Fußball, Regionalliga Schiedlich, friedlich – Derby endet 1:1

Volles Haus, tolle Stimmung, zwei Tore, kein Sieger: Das Thüringenderby in der Fußball-Regionalliga zwischen dem FC Rot-Weiß Erfurt und dem FC Carl Zeiss Jena endet am Sonntag mit einem leistungsgerechten 1:1-Unentschieden.

Das Thüringenderby? In der 4. Liga? Zu DDR-Zeiten hätten es die Fußballfans in Erfurt und Jena für unmöglich gehalten, dass der Klassiker zwischen dem FC Rot-Weiß und dem FC Carl Zeiss irgendwann einmal nicht in der höchsten Spielklasse über die Bühne gehen würde. Doch seitdem ist jede Menge Wasser die Gera und die Saale hinabgeflossen. RWE steckt seit über vier Jahren in einem Insolvenzverfahren und kämpft weiter darum, die schweren finanziellen Lasten der Vergangenheit abzustreifen. Und bei den Blau-Gelb-Weißen aus der Universitätsstadt finden Gespräche über Europapokal-Abende auch nur noch im Präteritum statt.

Das Interesse an den Klubs ist trotzdem ungebrochen, wie am Sonntag unschwer zu erkennen war. 12 000 Zuschauer füllten das Steigerwaldstadion – und sie sahen ein Regionalliga-Derby mit hohem Unterhaltungswert, einigen Nickligkeiten, vielen spannenden Szenen und einem letztendlich gerechten Ausgang von 1:1. „Wir haben in der ersten Halbzeit so gut wie gar nicht stattgefunden, von daher kann und muss ich mit dem Ergebnis leben“, sagte Jenas Abwehr-Routinier René Lange nach der Partie, die bei herbstlich-kühlen Temperaturen und Regen typischen Derbycharakter besaß. „In der zweiten Hälfte war das viel besser von uns. Aber Respekt an Erfurt: Man ist immer so gut, wie es der Gegner erlaubt. Und Rot-Weiß hat wirklich ein starkes Umschaltspiel.“

Genau dieses Umschaltspiel war es auch, das den Landeshauptstädtern in der 29. Minute die umjubelte Führung bescherte. Nach einer Balleroberung an der Mittellinie spielte Keliano Tavares – ein Franzose mit familiären Wurzeln auf den Kapverden – einen genialen Pass zwischen die Jenaer Verteidiger. Kay Seidemann erlief den Ball, zog an Gegenspieler Bastian Strietzel vorbei und zirkelte die Kugel eiskalt in die lange Ecke.

„Wenn man den Spielverlauf betrachtet, war die Führung zu diesem Zeitpunkt verdient“, befand RWE-Trainer Fabian Gerber und stieß mit dieser Einschätzung auf allgemeine Zustimmung. Während Jena merkwürdig passiv und viel zu tief stehend zu Werke ging, präsentierte sich der Aufsteiger aus Erfurt spielfreudig und mutig. „Da waren bei uns viel zu viele einfache Fehler dabei“, meinte Lange. Lediglich über die rechte Seite mit Ken Gipson und Maximilian Krauß sorgte Jena für offensive Gefahr. Ansonsten hatte RWE bis zum Seitenwechsel alles im Griff, was auch dem mehr als soliden Innenverteidiger-Duo (Patrick Nkoa, Aaron Manu) geschuldet war. Beide stehen bereits bei höherklassigen Vereinen auf der Beobachtungsliste – und das vollkommen zu Recht, wie ihr Derby-Auftritt bestätigte.

Ganz ungeschoren kamen die Hausherren aber nicht davon, denn der Jenaer Trainer Andreas Patz hatte seinen Spielern in der Halbzeit offensichtlich Beine gemacht. Der FC Carl Zeiss kam wie verwandelt auf den Rasen zurück, attackierte nun deutlich früher, störte den Gegner im Spielaufbau und schien mit 45-minütiger Verzögerung verinnerlicht zu haben, wie man ein Derby spielen muss.

„Leider haben wir Jena wieder ins Spiel kommen lassen“, ärgerte sich Gerber. Andererseits: Klare Chancen für die Saalestädter blieben Mangelware – und so war es ein Elfmeter aus der Schublade mit der Aufschrift „völlig unnötig“, der den Gästen den Ausgleich und damit auch den Punktgewinn bescherte. Verteidiger Abou Ballo ließ gegen Gipson das Bein stehen, obwohl der Jenaer den Strafraum fast schon wieder verlassen hatte. Gipson fiel, der aus Sondershausen stammende Schiedsrichter Oliver Lossius zeigte auf den Punkt – und Pasqual Verkamp versenkte in der 70. Minute unhaltbar.

Es ehrt beide Mannschaften, dass sie danach auf den Siegtreffer drängten. Er fiel jedoch nicht mehr, obwohl RWE in der fünfminütigen Nachspielzeit gewaltig an den Ketten zerrte und Jena ins Schwimmen brachte, nachdem Verkamp zuvor beinahe das 2:1 für die Gäste erzielt hätte. Somit verpasste Erfurt den Derby-Heimsieg und Jena die Tabellenführung. Und trotzdem schlossen beide Seiten ihren Frieden mit dem 1:1 im ersten Aufeinandertreffen des FC Rot-Weiß und des FC Carl Zeiss seit viereinhalb Jahren.

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