Geschichte der Arbeiterbewegung Die Föritzer Rotfrontkämpfer

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Mitgliedsmarken der Kommunistischen Partei. Foto: picture alliance /Christian Charisius

Eine wieder aufgefundene Schrift zeigt wie Klassenkampf gegen die NSDAP in Föritz, einer Hochburg roter Kämpfer, in den 1920er und 30er Jahren ablief.

Die roten Föritzer! Heutige Senioren können sich noch gut an diesen Ausdruck erinnern. Jüngst erhielten die Mitglieder der Linken Besuch von Heimatforschern aus der Altgemeinde Föritz. Eine jetzt wieder aufgefundene Arbeit deckt nämlich auf, wie es zu diesem Ausdruck kam und was dahinter steckte: Militanter Kampf von KPD-Mitgliedern gegen Nationalsozialisten. Die Föritzer nahmen sogar Gefängnisstrafen in Kauf. Ausgegraben hat die Schrift Heimatforscher Rainer Stöhr. Er erinnerte sich, dass in den 1970er Jahren eine Schüler-Arbeitsgemeinschaft unter der Leitung des Föritzer Lehrers Hermann Hauck die Geschichte der Arbeiterbewegung erforschte.

Lange Suche

Wo ist das Dokument geblieben? Überall fragte Stöhr herum. Ein Exemplar auf Durchschlagpapier fand sich schließlich im Privatbesitz des Neffen eines der roten Kämpfer. Rainer Stöhr hat dann Seite für Seite eingescannt und bearbeitet, damit die Schrift besser sichtbar wird. Ausdrucke wurden an die Heimatstube Neuhaus-Schierschnitz und das Stadtarchiv Sonneberg übergeben. Letzteres, weil es in den Berichten auch um Streiks, Entlassungsaktionen und Zwangsarbeit während des Krieges in Sonneberger Betrieben ging.

Eigenes Erleben

Es ist faszinierend, was in den Kapiteln alles nachlesbar ist: unter anderem auch eine Namensliste der ersten Mitglieder der Kommunistischen Partei in Föritz in den 1920er Jahren. Während heutige Heimatforscher nur noch Dokumente auswerten können, konnten die damaligen Forscher Zeitzeugen befragen, zum Beispiel Willy Krauß.

Dieser berichtete, was in seinem Dorf geschah, als 1914 die Mobilmachung zum 1. Weltkrieg ausgerufen wurde. Andere steuerten Namenslisten von den Mitgliedern der ersten, im Jahr 1921 gegründeten KPD-Ortsgruppe bei.

1923 bildete sich im Kampf gegen die NSDAP eine Kommunistische Hundertschaft, der fast jeder vierte erwachsene Föritzer angehörte. Sie verhinderte 1923 mit ihren Genossen an der Landesgrenze zwischen Heinersdorf und Rotheul den Einmarsch der Nationalsozialisten. In Gefell überfielen die Föritzer eine Versammlung der NSDAP und schlugen die Teilnehmer zusammen, wofür sechs Föritzer zu je sechs Monaten Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe wegen Landfriedensbruch verurteilt wurden. Und der Kampf sollte nicht nur mit den Fäusten geführt werden. Die Truppe hatte sich 23 Infanteriegewehre besorgt. Militärische Übungen der verbotenen Hundertschaften fanden im Geheg und auf dem Konreuth statt. Schließlich stationierte die Landesregierung eine 30-köpfige Polizeieinheit aus Hildburghausen und gebot den Aktivitäten Einhalt. Der Ort Föritz hatte einen großen Namen in der kommunistischen Bewegung.

Föritzer waren es auch, die als Gewerkschafter Streiks in Betrieben organisierten. Auch bei der Gründung des Rotfrontkämpferbundes, einer bewaffneten Kampfeinheit der KPD, waren die Föritzer vorne dabei. 1925 marschierten zur Vereidigung der Föritzer 300 Uniformierte aus der Region in einem Fackelzug durch das Dorf, begleitet von der Sonneberger Schalmeienkapelle. Das Ereignis erregte Aufsehen in der gesamten Region.

Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 gerieten so viele Föritzer ins Visier der Verfolger politischer Gegner. Und natürlich fand sich auch ein Verräter, der die Sache mit den Gewehren denunzierte. Sieben Waffen wurden dann auf einem Feld gefunden, 16 blieben verschwunden, was zu Verhaftungen führte.

Hilfe für Zwangsarbeiter

Berichtet wird auch in der Schrift vom 2. Weltkrieg, der Rüstungsproduktion und kleinen (verbotenen) Hilfen für die Zwangsarbeiter in den Betrieben in der Kriegszeit. So besorgten die Föritzer warme Strümpfe für die Mädchen und Frauen aus Polen und der Ukraine in den Spindler-Werken (später Plasta und Mann+Hummel). Heimlich hörte man Radio Moskau und London.

Dem heutigen Leser wird deutlich, dass Verfasser Hermann Hauck eine Glorifizierung vermied. Er wusste, dass die meisten aus Angst um ihr Leben in der Hitlerzeit einfach still gehalten hatten.

Als das Kriegsende nahte, hatten die Föritzer Kommunisten aber bereits einen Plan, wie sie die Macht übernehmen wollten. Und so wundert es nicht, dass der erste Föritzer Bürgermeister Oskar Ruppert war, der 1921 zu den Gründern der KPD-Ortsgruppe gehört hatte.

Auch beim Zusammenschluss der Dörfer Föritz, Schwärzdorf, Weidhausen und Eichitz in der Gebietsreform von 1950 hatten die Föritzer mit ihrer Tradition die Nase vorn. Die neue Gemeinde hieß Föritz mit Sitz in Föritz. Dass die Verwaltung dann in einen roten Backsteinbau einzog, das Schulgebäude, passte gut ins rote Föritz.

Überzeugter Kommunist

Herrmann Hauck, der Verfasser der Schrift, kam ursprünglich aus Sonneberg. Er war überzeugter Kommunist und lebte diese Überzeugung auch. Er wurde Neulehrer und arbeitete zeitlebens an der Schule in Föritz. Seinen Schülern ist noch in Erinnerung, mit welcher Inbrunst er die Kinderhymne von Bertolt Brecht vortragen konnte: „Anmut sparet nicht, noch Mühe, Leidenschaft nicht, noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land.“

Die Heimatforscher freuen sich, dass seine Arbeit, in der viele Stunden Recherche stecken, nun wieder aufgefunden wurde und Interessierten zugänglich ist.

In der Zusammenkunft mit den Mitgliedern der Linken wurde aber auch deutlich, dass vieles inzwischen vergessen und neu zu erforschen ist. Wo liegen beispielsweise die zahlreichen Aufsätze, die in der DDR-Zeit über die Arbeiterbewegung geschrieben wurden? In den Jahren der Auflösung der DDR wurde vieles über Bord geworfen, das heute wieder als wichtig für die Zeitgeschichte verstanden wird. Hier gibt es für historisch Interessierte jede Menge Fragen zu beantworten.

Föritz

Das Dorf
Föritz liegt am südlichen Rand des Frankenwalds. Der Ort wurde 1252 erstmals urkundlich erwähnt und entwickelte sich im 20. Jahrhundert mit dem Eisenbahnbau Stockheim-Sonneberg zum Wohnort für die Arbeiter in Sonneberg/Köppelsdorf und Neuhaus-Schierschnitz.

Die Gemeinde
In der ersten Gebietsreform der DDR wurden die Orte Schwärzdorf, Eichitz (1957) und Weidhausen 1950 nach Föritz eingemeindet. Eine Zusammenarbeit zwischen Föritz, Eichitz und Schwärzdorf bestand bereits seit 1845 durch einen Schulverbund. In der Gebietsreform von 1994 schlossen sich die Gemeinden Föritz, Gefell, Heubisch und Mupperg zur Einheitsgemeinde Föritz zusammen. Diese wiederum ging dann in der Gemeinde Föritztal 2018 auf.

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