Folgen für Thüringen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland schon vor dem Krieg belastet

Jolf Schneider

Lange hatten Thüringer Firmen die Hoffnung, dass Russland für sie ein Markt der Zukunft sein könnte. Schließlich gab es noch aus DDR-Zeiten gute Kontakte. Doch schon nach der Annexion der Krim haben die Beziehungen deutlich gelitten, wie eine aktuelle Umfrage der Industrie- und Handelskammern zeigt.

Der Außenhandel mit Russland hat für Thüringer Unternehmen schon in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Foto: dpa/Christian Charisius

Suhl - Die Hälfte der deutschen Unternehmen mit wirtschaftlichen Verbindungen nach Russland hat die Lage und Perspektive ihrer Geschäfte bereits vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine negativ beurteilt. Das geht aus einer Sonderauswertung der Umfrage „Going International 2022“ unter knapp 2700 deutschen IHK-Mitgliedsunternehmen hervor, die im Ausland aktiv sind. Wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen am Donnerstag in Suhl mitteilte, hätten sich auch 83 Exportunternehmen aus dem Freistaat an dieser Umfrage beteiligt.

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Unabhängig von der aktuellen geopolitischen Lage und den Auswirkungen der Corona-Pandemie seien Unternehmen mit Russland-Geschäft von Handelshemmnissen betroffen. Vor allem die bereits bestehenden Sanktionen der USA und der EU sowie russische Gegenmaßnahmen würden die Geschäftsbeziehungen seit Jahren beschränken, teilte die IHK mit. Obwohl ohnehin schon zahlreiche Hürden bestünden, hätten aktuell nochmals 29 Prozent der Unternehmen eine Zunahme von Handelshemmnissen im Russlandgeschäft wahrgenommen.

Nach Auffassung der drei Thüringer Handelskammern wird diese Entwicklung angesichts der aktuellen konfliktreichen Situation zwischen Russland und der Ukraine und den damit verbundenen zusätzlichen Wirtschaftssanktionen der EU und der USA fortsetzen und die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen weiter beeinträchtigen. Laut Angaben der Auslandshandelskammer in Russland haben immer mehr deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren den russischen Markt verlassen: Die Anzahl deutscher Firmen hat sich seit 2011 fast halbiert.

Aktuell sind 368 Thüringer Unternehmen mit Wirtschaftsbeziehungen nach Russland bei den Thüringer Kammern registriert. Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik wurden im Jahr 2021 Waren im Wert von 387,2 Millionen Euro von Thüringen in die Russische Föderation exportiert. Das entspricht einem Zuwachs von 37,6 Prozent gegenüber 2020. Damit lag Russland auf dem 15. Rang der wichtigsten Exportländer Thüringens. 2,3 Prozent der Thüringer Exporte entfielen insgesamt auf Russland. Die wichtigsten Warengruppen waren Kraftwagen und Kraftwagenteile, Maschinen sowie pharmazeutische Erzeugnisse. Im selben Jahr wurden Waren im Wert von 74,1 Millionen Euro aus Russland auf direktem Weg nach Thüringen eingeführt, womit Russland an 30. Stelle der Importländer stand und für 0,5 Prozent der gesamten Importe Thüringens sorgte.

Unter dem Eindruck des Krieges und der rasant steigenden Energiepreise wird aus der Wirtschaft der Ruf nach Entlastungen durch die Politik immer lauter. So fordert die IHK Südthüringen bereits seit Wochen ein Absenkend er Stromsteuer in Deutschland um 2 Cent je Kilowattstunde auf das europäische Mindestmaß von 0,05 Cent je Kilowattstunde. Am Mittwoch hatte die Handwerkskammer Südthüringen die Halbierung der Mehrwertsteuer auf alle Energieprodukte gefordert, also auf Strom, Gas, Heizöl und Kraftstoffe. Nur auf diese Wiese könnten Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen entlastet werden, hatte Handwerkskammer Lutz Koscielsky argumentiert.

Zulieferverband sieht Standort Deutschland in Gefahr

Am Donnerstag forderte der Verband der Thüringer Zulieferindustrie, automotive thüringen (at), eine Neuausrichtung der deutschen und thüringischen Industriepolitik. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage und ihrer geopolitischen Risiken auch in Hinblick auf die Energieversorgungssicherheit sieht der Verband der Automobilzulieferer Thüringens schnellen Handlungsbedarf für Eckpunkte einer neuen Industriepolitik“, heißt es in einem Papier von at-Vorstandschef Mathias Hasecke und Geschäftsführer Rico Chmelik.

Insbesondere bei gesetzlichen Vorgaben und bestehenden Regelungen in Deutschland, auch im innereuropäischen Vergleich, bewerte die hiesige Zulieferindustrie die Rahmenbedingungen zunehmend als existenzbedrohend, erklärten sie. Gesetzliche Faktoren würden die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland unter erheblichen Druck setzen. „Die bestehenden Unsicherheiten über die künftige Ausgestaltung der deutschen Industrie- und Energiepolitik unterstützen diese problematische Lage“, heißt es in dem Papier.

Für die Zulieferindustrie und den Maschinenbau als wichtigen Ausrüster seien die im internationalen Vergleich hohen Strompreise darüber hinaus zu einer enormen Belastung geworden. Zudem seien diese ein Nachteil für Deutschland bei Investitionsentscheidungen. „Deutschland muss aufpassen, dass sich seine Wettbewerbsposition im internationalen Vergleich nicht verschlechtert“, warnte Hasecke. Die deutsche Automobilbranche und mit ihr die Unternehmen der Zulieferindustrie täten alles, um die Krise zu überstehen. Dabei dürfe der Automobilstandort Deutschland nicht zusätzlich weiter belastet werden.

Für eine neue Strategie in der Industriepolitik zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland fordert der at folgende Rahmenbedingungen:

1. Binnenmarkt ankurbeln und Marktchancen für Zulieferer erhöhen

2. Stromkosten fair gestalten zum Schutz der Wirtschaft

3. Steuern und Abgaben auf Energie senken

4. CO2-Neutralität und Eigenstromerzeugung in den Betrieben unterstützen

5. Genehmigungsverfahren vereinfachen

6. Stärkung einer unbürokratischen, einzelbetrieblichen Technologieförderung.