Warum nicht dauerhaft in Bonn wohnen bleiben? „Das muss man sich leisten können. Freunde warnten schon, wir sollen uns mal die Mietpreise vor Augen führen.“
Tochter Magdalena grätscht mit ihrem Jungmädchen-Lachen in die zunehmend schwermütige Gesprächsatmosphäre rings um ihren ebenfalls geretteten Laptop: „Na, ein Anfang ist doch gemacht, oder? Unseren grasgrünen Clio-Hüpfer haben wir ja noch, mit dem Mama zu ambulanten Physio-Terminen düste.“ Vor der Haustür klopft sie dem Kleinwagen aufs Dach und lacht: „Unseren Süßen hier, den konnte ich gerade noch auf der letzten freien Fläche eines Hanges über unserem Ort retten.“
Und was nimmt ein 16-jähriges Mädchen binnen Minuten mit nach oben in die erhoffte Sicherheit des Dachbodens? Elisabeth, die jüngere Tochter: „Vor Schreck wie schnell die Fluten stiegen, erst mal gar nichts, was man erst suchen müsste. Unsere Zimmer liegen ja mit dem Schlafzimmer unserer Eltern schon oben, im ersten Stock. Doch dann …“
Die große Schwester, der zunächst nur ihr Laptop und das Tagebüchlein einfielen, sagt: „Na doch, deine beiden Kaninchen Tobi & Lillyfee haste doch gerettet, Kleene! Jeder hat noch irgendwas gegriffen, was man so erwischte und weiter hochbringen konnte in der Dunkelheit und dem modderigen Wasser-Gluckern unter uns.“ Sämtliche Schulutensilien und vieles andere waren bereits hinüber. Und das gerade zu Ferienbeginn. Elisabeth half noch mit, ein paar Matratzen über die Dachbodenluke hochzuhieven.
„Wir ahnten, dass uns da oben eine lange, unruhige Nacht erwartet. Dann aber konnte man nur noch hoffen, dass endlich der Scheitelpunkt erreicht würde, die Brühe nicht mehr weiter steigt. Hoffen und … beten!“
So ließ man immer mal wieder die Dachboden-Leiter herab – Wasserstandsmessung. Aber es plätscherte immer noch im Schein des Handys mit langsam schwächelndem Akku. Zu beten, dies sei für ihre Familie nicht nur eine spontane Angstgeste, wie man sie selbst von Atheisten in Todesgefahr kenne. Ausgerechnet im hochkatholischen Rheinland hatten die Vetterleins die Gemeinschaft einer kleinen evangelisch-freikirchlichen Gemeinde schätzen lernen dürfen.
Ganz oben, auf dem heute bereits entkernten und mit einem Bulleröfchen zu trocknenden Haus im Ortsteil Altenburg, demonstriert Anja Vetterlein noch mal die segensreichen Flugkünste solch einer versierten Hubschrauber-Crew, die sie am nächsten Tag endlich vom Dach aufpickte.
Es war ein so noch nie erlebter „Aufstieg“ am Morgen des 15. Juli. So kann Anja jetzt auf dem trocken gebliebenen Dachboden schon wieder mit etwas Optimismus lächeln. Dass es ausgerechnet ein Seenotrettungs-Hubschrauber war, der sie und viele andere Menschen aus dem Ahrtal-See samt seines gefährlichen Treibgutes rettete … „Unsere Mädels wirken jetzt vielleicht schon wieder cool. Aber das täuscht, so was kannten sie nur aus dem Fernsehen. Nun aber war es so nahe. Der Schock sitzt noch tief. Dirk und ich sehen doch, wie sie eben noch niedergeschlagen, dann wieder aufgewühlt versuchen, ihr Erlebtes zu verarbeiten. Mit Träumerei, Alltagsbewältigung, Aquarell-Malereien. Nur leider musste gerade jetzt das Klavier der Beiden verschlammt und irreparabel kaputt entsorgt werden.“
In dieser Albtraum-Nacht durfte der Helikopter nicht mehr fliegen. Bei Tageslicht aber leistete der Pilot zuerst am Nachbarhaus wahren Kunstflug. „Dicht neben einer Felswand setzt er mit einer Kufe auf, die andere in der Luft, dann bringt er Runde um Runde die Bewohner auf einen erhöhten Sammelplatz.“ Der Rufer durch den Rotorlärm („Seid ihr dann bereit, wir holen euch als Nächste!“) ergänzt: „Wir müssen euch senkrecht mit der Seilwinde zu fassen kriegen; schiebt die Dachziegel zur Seite – wir kommen jetzt!“
Bei aller Traumatisierung dieser Schreckensnacht: Elisabeth berichtet dann doch stolz, wie sie zwischen den Dachsparren neben den verschobenen Ziegeln himmelwärts schwebte: „Meine beiden Kaninchen unter die Arme geklemmt“, strahlt das Mädchen.
