Freies Wort hilft Endlich wieder beisammen

Sie haben die Mama und Ehefrau zurück. Von links Tiara, Henry, Jessica, Emely, Edward-Rolf, Tessa und Sven Köhler im neuen Bad. Umgebaut mit Spendengeldern von Freies Wort hilft. Foto: /Michael Bauroth

Familie Köhler aus dem Schmalkalder Waldhaus ist wieder komplett. Nach anderthalb Jahren in Kliniken, Reha- und Pflegeeinrichtungen ist Mama Tessa zurück zu Hause. Bei ihren Kindern und Ehemann Sven.

Es ist früh am Morgen, als ich fast zaghaft an die Haustür von Familie Köhler klopfe. Die Vögel zwitschern, die Natur erwacht, auch in den Blumenkästen und -töpfen, die aneinandergereiht im Garten des einstigen Gasthauses stehen. Noch scheint nicht entschieden, welche Pflanzen die lange Zeit mit wenig Licht und Nahrung überlebt haben. Ich stelle meinen blühenden Rosenstock. Das Lied vom Heidenröslein kommt mir in den Sinn. Das Röslein, das sich wehrt und sticht, als ein Knabe es brechen will.

Weil mich keiner hört, klopfe ich erneut. Diesmal energischer. Ob Tessa mich erkennen wird? Werde ich sie erkennen? Schlank, lange blonde Haare, fröhlich, immer gut aufgelegt. So ist mir die sechsfache Mutter in Erinnerung. Das letzte Mal hatten wir uns 2011 gesehen. Beim Casting zu „Dreileben“. Wir ergatterten damals beide eine Statistenrolle, mussten im Oberhofer Nebel stundenlang einen Koffer über holpriges Pflaster ziehen und laut gackern. Was uns nicht schwer fiel. Dann hatten wir uns aus den Augen verloren.

Im August vorigen Jahres hörte ich von dem schweren Schicksalsschlag, der die Köhlers sieben Monate zuvor getroffen hatte. Ich konnte es zuerst nicht glauben. Tessa? Die Tessa aus dem Waldhaus? Wenige Tage später berichtet die Heimatzeitung über das schwere Los der Familie. Nach Blutungen im Stammhirn und einer lebensrettenden Operation war Tessa Köhler, zu diesem Zeitpunkt im vierten Monat schwanger, nicht mehr aufgewacht. Sie litt am sogenannten Locked-in-Syndrom, vergleichbar mit einem Wachkoma, geistig voll da, aber im eigenen Körper gefangen. Am 15. Juli bringt die 42-Jährige im Erfurter Helios-Klinikum per Kaiserschnitt ihr Baby zur Welt. Edward-Rolf. Sven steht seiner Frau zur Seite.

Zu Hause versuchen Schwiegermutter Nikolette, selbst gesundheitlich schwer angeschlagen, und gute Freunde, den Alltag mit den Kindern zu meistern. Weiterzumachen. Irgendwie. Die beiden Großen stehen auf eigenen Füßen, aber den Kleinen, damals zwischen sechs und 15 Jahre alt, fehlt die ordnende Hand. Sie weinen viel, stellen Fragen. Zwischenzeitlich bekommen sie psychologische Hilfe, um vorbereitet zu sein auf die erste Begegnung mit ihrer im Wesen veränderten Mama.

In einer Wohngemeinschaft der Sentio 24-h-Intensivpflege in Eisenach kann Tessa nach Klinik- und Reha-Aufenthalten zur Ruhe kommen. Sven Köhler besucht seine Frau täglich, mit dem Baby. Abwechselnd begleiten Henry, Tiara, Emily oder Luna-Rose ihren Papa. Über all dem steht das Ziel, die Mama wieder nach Hause zu holen. Ins Waldhaus, das seit 18 Jahren ihr gemeinsames Heim ist.

Nach dem dritten Klopfen höre ich ein kleines Kind brabbeln und eine Männerstimme „Herein“ rufen. Frischer Kaffeeduft kriecht mir in die Nase. Dann sehe ich sie. Tessa. Im Rollstuhl. Die blonden Haare kurz geschnitten. Neben ihr sitzt Edward und lutscht an einer Semmel. Sven Köhler streicht seiner Frau über den Arm. „Tessa, du hast Besuch.“ Ich lege ihr meinen Rosen in den Schoß. Du Arme, denke ich. Wir schauen uns in die Augen und ich weiß: Tessa will kein Mitleid.

