Gewässerbegehung „Passiert etwas, ist das Geschrei groß“

Kleine Flüsse, Gräben und Bäche werden seit 2020 auch in Thüringen von den neu gegründeten Gewässerunterhaltungsverbänden betreut. 20 existieren allein im Freistaat. Regelmäßige Begehungen – wie die gemeinsame mit der Gewässerschau – gehören zu ihren Pflichtaufgaben.

Reinhard Raabe, Anna-Maria Bagger, Luisa Schleicher, Inge Kessel und Wolfgang Radtke (von links) besichtigen zur Gewässer- und Verbandsschau mit weiteren Teilnehmern rund fünf Kilometer von Lubenbach und Lichtenau in Zella-Mehlis und besprechen gleich vor Ort eventuelle Maßnahmen. Foto: /Michael Bauroth

Auch bei Temperaturen von minus zehn Grad sind Vertreter von Landratsamt Schmalkalden-Meiningen, Stadtverwaltung Zella-Mehlis und Gewässerunterhaltungsverband Hasel/Lauter/Werra (GUV) zur öffentlichen Gewässerschau unterwegs. Jetzt, wenn die Vegetation Pause hat, kein Laub an den Bäumen für eingeschränkte Sicht sorgt, lässt sich besonders gut erkennen, wo sich entlang der Gewässer Handlungsbedarf auftut. So am vergangenen Dienstag in Zella-Mehlis. Das Team der Schaukommission lief den fünf Kilometer langen Abschnitt Lubenbach/Lichtenau vom Wanderparkplatz Lubenbachtal bis zum Meeresaquarium ab, mit Blick auf den Zustand der Gewässer, Brücken, Böschungen, darauf, ob sich standortfremder Bewuchs im Uferbereich angesiedelt hat, ob die Durchflüsse gewährleistet oder Einbauten vorgenommen worden sind.

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Gemeint sind Ablagerungen, die Anwohner zu nah am Ufer deponieren, wie Holzstapel, Bretter-, Bauschutt- oder Kieshaufen. Diese könnten bei Starkregen oder Schneeschmelze mit hohem Wasserstand weggespült werden und zusätzlich für Probleme sorgen, weil sie einen störungsfreien Ab- oder Durchfluss behindern. Mit Einbauten sind zu nah ans Ufer gesetzte Gewächshäuser gemeint, Unterstände. Nicht zuletzt ist es Grünschnitt, mit dem mancher Anlieger gar versucht, sein Grundstück zu verbreitern. Zugleich behindert er den natürlichen Bewuchs mit Gras oder Sträuchern, der für die Uferbefestigung wichtig ist.

Öffentliche Begehung

Vor Start der öffentlichen Runde, meldet sich Konrad Zschenker zu Wort, der oberhalb des Wanderparkplatzes wohnt. „Fast explosionsartig hat sich vom Bahnhof Oberhof Knöterich am Wasser ausgebreitet. Ein echtes Problem“, sorgt er sich. Zudem ist ihm ein Loch nahe der Brücke an der Gesenkschmiede aufgefallen. „Eine Lebensaufgabe“, entgegnet ihm Reinhard Raabe, Fachdienstleiter Wasser im Landratsamt zum Thema des invasiven Knöterichs und, dass man sich das Loch nach der Begehung, die in entgegengesetzte Richtung führt, anschauen werde.

Auf den ersten Metern fällt hinter dem Gewerbegebiet Hollandsmühle ein über den Bach gekippter Baum auf. Vor Ort wird besprochen, ob er beseitigt werden muss. Wenige Schritte weiter macht die Gruppe an einem Grundstück Halt, auf dem ein Bretterstapel an der Böschungskante zum Ufer abgelegt und damit der vorgeschriebene Abstand von fünf Metern nicht eingehalten wird. „Die neuen Grundstücksbesitzer sind bereits informiert“, so Inge Kessel, Fachdienstleiterin Umwelt, Naturschutz und Bestattungswesen in der Stadtverwaltung Zella-Mehlis. Zugleich werden im Zuge der Begehung genehmigte Projekte kontrolliert, mitunter auch Rückbauten erwirkt.

Nach einer Aufwärm-Pause ist die Gruppe gegen Mittag am Meeresaquarium angekommen. „Dabei wissen wir um sensible Stellen, die wir im Blick haben“, so Reinhard Raabe. „Nur die Anwohner vergessen gern, dass Gefahrenpotenzial davon ausgeht, am Wasser zu wohnen. ‚Hier stand noch nie Wasser’ – ist der Satz, den ich am meisten höre. Schwimmt das Eigentum aber weg, ist das Geschrei groß“, ist seine Erfahrung.

Immer kommen auch neue Stellen hinzu, an denen Handlungsbedarf besteht, wie durch Bäume, die aus Ufermauern wachsen oder eine Ufermauer, die nahe des Baumarktes in der Talstraße nachgibt. Vor Ort wurde sich darüber verständigt, ob, wann und wie Maßnahmen dazu zu erfolgen haben, ebenso, ob Bauhof oder GUV dann zum Zuge kommen. Letzterer verfügt über Spezialtechnik für bestimmte Aufgaben, wie Bagger mit biologisch abbaubarem Hydrauliköl, die im und am Wasser im Einsatz sein können. Der Bauhof vor Ort wiederum kann meist schneller agieren, denn der GUV hat ein riesiges Gebiet zu betreuen.

Keine Gefahr im Verzug

All das ist nötig für den Erhalt natürlicher Gewässer mit ursprünglichem Bewuchs, um mögliche Probleme vorab zu verhindern. Die Gewässerschau der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes in Verbindung mit der Verbandsschau des Gewässerunterhaltungsverbandes ist laut Reinhard Raabe eine konzertierte Aktion, bei der alle wichtigen Akteure vor Ort sind, um sofort reagieren zu können. „Wir stellten jedoch nichts fest, wo Gefahr im Verzug gewesen wäre, nur schnell regelbare Kleinigkeiten“, so sein Fazit.