Nachdem auch ihr Vater Dirk vom Heli auf dem Rettungssammelplatz voller Verletzter, aber auch gesund ankommender Ahrtal-Bewohner abgesetzt und von Sanitätern in Empfang genommen wird, fragt er nach schweren Fällen, Todesopfern, möglichen Bekannten seiner Familie.
Nur ein stummes Nicken der Retter lässt ihn ahnen, dass es doch ein großes Geschenk war, mit dem Leben und den nassen Sachen auf dem Leibe davon gekommen zu sein. „Auch wenn das vertraute Ortsbild schon jetzt nicht mehr wiederzuerkennen ist mit einem Drittel bereits abgerissener und wahrscheinlich noch weiteren fälligen Häusern“, sagt Vetterleins Nachbar Axel.
Nach der Rettung kommen auch die Vetterleins zunächst im nahen Haribo-Werk notdürftig unter. Neben allernotwendigster Neueinkleidung, raus „aus den verschlammten Plünnen, mit denen auf dem Leibe wir alle überlebten“, kam bald die Frage nach Sachspenden.
„Ganz lieb gemeint, aber keiner weiß, wohin mit Waschmaschinen und alledem“, sagt Anja. Und auch dies: „Wenn wir derzeit in nicht betroffenen Orten zu nicht betroffenen Menschen mit normalem Leben kommen, wo wir doch selber nur noch mit dem Allernotwendigstem beschäftigt sind – das Drama im Ahrtal scheint fast unwirklich. Wir haben so viele Katastrophen schon im TV gesehen, nun so was am eigenen Leibe erlebt.“ Horrorkulisse. „Wer nicht hier war, die menschenleeren, muffig-nassen Häuser sah, nicht diesen moderig-öligen und Verwesungsgestank roch, der kann sich schwerlich reindenken. Wie es ist, wenn ganze Häuser, Autos, Tanks oder Campingwagen und Weinfässer an einem vorbeischießen. Wie das normale Leben für lange Zeit endete. Die Abertausende von Helfern aus dem Bundesgebiet, Europa und weit darüber hinaus“ hätten dieses Gespür für fremde Not mit heim genommen. Sagt Anja in Erinnerung an den ersten Samstag nach der Flut.
„Da sahen wir das Malheur erstmals in vollem Umfang bei Tageslicht. Es trieb uns die Tränen in die Augen.“ Plötzlich standen dann aber diese unbekannten Helfer, auf eigene Faust von sonst wo mit einem Minibagger auf ihrem Anhänger angereist: „Wie können wir euch helfen?“ Wie die Engel, echt! Die haben hier ohne Luft zu holen losgelegt, Schlamm raus, alles Kaputte auf die Schuttberge gebracht. Ohne die wären wir längst noch nicht so weit gekommen. Danke!“
In seiner Not bei hilfsbereiten Menschen unterkommen, das lasse sie sich jetzt noch mehr in Asylbewerber hineinversetzen, sagt die Christin Anja.
Seit die Vetterleins erstmals wieder durch das Tunnelportal hoch über Altenahr in ihren zerstörten Ort kamen, sieht Anja den einst so schönen Blick ins Tal fast wie ein „Tor zur Hölle“.
