringen zu hören ist. Auch wenn Fambach nicht Teil der EKM ist, so ist es doch MDR-Sendegebiet, sagt Greim. Und somit dabei.

Fast ein Dreivierteljahr zuvor begann die Planung des Radiogottesdienstes für den Sonntag vor Ostern in Fambach. Schließlich müssen Kirchenchor, Kantor und Famberg-Musikanten genügend Zeit haben, um neue Musikstücke einzustudieren. „Da haben wir noch gedacht, Thema wird das Ende von Corona sein. Nun haben wir Krieg“, sagt Greim. 14 Tage vorher muss der Plan dann stehen.

Als Greim das erzählt, haben kurz zuvor die Famberg-Musikanten den Auftakt der Probe mit „Bridge Over Troubled Water“ gegeben. Torsten Storandt hat sich die Noten des Mut machenden Simon&Garfunkel-Hits, der von Schmerz und Trost erzählt, für die neun Bläser extra besorgt.

„Posaunen sind evangelische Grundausstattung, aber für den Tonmeister gruselig. Heute sind wir pingelig, morgen ist alles live – bis auf die Glocken, 1 Minute 30, zu Beginn und am Ende“, sagt Greim am Samstag. Doch damit die Bass-Posaune, die vier Trompeten, die Tuba und die drei Hörner nicht gruselig, sondern klar und andächtig beim Hörer ankommen, gibt es ja Glaser und Straube im Ü-Wagen. Sie hören auch, wie kräftig der Chor singt, geben Sophia aus dem Off den Hinweis, die Fürbitten „engagiert, nicht zu leise“ zu sprechen. Die beiden Profis kriegen den Ton am Ende so programmiert, dass am Sonntag alles wunderbar im Radio klingt.

Ulrike Greim ist der „Türöffner“, stimmt Gemeinde und Hörer mit den Worten „Willkommen in Südthüringen, willkommen in Fambach“ zu Beginn des Gottesdienstes ein. Am schönsten sei, „wenn die Zuhörer aktiv dabei sind, mitsingen etwa“. Deshalb seien immer ein bis zwei bekannte Lieder eingebaut. Hörer, die nicht mehr selbst zum Gottesdienst gehen können oder auf der Welt verstreut leben, geben positive Rückmeldungen. Durch Corona seien die Gottesdienste sehr wichtig und intensiv gewesen, „weil wir so Kontakt zu vielen Menschen hatten, die total einsam zu Hause saßen“.

Wieder in der Kirche ruft sie: „Milina, wir möchten dich einmal auf der Kanzel hören, husch!“ Und Michael Glaser sagt aus dem Off Sätze wie: „Carsten, vielen Dank. Das kriegen wir hin“ oder „Wir haben noch drei Minuten.“

Ja, die Zeit. Die ist am Ende der Durchlaufprobe das Problem. „Wir sind zu schnell, es fehlen sieben Minuten“, stellt Ulrike Greim zu Beginn der Regiebesprechung fest. Die dauert eine Stunde. Milina Reichardt-Hahn, Torsten Storandt, Kantor Christian Glöckner und seine Frau, Chorleiterin Ingeborg Glöckner, wägen die Vorschläge der drei Profis vom MDR ab, wie man auf die sieben Minuten kommt. Noch ein kurzes Lied einbauen? Den Predigtext vorlesen lassen? Noch ein paar Sätze, an den Aufruf an die Hörer, nach dem Gottesdienst mit der Gemeinde in Kontakt zu treten, stricken? Den Segen verlängern? Nachdem man sich geeinigt hat, folgt noch der „Hinweis an alle, gelassener zu sein“, an den Chor, lauter zu singen, überzeugter aufzutreten, an den Kantor, manchmal „etwas auf die Bremse zu treten“, damit der Chor mitkommt. Torsten Storandt verspricht, die Famus werden „warmgeblasen“ erscheinen.

Dann kommt der Sonntag. Um 10 Uhr läuten die Fambacher Glocken aus dem Radio. Die Musikstücke und Lieder klingen fabelhaft, die Texte verständlich, eindringlich. Doch plötzlich stimmt die Zeit nicht mehr. Fast vier Minuten hängt man zwischenzeitlich dem Plan hinterher. Doch wozu hat man die Profis in der Kirche, im Ü-Wagen und im Funkhaus sitzen? Zwar eine Minute verspätet erklingen die Glocken um 10:58:30 Uhr zum Ende des Gottesdienstes wieder, dann meldet sich das Funkhaus in Halle, um an die 11-Uhr-Nachrichten-Redaktion zu übergeben.

Nun haben nicht nur die Fambacher, sondern etwa 200 000 bis 300 000 Zuhörer den Gottesdienst aus Fambach auf MDR Kultur im Radio und im Netz live miterlebt. Wer nicht dabei sein konnte, kann ihn hier nachhören >>>

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