Gedanken zur Zeit Wenn der Frühling stärker ist als der Rücken

Der Frühling lockt mit Sonne, Tatendrang und Gartenarbeit. Was motiviert beginnt, endet nicht selten in einer völlig unterschätzten Lage, wie unsere Autorin selbst erleben musste.

Susann Schönewald. Foto: Sascha Willms

Es gibt Zustände im Leben, die kommen schleichend. Fußlahm zum Beispiel. Nach einer ordentlichen Wanderung, wenn man noch heldenhaft denkt: „Ach, die letzten fünf Kilometer gehen auch noch!“ – und am nächsten Tag geht gar nichts mehr. Man läuft müde, kraftlos, wie ein rostiger Zinnsoldat.

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Aber was ich bis heute nicht kannte, ist gartenlahm. Was ich damit meine, ist sicherlich vielen nicht unbekannt.

Der Frühling ist ja so ein hinterlistiger Motivator. Kaum scheint die Sonne, meldet sich dieser innere Gartenguru zu Wort: „Mach was Schönes! Pflanz was! Gestalte dein kleines Paradies!“ Und plötzlich steht man da, mit glänzenden Augen, großen Plänen – und keinerlei realistischer Einschätzung der eigenen körperlichen Verfassung.

Mein neuestes Projekt: eine Kräuterspirale im Vorgarten. Die alte ähnelt eher einer Unkrautspirale und ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Mittendrin: Efeu. Viel Efeu. Sehr viel Efeu. Offenbar hatte ich über Jahre hinweg ein botanisches Monster großgezogen, das nur darauf gewartet hatte, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Efeu ist nämlich kein Gewächs. Efeu ist eine Lebenseinstellung. Eine sehr hartnäckige.

Also habe ich angefangen. Motiviert. Entschlossen und erholt, nach einer Woche Strandurlaub. Ich habe gehackt, gegraben, gezogen, gezerrt. Steine gehoben. Wurzeln freigelegt, die aussahen, als würden sie bis zum Erdkern reichen.

Nach einer Stunde dachte ich: „Gut, jetzt habe ich schon ordentlich was geschafft.“ Nach zwei Stunden stellte ich fest: Ich hatte ungefähr ein Achtel der Oberfläche freigelegt. Der Efeu hingegen wirkte unbeeindruckt.

Trotzdem machte ich weiter. Man ist ja ehrgeizig. Und ein bisschen stur. Vor allem aber: vollkommen beratungsresistent gegenüber dem eigenen Körper.

Irgendwann meldete sich der Rücken. Zuerst höflich. Dann eindringlicher. Schließlich sehr deutlich. Die Beine beschlossen ebenfalls, den Dienst einzustellen. Meine Hände sahen aus, als hätte ich versucht, mit bloßen Fingern einen Bären zu besiegen.

Aber ich? Ich machte weiter. Bis zu dem Moment, in dem ich feststellte: Ich komme hier nicht mehr weg. Nicht im übertragenen Sinne. Ganz konkret. Der Rückweg ins Haus gestaltete sich – sagen wir – bodennah. Auf allen Vieren kroch ich zurück, vermutlich beobachtet von Nachbarn, die sich fragten, ob ich eine neue Form von Yoga praktiziere. Drinnen angekommen, schleppte ich mich aufs Sofa. Bewegungsunfähig. Schlapp. Total erschöpft. Gartenlahm.

Ein Zustand, der entsteht, wenn man im Frühling mehr Ehrgeiz als Vernunft besitzt. Wenn man glaubt, man könne es mit einem ausgewachsenen Efeu aufnehmen. Wenn man denkt, man sei noch 30 – bis der Körper freundlich, aber bestimmt antwortet: „Nein.“

Die Kräuterspirale? Ist immer noch eine Unkrautspirale. Und der Efeu? Ich bin ziemlich sicher, er plant bereits seinen nächsten Wachstumsschub. Ich hingegen plane erstmal – gar nichts. Außer vielleicht, beim nächsten Gartenprojekt mit etwas wirklich Anspruchsvollem zu beginnen. Zum Beispiel: dem Beobachten.