Bad Bodendorf - Da waren sie wieder, die Bilder in seinem Kopf. Aus der Nacht, als er fast ertrunken wäre, in seiner Kellerwohnung. Als da erst das Rauschen war, dann ein Knall, dann überall braunes Wasser. Eine stinkende, todbringende Brühe.
Südthüringer Zeitungsleser greifen den Menschen im Ahrtal mit fast eine Viertelmillion Spenden-Euro unter die Arme. Unser Bericht aus Bad Bodendorf zeigt, wie nötig die Hilfe für die Menschen auch sechs Wochen nach der verheerenden Flut ist. Die Dankbarkeit ist enorm.
Bad Bodendorf - Da waren sie wieder, die Bilder in seinem Kopf. Aus der Nacht, als er fast ertrunken wäre, in seiner Kellerwohnung. Als da erst das Rauschen war, dann ein Knall, dann überall braunes Wasser. Eine stinkende, todbringende Brühe.
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Dabei hatte Luke das alles doch ein großes Stück weit hinter sich lassen wollen, indem er sich ganz sehr, mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand ans Aufräumen nach der Flut gemacht hatte. Sich in Arbeit zu stürzen, hat ja oft etwas Therapeutisches an sich. Dinge zu beseitigen, bedeutet auch, sie zu verarbeiten, mit ihnen abzuschließen.
Also hackte Luke vor einigen Tagen den versifften Estrich aus seiner Wohnung in Bad Bodendorf an der Ahr, die wie so viele Wohnungen und Häuser in der Region in Rheinland-Pfalz, südwestlich von Bonn, der Nacht vom 14. auf den 15. Juli überflutet worden war.
Plötzlich traf er beim Hacken eine unter dem Estrich liegende Wasserleitung. Wasser spritze und quoll nach oben. Wieder. Wieder stand seine Wohnung unter Wasser, wenngleich längst, längst, längst nicht so schlimm wie in der Flutnacht. Aber für jemanden, der mit gerade einmal Anfang 20 bereits glaubte, im Hochwasser sterben zu müssen, doch zu viel. „Da habe ich sofort wieder Panik bekommen“, sagt Luke.
Immer wieder sind in diesen Tagen solche und ähnliche Geschichten aus Bad Bodendorf zu hören, dem 4000-Einwohner-Ort, der zur Stadt Sinzig gehört und durch den ein Flüsschen namens Ahr direkt hindurch fließt, bevor er kurz später in den Rhein mündet. Im Dorf wird zwar nach wie ganz intensiv und mit allem Nachdruck aufgeräumt. Doch diese Arbeiten halten für viele Menschen einen – nach der Flutnacht – zweiten oder sogar dritten oder vierten Schock bereit.
„Das erste Arbeiten ist ja erst mal so ein Instinkt“, sagt deshalb auch der Ortsbürgermeister von Bad Bodendorf, Alexander Albrecht. Nachdem inzwischen Gutachter in vielen überfluteten Wohnungen oder Häuser gewesen seien, „sind doch viele noch mal in ein tiefes Loch hineinfallen“. Immer wieder würden bei solchen Besichtigungen ebenso wie bei Aufräumarbeiten bislang verborgene Schäden an den Immobilien sichtbar. Wasser, das – wie auch bei Luke in der Wohnung – noch immer unter Fliesen und Estrich steht. Wände, die komplett entfernt werden müssen. Selbst dort, sagt Albrecht, wo Häuser nicht gänzlich abgerissen werden müssten, laufe es oft auf eine Kernsanierung der Gebäude hinaus; von den Schäden am Inventar der Flutopfer ganz zu schweigen. Das Problem: „Eine Kernsanierung ist fast so teuer wie ein Neubau.“
Und selbst Menschen, die mit Blick auf ihre Wohnungen oder Häuser zuletzt zumindest ein bisschen Hoffnung schöpfen konnten, bleiben nicht von weiteren bösen Überraschungen verschont.
Wie zum Beispiel Yvonne Küpper.
Zwar hat sie inzwischen nun Gewissheit dazu, wo sie und ihr jugendlicher Sohn in den nächsten Monaten werden wohnen können. Seit ihre Wohnung in Bad Bodendorf überflutet worden war, war sie provisorisch in einem leer stehenden Haus untergekommen, wobei ihr aber immer klar war, dass sie dort würde sehr bald wieder ausziehen müssen, weil dieses Haus saniert werden soll. Ganz kurzfristig hat sie nun eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Bad Breisig gefunden, was ein paar Kilometer südlich von Bad Bodendorf liegt. Dort kann sie solange bleiben, bis ein Wiedereinzug in ihre alte Wohnung möglich ist. Ein bis eineinhalb Jahre wird das wohl dauern. „In der neuen Wohnung will ich jetzt erst mal zur Ruhe kommen“, sagt Küpper.
