Glasbläser in Lauscha Jetzt kommen schon die Schweden

Doris Hein

Lauscha, die Glasbläserstadt am Rennsteig, ist für Künstler so etwas wie ein heiliger Ort. Nun kam eine ganze Gruppe schwedischer Künstler, um hier besondere Werke aus dem zerbrechlichen Material zu schaffen.

Lauscha - „Wir haben Künstler aus Schweden zu Besuch“, meldete dieser Tage die Elias-Farbglashütte in Lauscha. Doch keineswegs einfach nur irgendjemanden, der sich halt für Glas interessiert. Das Wirken der fünf jungen Schwedinnen, die unter dem Namen „Boom!“ in Stockholm und Umgebung aktiv sind, ist eigentlich schon eine Geschichte für sich.

„Boom!“, das sind Matilda Kästel, Ammy Olofsson, Nina Westman, Erika Kristofersson Bredberg und Sara Lundkvist. Die sympathischen Frauen sind alle auf die eine oder andere Weise mit moderner Glasgestaltung verbunden. Doch was sie vereint, ist ihr Bestreben, die Arbeit mit Glas am Ofen jedermann, den es interessiert, zu veranschaulichen und ihm zu ermöglichen, einmal selbst Hand anzulegen bei der Verarbeitung des Sirup ähnlichen Materials. Zu diesem Zweck sind sie häufig mit „Spajsy“ unterwegs, einer funktionierenden Glashütte en miniature auf einem Hänger.

„Wir wollen alte Gewohnheiten und Traditionen aufbrechen“, sagt Nina Westmann. Die Herstellung von Glas am Ofen sei in der Vorstellung vieler Menschen noch eine Männerdomäne. Dabei gibt es auch in Schweden längst zahlreiche Frauen, die ausgezeichnete Ideen in Glas umsetzen. Ihnen will man mit „Boom!“ eine Plattform und einen Ort bieten, um sich auszutauschen. Gleichzeitig sei es aber auch ihr Ziel, so die fünf Frauen, die Kunst der Glasgestaltung breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Etwa, indem man ihnen mit Spajsy beweist: Probieren geht über Studieren. Denn wer hat schon zu Hause einen Studioglasofen stehen...

Mit ihrer Werkstatt auf Rädern gehen die „Booms“ zu Kindern und Jugendlichen, oft auch in sozialen Brennpunkten, um sie für die Handwerkskunst zu begeistern. Ihren Ofen haben sie übrigens, nach entsprechenden Lehrgängen, selbst gebaut. Sie geben Kurse in Glasbearbeitung und vermitteln den meist jungen Teilnehmern gleichzeitig ein Stück Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

Erika, Nina, Matilda, Ammy und Sara wollen aber auch in anderer Hinsicht neue Wege der Glasgestaltung beschreiten. „Unsere Produkte sollen dem Betrachter etwas sagen, jenseits der rein technischen oder ästhetischen Gesichtspunkte“, erklärt Nina. Skulpturen in Bewegung, Glas-Computer, Street-Art aus Glas oder darstellende Kunst mit Ofenglas gehören deshalb zu den filigranen Kunstwerken von „Boom!“

Ein Riesenrad steht auf ihrem Plan, als sie Mitte vergangener Woche in der Glasbläserstadt in Thüringen ankommen. Ein internationales Projekt hatte sie in die traditionsreiche Farbglashütte geführt.

„Glass – hand formed matter – ein internationales Entwicklungs-, Austausch-, Kooperations- und Ausstellungsprojekt zum Zukunftspotenzial der handwerklichen Glasherstellung in Europa“ ist das Projekt überschrieben.

Im August 2020 begann das dreijährige Projekt mit parallel in Finnland und Deutschland durchgeführten Workshops und einem virtuellen Austausch. Initiiert wurde das internationale Miteinander von der Kunsthochschule Berlin -Weißensee. Barbara Schmidt, Professorin für Entwurf mit Schwerpunkt Design und Experiment, hat die künstlerische Leitung übernommen. Die Kulturstiftung des Bundes fördert das Projekt. Aber auch Hochschulen, Glashütten und Kulturinstitutionen haben von Anfang an daran mitgewirkt, neue Perspektiven für die manuelle Glasherstellung in Deutschland und Europa auszuloten. Ebenso wie Glasmacher, Künstlerinnen, Designer und Studierende aus Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie aus Finnland und Schweden. Gemeinsam machten sie sich daran, „das Jahrtausende alte Handwerk der Glasherstellung neu zu interpretieren und weiterzuentwickeln“, wie es die Kulturstiftung des Bundes in der Projektbeschreibung bezeichnet. „In Auseinandersetzung mit analogen und digitalen Werkzeugen sowie mit aktuellen inhaltlichen Fragestellungen suchen sie in zahlreichen Workshops und Künstlerresidenzen an den beteiligten Glashütten nach innovativen ästhetischen, funktionalen und nachhaltigen Designlösungen.“

