Fußball, Interview „Einfach hingehen und fragen“

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An der Basis: Anja Kirchner bei Foto: privat

Anja Kirchner, Vorsitzende des Frauen- und Mädchenausschusses im Thüringer Fußball-Verband (TFV), über die Probleme und Engpässe an der Basis, den Stützpunkt in Jena und ihre Hoffnung auf einen Wandel.

Anja Kirchner (47) kennt sich aus an der Basis. Die einstige Schiedsrichterin ist nunmehr seit fünf Jahren ehrenamtlich Chefin des Frauen- und Mädchenfußballs in Thüringen.

 

Frau Kirchner, alle reden vom Frauenfußball-Boom. Ist er schon bei Ihnen an der Basis angekommen?

Bis jetzt noch nicht. Aber ich hoffe und warte darauf, dass sich zeitnah Mädchen finden und bei den Vereinen anfragen.

Einfach anfragen?

Ja, einfach hingehen und fragen. Oder sich vorab auf der Homepage des Vereins informieren. Auch dort findet man Ansprechpartner.

Wie viele Frauen und Mädchen kicken aktuell in Thüringen in wie vielen Mannschaften?

Wir haben Jena in der 2. Bundesliga, zwei Mannschaften in der Regionalliga und zwölf Mannschaften in der Verbandsliga. Dazu kommen in den Kreis-Oberligen noch mal über 50 Frauen-Mannschaften.

Und im Nachwuchs?

Reine Mädchenmannschaften sind es etwa 30, von den C-Juniorinnen abwärts. Lok Meiningen und Wismut Gera spielen mit den B-Juniorinnen in Bayern und Sachsen. In der Saison 2021/22 hatten wir laut Statistik genau 877 Frauen und 1293 Mädchen aktiv im Spielbetrieb.

Es waren schon mal mehr. Woran liegt der Schwund begründet?

Wir verzeichneten zuletzt einen leichten Rückgang an Mitgliedern, vielleicht fünf Prozent. Das liegt aber nicht nur an Corona. Die Gesellschaft befindet sich generell im Wandel, es gibt viele andere Freizeitmöglichkeiten. Ein Trend geht hin zu den Individualsportarten. Da hat man als Frau keinen Terminstress und keinen Druck, am Samstag oder Sonntag zu einer bestimmten Uhrzeit auf dem Fußballplatz stehen zu müssen.

DFB und TFV haben allein bei den Mitgliederzahlen im weiblichen Bereich noch ein Riesenpotenzial. Wie kann man das besser nutzen?

Die Basis ist der Verein. Dort muss der Mädchen- und Frauenfußball aber auch voll akzeptiert sein, dort darf man den Mädchenfußball nicht mehr als fünftes Rad am Wagen sehen. Und ja, man braucht mehr Übungsleiter, was ein großes Problem und uns im TFV bekannt ist. Deshalb hat der TFV zuletzt auch eine Ausbildungsoffensive gestartet, die künftig an Lizenzen gebunden sein wird. Wir brauchen mehr qualifizierte Übungsleiter und Trainer.

Es gibt Mustervereine in Südthüringen wie ESV Lok Meiningen und FSV Silvester Bad Salzungen. Hier setzt man nur auf den Frauen- und Mädchenfußball. Läuft es deshalb dort besser?

Diese Vereine, als Beispiele taugen auch Ruhla, Bad Berka oder Oberweimar, engagieren sich eben total für den Mädchenfußball. Sie bieten Schnuppertrainings an oder gehen in die Schulen. Hier wird Mädchenfußball gelebt!

Wie könnte man solche Vereine noch besser unterstützen?

Oh, da sind uns als TFV, da sind mir die Hände gebunden. Es gibt einfach keine Gelder. In anderen Bundesländern ist es etwas anders geregelt, da partizipiert der Landesverband von seinen Männermannschaften im Profifußball, was wiederum auch Aktivitäten im Frauenfußball zugute kommt. Doch in Thüringen haben wir keinen Erst- oder Zweitligisten. Mehr als einen Obolus zum Tag des Mädchenfußballs an die organisierenden Vereine können wir nicht beisteuern. Okay, bei den Trainerweiterbildungen unterstützen die einzelnen Kreisfachausschüsse die Anwärter mit einem Zuschuss, aber das ist wieder eine andere Schiene. Wir können den Spielbetrieb anbieten und ihn organisieren, viel mehr aber auch nicht. Über die Landesauswahlmannschaften können wir die besten Talente noch extra fördern. Und auch über die DFB-Stützpunkte, wobei das reine DFB-Sache ist. Hier sind die Mädchen integriert.

Jena ist DFB-Stützpunkt und Nachwuchsleistungszentrum, auch im Frauenfußball. Wie läuft es dort?

Gut. Viele Talente sind in Jena am Sportgymnasium, auch aus anderen Bundesländern. Allerdings ist so ein Nachwuchsleistungszentrum auch an den Verein gebunden, und hier gibt es beim FC Carl Zeiss Jena ja eine Neuausrichtung. Man wird sehen, wohin die Reise geht. Ich hoffe, dass sich die Frauen-Mannschaft des FC Carl Zeiss in der 2. Bundesliga stabilisiert und als Vorbild für die Talente taugt. In Erfurt ist uns das Nachwuchsleistungszentrum zuletzt leider weggebrochen wegen der Insolvenz des FC Rot-Weiß.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs generell, in Deutschland, in Europa?

Es ist viel passiert in der jüngeren Vergangenheit. Dass sich einmal über 90 000 Zuschauer wie in Barcelona ein Frauenfußballspiel anschauen, hätte ich auch nicht gedacht. Ja, in Spanien und England hat man eine große Frauenfußball-Offensive gestartet. Frauenfußball ist dort voll akzeptiert. Insgesamt ist das spielerische und athletische Niveau deutlich gestiegen, waren viele EM-Spiele schön anzusehen.

Und in Deutschland?

Hier muss mit den Geldern was passieren. Hier müssen Bundesliga-Spielerinnen ein solides Auskommen haben und nicht noch nebenbei 40 Stunden arbeiten oder studieren. Dort, wo die Frauen-Abteilungen an starke Männervereine wie in München, Wolfsburg, Frankfurt oder Hoffenheim angegliedert sind, funktioniert das gut. Der neue DFB-Präsident hat nun angekündigt, dass sich Dinge und Strukturen ändern sollen.

Schenken Sie dem Glauben?

Ja, der Glaube ist gewachsen. Bernd Neuendorf schätze ich so ein, dass er seinen Worten auch Taten folgen lässt. Im DFB-Präsidium sind jetzt fünf Frauen, das ist immerhin genau ein Drittel.

 

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