„Freies Wort“ vor Ort Unterschätzt mir die Senioren nicht!

Florian Kirner

Diesmal macht die Wohnmobil-Tour dieser Zeitung in Gleichamberg und Streufdorf Station. Es geht nicht nur um Tablets und Passwörter, sondern auch um „Haselege“ und Gottesdienst ab 5.30 Uhr.

Mit dem Leser auf Du und Du am Osterbrunnen von Gleichamberg. Foto: Steffen Ittig

Die nahe Tradition und Neuerung beisammen liegen können, erlebten wir im Zuge der Wohnmobil-Tour dieser Zeitung quer durch den Landkreis.In Gleichamberg, wenige Meter neben dem prachtvoll geschmückten Osterbrunnen, saß zum Beispiel unter dem Insüdthüringen-Pavillon gut gelaunt Bernd Seeber. Mit seinen 87 Lenzen hatte er, der bisher noch kein Handy besitzt, soeben ein Tablett erworben. Das ließ er sich von unseren tollen Technikjungs Jonas und Martin sogleich einrichten.

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Und auch die Leselupe ist dann mal weg

„Ich kann die Papierzeitung ja nur noch mit der Lupe lesen und das dauert immer ewig“, berichtet er uns. Jetzt freut sich Bernd Seeber darauf, die digitale Zeitung auf seinem neuen Gerät so groß ziehen zu können, wie er das eben benötigt, um am Frühstückstisch bequem Zeitung lesen zu können.

Neben ihm sitzt Christa Krämer. Wie Bernd Seeber hat die pensionierte Grundschullehrerin ihr ganzes Leben in Gleichamberg verbracht. Aber sie folgte in erster Linie dem Aufruf, uns anlässlich dieser Tour über die Dörfer von neuen und alten Osterbräuchen zu erzählen.

Mitgebracht hat sie noch warmes Gebäck, frisch aus dem eigenen Ofen: Eine Osterbreze, wie sie erklärt. Sie hat auch einen geflochtenen Osterkorb dabei, den sie tatsächlich einst von der Oma bekommen hat. Sie erinnert sich noch lebhaft daran, denn das damalige „Haslege“ (Hasenlegen), wie man hier sagt, fand verspätet statt. Im Frühjahr 1957 habe die Gelbsucht grassiert und viele Kinder, darunter Christa Krämer, seien nach Zella-Mehlis in Quarantäne gekommen. Wieder genesen fand die kleine Christa diesen Osterkorb im Entenstall. Und darin befand sich damals auch noch eine sehr geheimnisvolle Frucht: eine Apfelsine!

Leserdialog in Gleichamberg mit eindrucksvoller österlicher Kulisse. Foto: Steffen Ittig

„Weiß der Teufel, wo die Eltern die herhatten“, wundert sich Christa Krämer noch heute, der beim Erzählen dieser exotische Kindheitsgeruch sofort wieder in die Nase steigt, wie sie sagt. Stolz zeigt sie auch den Kalender der Gleichamberger Ortschronisten, einer Gruppe geschichtsinteressierter Bürger. Darin widmet sich der Monat April ganz den hiesigen Osterbräuchen.

Eine Einweisung in die Nutzung der digitalen Zeitung braucht Christa Krämer nicht. Bei ihr läuft schon längst alles. Nur das Kreuzworträtsel löst sie immer noch lieber auf dem Papier. Sie kontrolliert nur hinterher die richtigen Antworten im E-Paper auf ihrem Tablett.

Großes Programm in der Kirche

Die hinter uns liegende Kirche in Gleichamberg lockt zu Ostern auch mit einem großen Programm. Da gibt es den Gottesdienst mit Abendmahl am Karfreitag, den Familiengottesdienst am Ostermontag, zu der man seine Kerzen mitbringen und an der großen Osterkerze in der Kirche entzünden kann. Kinder können im Pfarrgarten nach Osterkörbchen suchen.

Aktiv sind sie zu Ostern auch in Streufdorf. Nach dem Gottesdienst in aller Herrgottfrühe um 5.30 Uhr gibt es im Pfarrhaus das traditionelle Osterfrühstück. Dazu bringen alle etwas mit: Die einen ein paar Gläser Gurke, die anderen Semmeln oder Wurst. Es gibt alkoholfreie Getränke, aber auch Radler und Bier. Dazu kommen jedes Jahr Leute aus Völkershausen, wo es keine eigene Kirchgemeinde gibt.

In diesem Jahr stehen die Osterfeierlichkeiten im Zeichen der in Seidingstadt geborenen Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die wurde 1825 zur Königin von Bayern und dieses 200. Krönungsjubiläum ist auch bei den Gesprächen an unserem Wohnmobil immer wieder ein Thema. Ob die Königin selbst wohl auch den Schritt zum E-Paper geschafft hätte?

Erstes Tablet, erster Flug ...

So geduldig und kompetent, wie Jonas und Martin alles erklären, Passwörter vergeben und Tabletts einrichten, kann daran wohl kein Zweifel bestehen. Aber die beiden sind auch ihrerseits schwer beeindruckt, wie viele hochbetagte Semester sich der Herausforderung der Digitalisierung stellen wollen: „Wir hatten schon mehrere Leute mit über 90 Jahren hier, die sich ein Tablett gekauft und von uns einrichten lassen haben.“

Eine ältere Dame und jahrzehntelange Abonnentin ist auch zum Markt-Eck gekommen, um ihre Zeitungslektüre auf die digitale Zeit umzustellen. Und für Ostern 2025 hat sie ebenfalls eine ziemlich radikale Neuerung geplant: Zum allerersten Mal in ihrem Leben wird sie in ein Flugzeug steigen und die Ostertage in wärmeren Gefilden verbringen!

Man darf die Abenteuerlust der Senioren eben niemals unterschätzen …