Corona-Protest in Sonneberg Pfarrer bringt Luther gegen Pandemie in Stellung

Dicht an dicht finden sich die Sonneberger Foto:  

Mehr als tausend Menschen beteiligten sich am Sonntagabend an der Lichterketten-Aktion, zu der Mitglieder einer „Initiative von Heilberufen“ aufgerufen hatte. Ihr Umzug führte vom Marktkauf zur Hönbacher Kapelle, wo Steinachs ehemaliger Stadtpfarrer Martin Michaelis gegen die Corona-Regeln predigte.

Sonneberg – Wenn denn das Landratsamt beim Kooperationsgespräch mit Anmelder Ulrich Nimz Ende vergangener Woche gedacht haben sollte, die für den zweiten Adventssonntag angekündigte „Lichterketten-Aktion“ ließe sich tatsächlich eingrenzen auf 35 Teilnehmer, die vor Ort verharren? Dann sahen sich die Behörden schon deutlich vor 17 Uhr eines Besseren belehrt. Auto um Auto füllte sich der Marktkauf-Parkplatz. Auch von der Gebrannten Brücke aus Neustadt her zog es Hunderte zum Treffpunkt an der Sonneberger Ortseingangstafel.

Zwar bemühten sich die Helfer des Veranstalters die Massen zunächst pulkweise in 35er-Kohorten in Richtung des Hönbacher Friedhofs zu lenken. Doch damit war es schnell vorbei. Einige wenige Streifenwagen-Besatzungen übernahmen es schließlich den Verkehr in der Neustadter Straße stillzulegen. Um kurz nach 17 Uhr war dann kein Halten mehr. Ohne Unterlass schob sich die Menschenmenge vom Sammelpunkt über die Hauptstraße hinweg in den Baumweg und weiter über die Wildenheider Straße bis zur Friedhofskapelle Hönbach, unmittelbar an der Landesgrenze gelegen.

Das Gepräge des Umzugs blieb durchgängig friedlich. Ordner hielten die Teilnehmer an, nicht zu dicht aufzuschließen. Anstatt zu drängeln, solle man besser das Schritttempo eines Spaziergangs ansetzen. Vorm Bahnübergang leuchteten andere Helfer die Querung aus, mahnten vor Glätte und Rutschgefahr. Viele Familien mit Kindern ordneten sich ein. Lampions, Lichterketten, Kerzen und Fackeln erhellten die Nacht. Rollstuhlfahrer und Rentner, Jugendliche, Arbeitskollegen, Freundeskreise – querbeet durch alle Altersgruppen waren die Menschen dem seit einigen Wochen in den sozialen Netzwerken kursierenden Aufruf gefolgt. Darunter auch die bisherig beim Protest gegen die Ansteckungsregeln tonangebende Vorstandschaft des Vereins „Sonneberg zeigt Gesicht“ nebst AfD-Funktionsträgern wie MdL Robert Sesselmann oder Falko Graf. AfD-Kreistagsmitglied Holger Winterstein frohlockte in den sozialen Netzwerken rasch über bis zu 3000 Demonstranten „für Freiheit und gegen Willkürherrschaft“.

Den Mund-Nasen-Schutz anzulegen blieb am Sonntagabend allein den Vertretern der Polizei und des Landratsamtes überlassen. Diese verfolgten am Rande den Verlauf der Versammlung. In irgendeiner Form einzugreifen – Abstandsregeln beim Beisammensein durchzusetzen oder auf die Einhaltung der Maskenpflicht zu pochen – verkniff man sich. Dass ursprünglich eine Versammlung mit 500 Teilnehmern mit dem Augenarzt Ulrich Nimz im Gespräch war, bestätigte eine Vertreterin der Kreisbehörde. So oder so wäre diese Hürde wohl gerissen worden. Auf tausend Teilnehmer – „eher mehr“ – schätzte der Sonneberger Polizeichef René Schunk die Größenordnung. Diese mit mehr Polizisten abzusichern? Dem waren am 5. Dezember Grenzen gesetzt. Da überall im Freistaat Thüringen Demonstrationen, Kundgebungen, „Spaziergänge“ und Versammlungen angesetzt worden waren, hat es schlicht keine freien Kräfte mehr für eine Einsatzunterstützung in Sonneberg gegeben. „Auch die Kapazitäten der Polizei sind endlich“, so Schunk gegenüber Freies Wort. Eingebunden wurden zur Verstärkung einige Polizisten aus dem benachbarten Bayern bzw. aus dem Kreis Coburg.

