Fußball virtuell Die Badehose ist nicht schuld

Derby am Fernseher: Steffen Kolk vom 1. Suhler SV macht sich bereit für das virtuelle Duell gegen Adrian Hellmann vom FC Zella-Mehlis. Foto: privat/Steffen Kolk

Als Neymar und Mbappé den 1. Suhler SV vorführen, ist die Sache schon gegessen: Steffen Kolk scheidet beim 2. Fifa-Turnier der Plattform „FuPa“ in der Vorrunde aus. Dafür geht es für Zella-Mehlis und Dietzhausen weiter.

Suhl/Zella-Mehlis - Es ist kurz nach Mitternacht im Wohnzimmer von Steffen Kolk. Der Mittwoch ist gerade Geschichte. Die Laune: Endgültig im Eimer. „Zum Glück ist die Scheiße zu Ende!“, raunt ein gefrusteter und müder Steffen Kolk ins Mikrofon seines Headsets. Ernüchterung hat sich breit gemacht am PlayStation-Controller. Neymar und Mbappé sind auch in der virtuellen Welt nur schwer im Zaum zu halten.

Es wurde zweistellig im Duell mit Paris Saint-Germain – Kolks Fohlen verlieren 1:10. Oder besser: Philipp Heineck, Abwehrmann bei Kreisoberligist Brotterode-Trusetal, fegt auf dem virtuellen Rasen des Videospiels „Fifa 21“ den 1. Suhler SV in Person von Steffen Kolk vom Platz. Sauer ist am Ende keiner. Man kennt sich gut. Kolk und Heineck spielten einst gemeinsam in Schweina.

Seit eineinhalb Monaten rollt in Thüringen kein realer Ball mehr. Das Coronavirus hat dem Amateursport im ganzen Land den Stecker gezogen. Seit einer Woche ist er wieder mit dem geliebten Sport verbunden – zumindest virtuell. Nach der Premiere im Frühjahr, während des ersten bundesweiten Lockdowns, hat die Online-Fußball-Plattform „FuPa“ die zweite Thüringer Fifa-Meisterschaft gestartet. Die Teilnehmerzahl hat sich innerhalb eines halben Jahres verdoppelt: Statt 64 gehen nun 128 Spieler vor dem heimischen Fernseher auf Torejagd.

Steffen Kolk machte bereits im Frühjahr mit. Damals ist er einer der Ersten, der die Spiele live im Internet überträgt. Mehr als 100 Zuschauer verfolgen seinen ersten Livestream. Ein Ersatz für den echten Sport sei das Hobby an der Konsole zwar nicht, aber für eine Zeit immerhin ganz schön. Bei der Premiere schied der Suhler schon in der Vorrunde aus. „Dieses Mal will ich weiterkommen. Und ich habe schon einen Punkt mehr als letztes Mal“, sagt Steffen Kolk stolz nach den ersten beiden virtuellen Partien und kann sich das schelmische Grinsen trotzdem nur schwer verkneifen.

Die ersten beiden virtuellen Begegnungen hätten in der realen Welt im großen wie im kleinen Fußball das Zeug zum Klassiker: Kolks Gladbacher, alias 1. Suhler SV, treffen auf Bayern München, gesteuert von Adrian Hellmann vom FC Zella-Mehlis. Gespielt wird in den 32 Gruppen der Fifa-Meisterschaft jeweils zweimal gegeneinander. Im Hinspiel holt Steffen Kolk in den letzten zusammengestauchten fünf Spielminuten des real nur 15 Minuten dauernden Duells noch einen 1:3-Rückstand auf. Das finale 3:3 bleibt für den Suhler der einzige Glücksmoment im Turnier. Danach folgt Niederlage auf Niederlage.

Als Philipp Heineck vom SV Stahl Brotterode-Trusetal den 1. Suhler SV in den letzten beiden Gruppenspielen mit 4:7 und 1:10 zerlegt, ist bereits alles entschieden. Denn Steffen Kolk musste zuvor schon zwei weitere Nullnummern gegen den SV Blau-Weiß Bufleben (Fußballkreis Westthüringen) einstecken. Ein Sprung auf den zweiten Platz in der Gruppe zehn, der ein Weiterkommen sichern würde, ist schon nach vier Spielen unmöglich geworden.