„Mach et mal joot!“ sagt Vetterleins Fast-Nachbar Axel im rheinischen Singsang, als ich ihm bei leckerer DRK-Suppe für die in der Geisterstadt noch anzutreffenden Bewohner erkläre, was das hier für ein Zeitungsartikel in Thüringen werden soll. Alles ist unklar: Wenn man jetzt vornweg presche, um die Häuser – vielleicht – wieder fit zu kriegen, zunächst den Putz abhackt, dann komme „vielleicht ein wichtiger Köfferchen-Träger: Dat hier muss allet weichen, wir kriejen Förderung nur für einen Ahrtal-See, auf dem man mit’m Bötchen paddeln kann.“
Beim Hochwasser 2016 habe man beim Pegel von nur 3,90 Metern schon nasse Füße bekommen, aber jetzt sei es mindestens „140 mal tödlicher ausgegangen. Ich will ja nicht nachtreten, aber viele vermeidbare Todesopfer waren dabei. Obwohl es bei Klimaextremen wie jetzt immer öfter so richtig knallen dürfte“, sagt Axel. Unter der Straßenbrücke am Tunnelende nach Ahrweiler hat jemand die Losung für das nächste Jahrzehnt liebevoll handgemalt „Wir werden Ahrweiler wieder auf Kurs bringen!“ Anja als souveräne evangelische Christin mit früher DDR-Sozialisation nimmt’s mir nicht übel, als ich kommentiere: „Dieser und der Wunsch unserer Leserschaft und Spender in Gottes Ohr!“
Die Nachbarstraße von Vetterleins heißt „Zum Green“, womit nicht die englische Vokabel für „Grün“ gemeint ist. Jemand hat zwischen all den Verwüstungen tatsächlich seinen Vorgarten mit frischem Grün und Blühstauden wiedererweckt. Wir schauen uns staunend an, haben den gleichen Gedanken. Luthers passenden Spruch „Wenn ich auch wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen.“
Es muss kein Bäumchen sein, schöne Blütenstauden tun’s auch. Und so schnell, das hoffen sie trotz alledem hier an der Ahr, wird ihre bisherige Welt nicht noch mal untergehen.
Fast 240 000 Euro Spenden: Hilfsgeld-Auszahlung läuft weiter
Nahezu 240 000 Euro sind inzwischen auf dem Fluthilfe-Spendenkonto von „Freies Wort hilft“ eingegangen Jeder Spenden-Euro kommt direkt bei Betroffenen im Ahrtal an.
- 65 000 Euro sind ausgezahlt worden an 29 Einzelpersonen und Familien aus Bad Bodendorf und Sinzig. Die Empfänger wurden gemeinsam mit dem Ortsbürgermeister ausgewählt.
- 15 000 Euro Soforthilfe gingen an fünf weitere Betroffene in den zerstörten Dörfern Dernau, Mayschoß, Laach und Altenahr OT Altenburg weiter oben am Fluss. Hier kam der persönliche Kontakt durch Feuerwehrleute aus Schmalkalden zustande.
- 100 000 Euro sind reserviert für Opfer in Rech, einem weiteren extrem betroffenen Dorf an diesem Flussabschnitt, aus dem unsere Mitarbeiter noch berichten werden. Dort stimmt „Freies Wort hilft“ mit dem Ortsbürgermeister nun eine Empfängerliste ab, bei der es auch um längerfristige Unterstützung geht.
- Allen Orten gemeinsam ist die überwältigende Dankbarkeit der Menschen, die nie erwartet hätten, dass sie aus dem fernen Thüringen solche Solidarität erfahren
- Über den Restbetrag wird der Vorstand entscheiden, sobald die Gesamt-Spendensumme feststeht. Als Ziel hat sich „Freies Wort hilft“ mindestens 250 000 Euro gesetzt.
Noch kann und soll also gespendet werden.
Kontoverbindung: Freies Wort hilft, DE39 8405 0000 1705 017 017,
Verwendungszweck „Flut 2021“