Ich beginne zu erzählen, von meiner Familie, von Mittelstille, wo Tessa mit Familie einige Jahre den oberen Gasthof bewirtschaftete. Wir lachen – und weinen. Minutenlang halten wir uns an den Händen fest. Hängen für einige Minuten unseren eigenen Gedanken nach. Gegen Mittag stürmen Jessica und Emely in die Stube. Neue Frisur. Neue Farbe. Schick, sage ich. Tessa strahlt. Sie hält den Kopf etwas schräg, um den Blick zu ihren Töchter zu halten. Das Sprechen muss die 42-Jährige erst wieder lernen wie sie überhaupt lernen muss, wieder ins Leben zurückzufinden. Mit viel Kraft, Zuversicht und Geduld. Geduld. Sven Köhler lacht. Das sei nicht wirklich die Stärke seiner Frau.

Wir kommen freilich auch auf die Welle der Hilfsbereitschaft zu sprechen, die angerollt war, nachdem unsere Zeitung über das Schicksal der Köhlers, ihren Sorgen und Nöten berichtet hatte. Handwerker verschiedener Gewerke hatten bei dem Familienvater, in der Redaktion und beim Hilfswerk Freies Wort hilft gemeldet. Sie alle boten kostenlos ihre Arbeit an. Bekannte, Schulfreunde, wildfremde Leute drückten dem verdutzten Vater mit einem kurzen Nicken Geld in die Hand, organisierten private Spendenaktionen. Gleich drei Autohäuser wollten sich um das 18 Jahre alte Familienauto kümmern, dass dringend eine Reparatur benötigt. Am Ende konnte Sven Köhler eine neues Auto kaufen, mit Platz für die ganze Familie.

Der 53-Jährige zeigt mir das erste von drei großen Umbauprojekten: Das neue Bad. Stolz wie Bolle ist er. Unendlich dankbar für die Hilfe und Unterstützung. Aus der alten Herrentoilette haben fleißige Handwerker für Tessa ein helles, geräumiges, barrierefreies Badezimmer gezaubert, mit einer ebenerdigen Dusche. Viele Monate hat der Um- und Ausbau gekostet. Weil sehr aufwendig. So musste extra eine neue Warmwasserleitung verlegt werden, erzählt der 53-Jährige: Er kümmert sich nach wie vor sehr liebevoll um seine Frau. Morgens und abends kommt der Pflegedienst.

Wir gehen in die Küche. Möbel, um die alten Schränke zu ersetzen, sind bestellt. Seit Monaten. Corona, sagt Sven Köhler. Mehr Worte braucht es nicht. Zurück in der Stube. Hier steht das Pflegebett. Auch ihr Mann hat hier sein Lager aufgeschlagen. Noch ist der Bereich offen. Eine Schiebetür soll den Eltern etwas Privatsphäre ermöglichen. Lieferschwierigkeiten, zuckt Sven mit den Schultern. „Die Hauptsache, wir sind zusammen“, sagt er und gibt seiner Frau einen Kuss.

Die Mädchen packen ihren, inzwischen quengelnden Bruder in den Kinderwagen. Gegenüber vom Waldhaus ist der Barfußpfad. Auf den gut ausgebauten Wegen fahren sie auch ihre Mama spazieren. Beschwerlicher ist, den Rollstuhl über den geschotterten Hof und die Terrasse zu schieben. In den von Nikoletta Köhler angelegten Bauerngarten. Damit Tessa die grüne Oase genießen kann, wird Zugang in nächster Zeit rollstuhlgerecht gepflastert.

Ich verabschiede mich von Tessa, Sven, den Mädchen. Vor der Familie liegt noch ein langer Weg. „Ihre Frau wird nie wieder die sein, die sie kennen“, hatten die Ärzte vor der Operation zu Sven Köhler gesagt. Vielleicht äußerlich, sagt er. Aber sie ist schon so weit gekommen mit ihren unbändigen Willen, viel weiter als prognostiziert. „Meine Frau“, sagt der 53-Jährige stolz, „ist eine Kämpferin“.

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