Fußball-Europameisterschaft "Unglaubliches Gefühl": Watkins schießt England ins Finale

Von Thomas Eßer, Patrick Reichardt, Heinz Büse und Florentine Dame,

Mit der bisher besten Turnierleistung schafft es England tatsächlich ins EM-Finale und sorgt für ein abruptes Ende der Oranje-Party. Schlüssel zum Erfolg sind ein Elfmeter und ein Joker.

 
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Dortmund - Jubelnd sprang Englands Kapitän Harry Kane dem Matchwinner Ollie Watkins in die Arme. Völlig gelöst führte auch Trainer Gareth Southgate vor seiner Bank einen Freudentanz auf. Durch ein spätes Tor von Watkins in der Nachspielzeit haben die Engländer am Mittwochabend die große Oranje-Party bei der Fußball-EM beendet und sind jetzt nur noch einen Schritt vom ersten großen Titel seit 58 Jahren entfernt.

Das Starensemble um Bayern-Stürmer Kane und Champions-League-Sieger Jude Bellingham besiegte die Niederlande im Halbfinale mit 2:1 (1:1) und trifft im Endspiel am Sonntag (21.00 Uhr/ARD und MagentaTV) auf den Favoriten und Deutschland-Bezwinger Spanien. Zu den Klängen von Sweet Caroline ließen sich die Engländer von ihren völlig euphorischen Fans feiern. Torwart Jordan Pickford nahm direkt im englischen Block ein Bad in der Menge.

"Wir haben Geschichte geschrieben. Ich bin so stolz auf alle Spieler und Mitarbeiter", sagte England-Kapitän Kane. "Es ist ein so schwieriges Turnier für uns gewesen. Es war so hart, in dieses Finale zu kommen. Aber wir sind bereit!"

"Schwöre beim Leben meiner Kinder"

Vor 60 926 Zuschauern in Dortmund drehten Kane (18. Minute/Foulelfmeter) und der für Kane eingewechselte Ollie Watkins (90.+1) mit ihren Toren die Partie nach einem frühen Rückstand durch ein Traumtor von Xavi Simons (7.). Anders als in den Spielen zuvor zeigten die Three Lions diesmal zumindest eine Halbzeit lang ihre fußballerische Klasse und boten ihre beste Turnierleistung.

Und auch der viel kritisierte Trainer Southgate hatte bei seinen Wechseln in der Schlussphase eine glückliche Hand. "Ich schwöre beim Leben meiner Kinder: Ich habe zu Cole Palmer gesagt: Wir kommen rein, ich schieße das Tor und du spielst den Pass", sagte Watkins. "Das ist ein unglaubliches Gefühl."

 Erstmals steht England nun in einem großen Endspiel, das nicht in der Heimat stattfindet. 1966 war das selbst ernannte Mutterland des Fußballs im Wembley-Stadion gegen Deutschland Weltmeister geworden. Vor drei Jahren scheiterte man an gleicher Stelle im Elfmeterschießen des EM-Finales an Italien. Nun soll der langersehnte zweite große Titel her.

Eviva España beim Fanmarsch

Das große Fußballfest von Dortmund beschränkte sich nicht auf das Spiel am Abend, sondern begann bereits um die Mittagszeit. Rund 100.000 niederländische Fans verwandelten die Stadt in eine riesige Partyzone. Oranje dominierte komplett. Vom inzwischen zum Kult gewordenen Fanbus delegierte unter anderem Ex-Profi Wesley Sneijder die feierwütige Menge nach links und nach rechts.

Beim laut Polizei größten Fanmarsch der Stadtgeschichte stimmte sich Oranje ein. Fröhlich trällerten die Anhänger "Eviva España". Die Engländer, mit 25.000 Fans ebenfalls mehr als ordentlich vertreten, waren erstmals bei dieser EM deutlich in Unterzahl.

Direkt viel Tempo im Spiel

Auf dem Platz legten die Niederländer einen Traumstart hin. Simons eroberte den Ball von Declan Rice in der englischen Hälfte, lief noch ein paar Meter und knallte das Spielgerät mit voller Wucht sehr sehenswert ins Kreuzeck.

Die englische Taktik mit dem Fokus auf Kontrolle und defensive Stabilität der vergangenen Spiele war nun hinfällig. Die Three Lions mussten kommen - und sie kamen. Angeführt von Kapitän Kane drängte England auf den schnellen Ausgleich.

Zunächst scheiterte der Bundesliga-Torschützenkönig mit einem Distanzschuss noch am niederländischen Torwart Bart Verbruggen, dann wurde er bei einem Versuch im Strafraum von Denzel Dumfries hart am Fuß getroffen. 

Kane fiel, der deutsche Schiedsrichter Felix Zwayer schaute sich die Szene noch einmal im Video an und entschied dann auf Strafstoß. Der Gefoulte selbst verwandelte mit einem gezielten Flachschuss und wurde damit zum alleinigen EM-Rekordtorjäger in K.-o.-Spielen. 

England offensiv stark wie lange nicht

Die Ansetzung Zwayers war in England schon vor dem Spiel sehr skeptisch bewertet worden. Zu seiner Zeit bei Borussia Dortmund hatte Bellingham den heute 43-Jährigen nach einer Niederlage gegen den FC Bayern heftig kritisiert und verbal angegriffen. Diesmal dürfte der Superstar zumindest mit der Elfmeter-Entscheidung zufrieden gewesen sein.

Vor den Augen der britischen Musikgrößen Adele und Ed Sheeran drückte England weiter. Das Southgate-Team war kaum wiederzuerkennen, zeigte in puncto Kreativität und Offensivdrang die bisher beste Turnierleistung.

Vor allem der sehr agile Phil Foden sorgte für Alarm vor dem niederländischen Tor. Erst verhinderte Dumfries auf der Linie nach einem Abschluss des 24-Jährigen die englische Führung (23.), dann klatschte ein Fernschuss Fodens an den Außenpfosten (32.). Für Oranje hatte Dumfries mit einem Kopfball nach einer Ecke an die Latte Pech (30.).

Zweite Hälfte mit weniger Action

Der Halbzeitpfiff brachte nicht nur eine Verschnaufpause, sondern auch einen kleinen Bruch ins Spiel. Die sangesfreudigen Zuschauer bekamen nun keine große Angriffs-Action mehr geboten. Stattdessen prägten lange Ballstafetten das Geschehen. Einen Abschluss des niederländischen Kapitäns Virgil Van Dijk nach einem Freistoß, lenkte Pickford zur Ecke (65.).

Insgesamt hatten die Niederländer nun deutlich mehr Kontrolle. Bis zur Schlussphase: Zunächst traf Bukayo Saka zum vermeintlichen 2:1 für England (79.) - da hatte das Koeman-Team aber noch Glück, dass Vorbereiter Kyle Walker vermeintlich im Abseits stand. In der Nachspielzeit ließ Joker Watkins die englischen Fans dann vor Freude ausrasten.

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