Freies Wort hilft Gute Aussichten auf ein ganz normales Leben

Familie Alokla ist undenlich dankbar für die Unterstützung von Freies Wort hilft: Vater Ramez, Dalal, Mutter Safa und Nawil. Foto: Sascha Willms

Auf den ersten Blick wirken Dalal und Nawal wie ganz normale Teenager. Doch die Schwestern leiden an einer angeborenen Fehlbildung des Brustkorbes. Freies Wort hilft bei der Behandlung.    

Wellcome. Herzlich Willkommen.“ Ein junges fröhliches Mädchen öffnet mir die Tür und bittet mich höflich herein. Ich muss ersteinmal kurz verschnaufen. Das Treppenlaufen bis ins sechste Stockwerk hat mich außer Atem gebracht. Du müsstest dich etwas mehr bewegen, flüstert mein innerer Schweinehund. „Uns macht da nichts mehr aus“, schmunzelte die Jugendliche, die sich mir als Dalal vorstellte. Kann sie Gedanken lesen?

Ich lasse mich auf das Sofa plumpsen. Dann erst setzt sich die vierköpfige Familie. Dalal, elf Jahre, ihre Schwester Nawal, zehn Jahre, Mutter Safa und Vater Ramez. Er zieht sich in eine Ecke des schlicht eingerichteten Wohnzimmers zurück. Dreimal pro Woche muss der schwer nierenkranke Familienvater zur Dialyse. Wie am Tag meines Besuchs. Er sieht blass aus – und müde.

Das Erzählen übernehmen deshalb die drei Frauen. Ich erfahre, dass Familie Alokla aus Hama stammt, der Hauptstadt des Gouvernements Hama in Syrien, gelegen an der Fernstraße zwischen Aleppo und Damaskus. Safa arbeitete als Grundschullehrerin für Mathematik und Arabisch, ihr Mann als Vetriebsmanager in einem Elektromarkt. Vor vier Jahren stiegen sie in ein Flugzeug und verließen ihre Heimat. Ließen Großeltern, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen zurück, um in Deutschland um Asyl zu bitten. Des Krieges wegen, der seit mittlerweile zehn Jahren in dem arabischen Land tobt. Über Gera, Köln und Suhl kamen die Aloklas schließlich nach Schmalkalden. Sie wohnen am Walperloh, in einem sanierungsbedürftigen Block. Und sind zufrieden. Im Vergleich zur ersten Unterkunft ist es jetzt ruhig. Die braucht der Vater nach der anstrengenden Blutwäsche.

Während Safa einen arabischen Kaffee kocht – die Syrier betrachten Kaffee als integralen Bestandteil ihres Lebens – plaudere ich mit den hübschen Mädchen über Schule, Corona und Zukunftspläne. Ihr gutes Deutsch überrascht mich. Dalal besucht die fünfte Klasse am Philipp-Melanchthon-Gymnasium. Ärztin möchte sie werden – und in Deutschland bleiben. Deshalb nutzt sie jede freie Minute, um zu lernen und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Über Videos, Apps, Bücher. Wenn die Eltern nicht mithören sollen, reden die Schwestern deutsch. Inzwischen aber verstehe sie alles, schmunzelt die Mutter. Ihre Töchter blicken sich vielsagend an und grinsen.

Nawal, die Viertklässlerin, verfolgt andere Ziele. Sie möchte Architektur studieren und danach zurückgehen, in die Heimat nach Syrien. Sie vermisse Oma und Opa, Onkel und Tanten sehr, sagt die Zehnjährige traurig. Kontakt halte man nur über das Telefon. Gegenseitige Besuche? Undenkbar.

Corona und die damit einhergenenden Einschränkungen macht die Eingewöhnung nicht gerade einfacher. Die sportlich und musikbegeisterten Mädchen dürfen ihre wenigen Freunde nicht treffen, der Vater als Dialyspatient ist zwar geiimpft, aber jede Infektion kann zu schweren Komplikationen führen. Safa, die ihren ersten Sprachkurs mit Bravour bestanden hat, möchte gern den zweiten ablegen. Doch Präsenzunterricht ist nicht möglich. Gern würde die 32-Jährige einige Stunden arbeiten, vielleicht als Erzieherin, im Krankenhaus oder in einer Apotheke.

Zum Glück werden die Aloklas von guten Menschen aufgefangen, wie von Markus Reiß, der im Walperloh das Stadtteil-Büro leitet, Ansprechpartner in allen Fragen ist. Oder von Frauen wie Yvonne Luther vom IFBW e.V., der sich unter anderem um Flüchtlinge kümmert und verschiedene Integrationsprojekte initiiert.

Der Interessenverband für Fort- zund Weiterbildung war es auch, der sich an Freies Wort hilft gewandet hatte mit der Bitte, den beiden Teenagern zu helfen. Dalal und Nawal leiden einer angeborenen Fehlbildung des Brustkorbes, einer so genannten Trichterbrust. Diese sei in den vergangenen Jahren tiefer geworden, erzählt Mutter Safa, und verursacht zunehmend Beschwerden, sowohl körperlich als auch psychisch. Als 2Pectus excavatum wird eine Deformation des vorderen Brustkorbs bezeichnet, bei der durch Veränderungen der Knorpelverbindung zwischen Brustbein und Rippen das Brustbein auffällig nach innen steht, wodurch die vordere Brustwand die Form eines Trichters annimmt. Auch wenn das Krankheitsbild meist kein gesundheitliches Risiko darstellt, kann es Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit haben, insbesondere bei körperlichen Anstrengungen wie Sport. Belastet werden Herz und vor allem die Lunge. Von Kurzatmigkeit berichten auch Dalal und Nawal.

Die Trichterbrust kann mit verschiedenen Therapien behandelt werden, mit Physiotherapie oder Ausdauersport wie Schwimmen. im Fall der beiden Heranwachsenden haben sowohl die Ärzte in Meiningen als auch in Jena die Anwendung einer so genannten Saugglocke empfohlen. Diese erzeugt Unterdruck und soll bei täglicher Anwendung zu einer Anhebung des Trichters und so zu einer allmählichen Korrektur der Fehlstellung führen. Die Patienten müssen die Saugglocke etwa zwei bis drei Jahre lang jeden Tag für ein bis drei Stunden auf die Trichterbrust aufsetzen. Obwohl Belege für eine Wirksamkeit vorliegen, bezahlt die Krankenkasse diese Behandlung in den wenigsten Fällen. Im konkreten Fall hat die Kasse die Kostenübernahme abgelehnt. Diese übernimmt nun in Höhe von insgesamt 999,60 Euro der Verein Freies Wort hilft.

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