Als Mix aus Andacht und Kundgebung gestaltete Martin Michaelis seinen Wortbeitrag im Eingangsbereich der Kapelle aus. Wie der vormalige Steinacher Stadtpfarrer auf Nachfrage der Zeitung äußerte, sei er von den Veranstaltern hierfür angefragt worden – „wahrscheinlich weil sich keiner sonst traut“.

In seiner Rede sprach Michaelis von der begründeten Angst der Menschen ihre wirtschaftliche Existenz und die des ganzen Landes, Beruf, Lebensmut, Vertrauen in den Mitmenschen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verlieren. „Und wer deshalb auf die Straße geht, der läuft Gefahr, ganz offiziell bescheppert und für unnormal erklärt zu werden.“

Als Pfarrer nahm er eine „Obrigkeit“ aufs Korn, „die zu Ostern 2020 die Gottesdienste verbietet und an demselben Tag in den ARD-Tagesthemen einem Mann eine Bühne bietet, der der ganzen Welt das neue Heil verkündet, das in einer Impfung aller liegen soll“. Michaelis hielt dem entgegen, mit dem besten aller Immunsysteme habe Gottes Schöpfung den Menschen ausgestattet. Mehrfach nahm der Seelsorger, mittlerweile in Quedlinburg tätig, zugleich Vorsitzender des Thüringer Pfarrvereins, Bezug auf die zehn Gebote, um eine Unvereinbarkeit der Corona-Ansteckungsschutzregeln mit dem christlichen Weltbild zu behaupten.

Das fünfte Gebot wäre demzufolge konterkariert, wenn Menschen geängstigt werden und ihnen nicht geholfen wird, weil es die Politik belohne Krankenhausbetten abzubauen. Überteuerte Masken seien angeschafft worden von Abgeordneten, die sich hieran „dumm und dämlich verdienen“, Steuern würden verschleudert, das Gemeinwesen ausgeplündert.

An Polemik gegen die Mittel zur Eindämmung der Pandemie ließ Michaelis wenig offen: „Fahrt mal an die Tankstelle! Falsche Ware oder Handel: Staubschutzmasken gegen Viren, Milliarden Impfdosen, deren Nutzen euch andere besser erklären können als ich. Betten aufbauen für die Panik, Betten abbauen für neue Panik. Und dann Schuldige suchen.“

Auch das Gebot, nicht falsch Zeugnis zu reden wider dem Nächsten, rief Michaelis an. „Dazu brauche ich euch gar nichts zu erzählen über Politiker, Medien und Gerichte oder über Ungeimpfte“, äußerte er in Richtung des Publikums, das die Schelte mit lautem Beifall quittierte.

An den Schluss seiner Betrachtungen – „frischen wir noch etwas unseren Mut auf“ – rückte er den Bekennermut Martin Luthers. Christen würden zwar der Obrigkeit und den Gesetzen Gehorsam schulden: „Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne Sünde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Zum Zirkelschlag zu Gesetzen, denen man nicht ohne Sünde Folge leisten kann und darf, war es dann nicht mehr weit.

Ohne erkennbare Zwischenfälle endete die Demonstration nach etwas mehr als einer Stunde so, wie sie begonnen hatte: Als friedlicher Spaziergang vieler Corona-Verdrossenen – im Lichterschein von Laternen und vereinzeltem Blaulicht-Geflacker der Polizeiautos.

Lesen Sie dazu auch:

Autor

 

Bilder