Vielleicht ist es das Alter, meint Steffen Kolk, selbst 37. Er erzählt vom nicht mal halb so alten Anders Vejrgang. Der 14-jährige Däne spielt für das eSports-Team von RB Leipzig, das in der Süd-Ost-Staffel der Virtual Bundesliga das Feld ungeschlagen anführt. Auch Steffen Kolk guckt die Spiele des Halbwüchsigen hin und wieder und versucht, sich etwas abzuschauen. Aber bereits mit Anfang 30 habe man nicht mehr die nötige Reaktionsfähigkeit, zitiert Kolk einen bekannten eSportler.

Dabei fehlt es dem Routinier vom Suhler SV auch am Gamepad nicht an Erfahrung. Allein mit der aktuellen Ausgabe der Fifa-Reihe, die am 9. Oktober veröffentlicht wurde, hat der Suhler schon 800 Spiele bestritten. In den Jahrzehnten davor war es nicht anders. Die Fifa-Reihe lief schon in den 90ern auf Kolks Computer. Doch seit den Anfängen der Fußball-Simulation, als ein paar wenige Knöpfe zum Steuern der Spieler ausreichten, ist das Videospiel immer komplexer geworden.

„Das ging alles zu schnell“, muss selbst Kommentator Frank Buschmann spotten, als Gladbach gerade zum zweiten Mal auf Paris trifft und Kylian Mbappé das sechste PSG-Tor besorgt. Da war Steffen Kolk bereits merklich still am Mikrofon geworden. Auch der Verdacht, dass etwas faul sei an der ganzen Sache, war da vergessen. Der sogenannte 90er-Modus lasse sich nicht manipulieren, erklärt Kolk später. Der Modus soll sicherstellen, dass alle Mannschaften im Schnitt gleich stark sind, egal ob sie Paris oder Mainz heißen.

„Ich bin in dem Spiel nicht der Beste“, räumt Kolk zwischendurch ein. „Aber ich spiele es halt sehr gerne.“ Und am Ende ist die Ursachenforschung schnell beendet. Kolk scherzt, dass es auch beim virtuellen Fußballspielen letztlich wie beim Schwimmen sei: „Wenn man es nicht kann, soll man es auch nicht auf die Badehose schieben!“

Fußball-Thüringen kickt virtuell: 128 Spieler in 32 Gruppen

Insgesamt 128 Mannschaften haben an der Vorrunde der 2. Thüringer Fifa-Meisterschaft der Fußball-Online-Plattform „FuPa“ teilgenommen. Jeweils vier Mannschaften spielten in einer Gruppe. Die 32 Gruppen wurden aus drei regionalen Töpfen ausgelost, die den Grenzen der drei realen Landesklasse-Staffeln entsprechen. Gespielt wurde eine Hin- und Rückrunde. In den Gruppen 1 bis 12 traten Spieler aus den Fußballkreisen Rhön-Rennsteig, Südthüringen und Westthüringen gegeneinander an.

Hier die Abschlusstabellen der Gruppen mit Beteiligung von Teams aus Suhl und Umgebung. Die beiden Gruppenbesten haben sich für die nächste Runde des eSports-Turniers qualifiziert:

Gruppe 2:

1. SG Suhltal/Manchester City (Benjamin Frank)

2. VfL Meiningen/Juventus Turin (Paul Fabig)

3. TSV Benshausen/Manchester City (Eric Ostermann)

4. SV Rennsteig Ernstthal/Borussia Dortmund (Robby Schüchner)

Gruppe 4:

1. SV Rennsteig Ernstthal II/Bayern München (Arthur Luthardt)

2. SV Dietzhausen/FC Liverpool (Norman Henkel)

3. Lauscha/Neuhaus I/Bayern München (Steve Büchner)

4. 1. FC Sonneberg II/Paris Saint-Germain (Stephan Funke)

Gruppe 10:

1. SV Stahl Brotterode-Trusetal/Paris Saint-Germain (Philipp Heineck)

2. FC Zella-Mehlis I/Bayern München (Adrian Hellmann)

3. Blau-Weiß Bufleben/Bayern München (Sebastian Nagel)

4. 1. Suhler SV/Borussia Mönchengladbach (Steffen Kolk)

Gruppe 11:

1. FSV Leimbach II/Paris Saint-Germain (Maximilian Ziert)

2. FC Zella-Mehlis II/Bayern München (Lukas Schmidt)

3. Eintracht Wechmar I/Paris Saint-Germain (Florian Möhring)

4. Bischofroda/AC Milan (Benjamin Al)

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