So wie etwa die Schwedinnen in Lauscha. Die Kooperation vor Ort habe sehr gut funktioniert, betonten sie beim Abschied, als Geschäftsführerin Ines Zetzmann jeder zur Erinnerung noch eine „echte Lauschaer Glücksmurmel“ in die Hand drückt. Ihre Ideen und kunsthandwerklichen Erfahrungen ergänzten sich mit dem eindrucksvollen Können des Lauschaers Ricardo Scholz am Hüttenofen. So entstanden Auge, Mond, Vogel, Perle und Taco-Schale für ihr Riesenrad – alles in mehrfacher Ausführung, denn schließlich weiß jeder, dass Glas leicht bricht und man also besser ein Stück in Reserve hat.

Lobend sprachen sie sich auch über die Unterstützung durch die Glashütte und die zahlreichen Inspirationen aus, die sie sich offensichtlich beim Bummel durch Lauscha und seine Glasgeschäfte geholt haben, in denen man ja häufig den Herstellern bei der Arbeit über die Schulter schauen kann. Ihr Riesenrad hat für die Künstlerinnen übrigens durchaus symbolischen Charakter: „Auch wir bei Boom! sind wie dieses Rad – alle verschieden und doch miteinander verbunden“, betonen sie. Die fertigen Glasobjekte werden aktuell in der Farbglashütte noch versilbert und gehen danach auf die Reise nach Schweden, wo sie zum sich drehenden Riesenrad zusammengebaut werden.

Doch die schwedischen Künstlerinnen waren nicht die Einzigen, die im Rahmen des Projektes in Lauscha an der Umsetzung ihrer Ideen arbeiteten. Ein ungewöhnliches Thema erforschte gleichzeitig in der Farbglashütte Masterstudentin Yanshan Ou – nämlich die Geräusche bei der Interaktion von Personen und gläsernen Objekten am Esstisch. Auch drei weitere Studenten der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Fachrichtung Produkt-Design, hatten außergewöhnliche Pläne im Gepäck. So wollte Henrieke Neumeyer Karaffen mittels Biegen von Glas herstellen. Für originell geformte Glaszylinder hatte sich Verena Martensen schon im Vorfeld ein Gerüst aus Metallstäben erdacht. Und Samuel Simoni hatte sich – „weil Espresso zu mir als gebürtigem Italiener gut passt“ – ein Espresso-Set ausgedacht, bei dem Kaffeesatz als Formgeber eingesetzt wurde, sodass, quasi als Kreislauf, die Rest der Espresso-Herstellung als Grundlage für die Entstehung entsprechender Trinkgefäße genutzt wurden.

Die technische Umsetzung übernahm in diesen Fällen kein Geringerer als Peter Kuchinke. Der Glasmacher, geboren in Ingelheim am Rhein und seit rund vierzig Jahren in Schweden beheimatet, ist Glaskennern in Lauscha und Umgebung vermutlich noch aus der Zeit in guter Erinnerung, da Glassymposien Experten nach Lauscha brachten, so wie eben auch Kuchinke. Er arbeitet in der „Glass Factory“ von Boda Glasbruk, die als „arbeitendes Museum“ eine Sammlung von Glaskunst der 1960er Jahre besitzt. Und er vermittelt Interessenten sein Wissen und Können ums Glasmacherhandwerk, etwa an den Hochschulen in Halle-Giebichenstein und Berlin-Weißensee.

Die Ergebnisse der verschiedenen Workshops und Kooperationsbeziehungen sollen ab Anfang Mai in einer Ausstellung gezeigt werden, die vom Berliner Bröhan-Museum zum finnischen Glasmuseum Riihimäki und zur Glass Factory in Schweden wandert. Zudem präsentieren die Kunststiftung Sachsen-Anhalt und die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen in Kooperation mit lokalen Winzern, Wasserwerken und Ernährungsexpertinnen eine Sonderausstellung zu gläsernen Trinkgefäßen. Mit den ausstellungsbegleitenden Angeboten sollen vor allem jüngere Menschen grenzübergreifend für die Glaskunst begeistert werden, die in mehreren europäischen Ländern bereits den Status des immateriellen Unesco-Kulturerbes genießt, informieren die Organisatoren.

Für Lauscha war es im 425. Jahr seiner Gründung Ehre und Ehrung gleichermaßen, dass hier ein Teil des internationalen Projektes umgesetzt wurde.

 

Bilder