Freies Wort hilft Ein Kindergarten aus Wüstensand

Man nehme Sand aus Katar, aus Nigeria oder aus Namibia. Vermische das Ganze mit einem speziellen Harz und schon kann daraus ein superleichter Baustein im Lego-Prinzip gegossen werden.

Gehlberg - Die erste Anzahlung für den Bau eines Kindergartens in Namibia ist bei der Firma Polycare angekommen. Freies Wort hilft-Spender haben mit ihren Überweisungen den Grundstein dafür gelegt. Die Idee dazu stammt von Heike Fuhrmann, die gemeinsam mit den Lions Suhl/Zella-Mehlis das Projekt für Kinder angehen will, welche unter ärmsten Bedingungen in den Townships von Namibia leben.

Vor wenigen Tagen war sie, in Begleitung von Kersten Mey, dem ersten Vorsitzenden des Vereins Freies Wort hilft sowie mit Lions-Schatzmeisterin Cordula Dobrunz in Gehlberg zu Gast. Nämlich dort, wo die genialen Bausteine aus Wüstensand entwickelt wurden. Und zwar solche, die nach dem Lego-Prinzip funktionieren.

Doch einfach mal irgendwo aus der Wüste Sand nehmen und daraus einen Baustoff produzieren, das geht nicht. Denn normalerweise lässt sich aus Wüstensand gar nichts bauen, verrät Gerhard Dost, Geschäftsführer von Polycare. Also jener Firma, die das Unmögliche dennoch möglich gemacht hat. Sie hat ein neuartiges Verfahren entwickelt, mit dem sich sogar eben dieser Wüstensand in Beton verwandelt. Letzterer, so erklärt der Firmenchef, lässt sich normalerweise nur aus scharfkantigem Sand herstellen. Den aber gibt es in der Wüste nicht. Also hat der Unternehmer so lange geforscht, bis er die perfekte Lösung präsentieren konnte. Heute weiß er: „Jeder Sand ist anders und für jeden braucht man ein neues Rezept“. In seinem Unternehmen stehen verschiedene Behälter mit den unterschiedlichsten Sanden aus der ganzen Welt. Jeder für sich sieht anders aus, fühlt sich anders an und reagiert auch anders. Der eine grobkörnig, der andere so fein wie Mehl.

Gehlberg ist inzwischen zum Mittelpunkt für die Forschung rund um die „Sandhäuser“ geworden. Dass es das Unternehmen überhaupt gibt, ist Gerhard Dost zu verdanken. Nach dem schlimmen Erdbeben 2010 in Haiti wollte er helfen. Irgendwie. Vor allem wollte er die Betroffenen aus ihrem Trauma befreien. Was lag da näher, als ihnen eine Entwicklung an die Hand zu geben, die es ihnen möglich macht, mit eigenen Händen ein Haus zu bauen. Und zwar aus Material, das direkt vor der Haustür zu finden ist. Nämlich Sand und sogar leeren Plasteflaschen.

2012 stand die Entwicklung. „Die wollten wir der UNO schenken“, erinnert sich Dost. „Doch die waren dafür nicht zuständig. Jetzt suchen wir in den entsprechenden Ländern Partner. Die zahlen uns eine Lizenzgebühr. Dafür entwickeln wir ständig neue Bausteine, Rezepte und Software“.

So richtig Fahrt aufgenommen hat das Projekt im Jahr 2016. Der Unternehmer war bei einem Kongress und neben ihm saß der Botschafter von Namibia. Der war von der Polycare-Idee begeistert. Denn die Vorteile liegen auf der Hand: rund 60 Prozent weniger CO2-Ausstoß als bei normaler Zementproduktion, bis zu fünf Mal so hartes Material wie Beton, wasserabweisend, frostbeständig, mehrfach wiederverwendbar und gebaut nach dem Lego-Prinzip.

Am überzeugendsten aber war, dass während des Kongresses ein Polycare-Haus in nur zwei Tagen aufgebaut wurde – mit zwei eigenen Mitarbeitern und vier Helfern. Nach dieser Aktion entstand in Windhoek ein Zweigbetrieb des Betriebs.

Eine Perfekte Konstellation für Heike Fuhrmann und den Lions-Club Suhl/Zella-Mehlis. Denn so können sie mit in Thüringen entwickelten Bausteinen und Material aus Namibia den geplanten Kindergartenbau in die Realität umsetzen. Der finanzielle Grundstein ist ebenfalls gelegt. Die ersten 2500 Euro aus der Spendenaktion von Freies Wort hilft sind an Polycare übergeben worden.

Und Cordula Dobrunz, die selbst einmal Hand angelegt hat bei der Fertigung, kann stolz verkünden: die Steine für unseren Kindergarten können in eineinhalb Tagen fertig sein. Immerhin soll das Gebäude Platz für zwei Kindergruppen auf 100 Quadratmetern bieten.

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