Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus „Mahnen, erinnern, nachforschen – immer und immer wieder“

Bernd Ahnicke zeigt zwei Fotos, auf die er bei seinen Nachforschungen gestoßen ist. Er hat die Rede zum Gedenken an der Stele in der Gerbergasse gehalten. Rechts im Bild: Elke Gaasenbeek, die mit Ahnicke zusammen später ein Blumengebinde niederlegte. Foto: /Jan-Thomas Markert

Bernd Ahnicke befasst sich seit vier Jahrzehnten mit der Geschichte der Juden im Landkreis. Am Donnerstag, 77. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager von Auschwitz, hat er zum Gedenken an die Nationalsozialismus-Opfer in Hildburghausen gesprochen.

Hildburghausen - „Unmenschlich, grausam, unverstellbar“ – Bernd Ahnicke könnte die Aufzählung dieser Adjektive weiter fortsetzen. Doch auch noch mehr Worte würden nicht treffend beschreiben, „was damals Schlimmes geschehen ist“, sagt der 74-jährige aus dem Kreisvorstand der Linken, der am Donnerstag zusammen mit dessen Schatzmeisterin Elke Gaasenbeek ein Blumengebinde an der Stele in der Gerbergergasse niederlegt. Dort, wo die zweite Synagoge der jüdischen Einwohner Hildburghausens stand, die in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 von den Nazis geschändet und geplündert wurde, gedenken Hildburghäuser der Opfer des Nationalsozialismus – am 27. Januar, an dem sich die Befreiung der Konzentrationslager von Auschwitz zum 77. Mal jährt. Gekommen sind unter anderem mehrere Vertreter der Linken, außerdem Frank Wagner, Schulleiter des Gymnasiums Georgianum Hildburghausen, Pfarrer Martin Baumgarten und Hildburghausens stellvertretender Bürgermeister Burkhard Knittel (Wählergruppe Feuerwehr), der ebenfalls ein Blumengebinde niederlegt.

„Lasst uns der Opfer gedenken“, sagt Bernd Ahnicke, der sich seit 40 Jahren mit der Geschichte der Juden im Landkreis befasst, die in Hildburghausen bis ins Mittelalter zurückreicht. Von den in dort lebenden jüdischen Familien wanderte ein Teil kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 aus. Anschließend emigrierte der Großteil der circa 50 verbliebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde bis 1939 oder zog in andere Städte. Die 1942 verbliebenen jüdischen Einwohner wurden von den Nazis verfolgt und enteignet, in das Ghetto und das Vernichtungslager nach Bełżyce in Polen beziehungsweise in das Konzentrationslager Theresienstadt im Protektorat Böhmen und Mähren unter nationalsozialistischer deutscher Herrschaft auf tschechoslowakischem Gebiet oder nach Riga deportiert. Ein Teil von ihnen wurde umgebracht, aber längst nicht alle Schicksale sind bekannt.

Bernd Ahnicke wird auch deshalb nicht müde, diese Geschichte aufzuarbeiten. „Mahnen, erinnern, nachforschen – immer und immer wieder“, sagt er. „Das ist sehr wichtig.“ Immer wieder gebe es weitere Erkenntnisse. „Vieles wissen wir noch nicht. Es kommt immer wieder Neues zu Tage – zu Opfern und Tätern.“ Was er aber genau weiß: Längst nicht jedermann interessiert sich für die Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte. Schon früher habe er immer wieder – auch im nahen Umfeld gehört – er solle „uns in Ruhe lassen mit diesem Zeug“. Auch heutzutage sei das mitunter nicht anders. Ahnicke aber will immer weiter machen.

Wie bereits in den vergangenen Jahren erinnerte Bernd Ahnicke an seinen ersten Besuch in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1966. „Die Koffer der Ermordeten standen dort, ihre Brillen, Berge von Menschenhaaren waren zu sehen – einfach grauenhaft“, sagt er. Zum Gedenkort in der Gerbergasse hat Ahnicke zwei Fotos mitgebracht auf die er bei seinen Nachforschungen gestoßen ist – eines von dem jungen Mädchen Inge Weimann, einer Jüdin, die in Bad Salzungen wohnte. Sie hatte die jüdische Familie Katz aus Geisa in der Rhön im heutigen Wartburgkreis damals vor der Emigration in die USA mit einem letzten Gruß am Bahnhof 1940 verabschiedet. Inge Weimann wurde von den Nazis ermordet. Zu Senta Simon-Katz, deren Großeltern in Gleicherwiesen wohnten, hielt Ahnicke von 1992 bis zu deren Tod 2011 Kontakt bei seinen Nachforschungen zur jüdischen Geschichte.

Das zweite Foto hat Ahnicke bei einer seiner Bildungsreisen in einem Museum in Belczyk entdeckt. „Ich dachte, es ist Inge Weimann auf dem Foto abgebildet, das ich sah, als ich dort die Treppe herunterlief. Es hat mir fast die Beine weggezogen“, berichtet Ahnicke von diesem emotionalen Moment. Die Ähnlichkeit beim Vergleich der Aufnahmen ist frappierend. Es stellte sich aber heraus, dass es sich um ein anderes Mädchen mit seiner Familie handelte.

Die einzige einst in Hildburghausen wohnende Jüdin aus der damaligen Zeit, die noch lebt, ist nach Ahnickes Angaben Margot Walter, die emigrierte. Die 85-Jährige lebt in Israel.

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