Tante Lisbeth?“ Ich hab’ ja meinen Ohren nicht getraut, Kinderchen, als sich mir am Sonntag nach dem Mittagessen – fein Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen – am Telefon ein offensichtlich älterer Mann mit amerikanischem Akzent als Joe Biden vorstellte. „Wie bitte, der amerikanische Präsident? Was wollen Sie denn von mir?“ Er versicherte mir, dass mein Ruf als gute Ratgeberin längst über den großen Teich rübergeschwappt sei. „Alles hackt auf mich ein, Mrs. Lisbeth, was soll ich nur machen?“ Vom Sofa her rief Lieblingsneffe Gerti, ich solle ihm doch mal ein Verdauungsschnäpschen kredenzen, aber in diesem hochpolitischen Fall ging der Präsident natürlich vor. Er solle doch zunächst mal seine Corona-Infektion auskurieren, riet ich ihm, und beim Treppensteigen sich immer schön am Geländer festhalten. „Und Sie sagen es ja selber, Mr. President, alles hackt nur noch auf Ihnen herum, das macht doch längst keinen Spaß mehr. Ich an Ihrer Stelle würde meine Kandidatur zurückziehen und mich einem angenehmen und geruhsamen Lebensabend hingeben.“ – „Meinen Sie wirklich?“ Ich konnte ihn natürlich nicht sehen, aber man hörte förmlich, wie er ein Tränchen verdrückte. „Nicht traurig sein“, tröstete ich, „alles hat eben seine Zeit, nicht wahr?“ Da habe ich wohl recht, meinte der Herr Biden, bedankte sich artig und hängte auf. Der Gerti rief schon wieder nach seinem Verdauungsschnaps, und als ich ihm den dann schließlich brachte, wollte er mir die Geschichte dieses Anrufs nicht glauben: „Du wirst selbst senil, Tantchen!“
Glosse aus Spahl Tante Lisbeth und Joe Biden
Christoph Witzel 22.07.2024 - 13:34 Uhr