Doch nach der Flut muss Küpper nun erst mal damit umgehen, dass sie arbeitslos geworden ist. Ihr Arbeitgeber – ein Krankenhaus in der Region – sei ebenfalls „abgesoffen“, sagt sie. Also bekam sie vor ein paar Tagen die Kündigung. Als Krankenschwester hat sie freilich gute Chancen, zeitnah einen neuen Job zu finden. Das Wasser hat immerhin den eklatanten Mangel an medizinischem Fachpersonal in Deutschland nicht hinfort gespült.
Trotzdem muss sie sich nun wieder erst einmal bewerben, sich auf neue Kollegen, neue Vorgesetzte einstellen, gibt es noch einen neuen Ort, an dem sie erst einmal ankommen muss. „Ich muss das jetzt erst mal sacken lassen.“
Die Lage in Bad Bodendorf lässt sich deshalb noch immer mit dem einen Satz zusammenfassen, den die Mutter einer vom Hochwasser betroffenen Familie ihrem Sohn vor einigen Wochen gesagt hatte: „Es ist nichts mehr einfach.“
Diese neuerlichen Schicksalsschläge für die Menschen im Flutgebiet wiederum machen die Hilfen, die es für sie gab und noch immer gibt, selbstverständlich nur umso wichtiger. Das gilt für die Hilfe derer, die zum Beispiel aus Ahaus im Münsterland – unweit der niederländischen Grenze gelegen – regelmäßig zu Luke fahren, um mit ihnen gemeinsam am Haus zu arbeiten, ebenso wie für die großzügigen Finanzhilfen, die Leser unserer Zeitung über deren Hilfswerk den Menschen in Bad Bodendorf haben zukommen lassen.
Ausweis dafür, wie wichtig diese Geldspenden waren und sind, materiell und mental, ist, wie emotional viele von denen reagiert haben, die in den vergangenen Tagen einen Anruf von Vertretern von „Freies Wort hilft“ erhalten und die Zusage für Soforthilfen bekommen haben.
Ihre Dankbarkeit für das Geld hat viele von ihnen zunächst sprachlos gemacht. Mancher hat am Telefon sogar vor Freunde geweint.
Dass längst nicht alle die gezahlten Soforthilfen bislang ausgegeben haben, unterstreicht gleichzeitig, wie schwierig und vor allem auch langwierig der Wiederaufbau in Bad Bodendorf, aber mehr noch in den Flutgebieten weiter oben im Ahrtal sein wird. Dort, in den kleinen Orten rund um Altenahr und Ahrweiler, wo der Fluss durch enge Täler und Schluchten fließt, hatte das Wasser in der Flutnacht Wohnungen und Häuser nicht nur überspült, sondern Wohngebäude, Schienen, Brücken, Straßen, Wasser- und Stromleitungen einfach weggerissen, sodass das, was dort noch steht, mancherorts einer Krater- oder besser Kriegslandschaft gleicht. Mancher der Hilfsempfänger hat das Geld also noch auf seinem Konto, weil er es in den vergangenen Tagen einfach nicht ausgeben konnte.
Wie Luke zum Beispiel. Er wolle, sagt er, die von „Freies Wort hilft“ überwiesenen 3000 Euro nutzen, um Baumaterial und vielleicht noch ein paar Werkzeuge zu kaufen. Beides werde er für die weiteren Arbeiten an der Kellerwohnung brauchen. Doch dazu muss eben erst mal der Estrich raus. Der Putz. Die Fliesen. Die Dämmung.
Wie Küpper zum Beispiel. Die an sie ausgezahlten 3000 Euro werde sie brauchen, um ihre neue Zwei-Zimmer-Wohnung einzurichten, sagt sie. „Ich brauche ja alles neu.“ Bislang sei sie aber schon vom Kopf her nicht in Lage gewesen, auf Shopping-Tour nach Möbeln, Kleidung und ähnlichem zu gehen. „Ich war wie in einer Schockstarre.“
Und weil man auch das von vielen Menschen in Bad Bodendorf gerade so oder so ähnlich hört, nimmt sich mancher dort gerade mal für ein paar Tage raus. Wie ungezählte Deutsche das in den Sommermonaten tun. Urlaub, Ferien, Erholung. Wie das vor der Flut auch hier ganz normal war, gleichwohl die Gründe dafür, dass die Menschen an der Ahr das nun, etwa fünf Wochen nach der Flut, besonders nötig haben, alles andere als normal sind.
Albrecht ist gerade auf einem Kurzurlaub in Norddeutschland. Luke verbringt die nächsten paar Tage bei einer Helferin in Ahaus, die ihn zu sich nach Hause eingeladen hat, damit der er seine neuerlichen Panikattacken nach dem Erlebnis mit den Wasserrohren verarbeiten kann.
Lukes Großvater – dem das Haus gehört, in dem seine Kellerwohnung liegt und der nach dem Stress der vergangenen Wochen jüngst ins Krankenhaus eingeliefert werden musste – ist bei einer Bekannten in Duisburg am Niederrhein, um sich etwas zu erholen. Küppers Sohn geht mit seinem Onkel ein paar Tage segeln.
Sie alle fliehen vor dem Dreck, den Zerstörungen und vor allem den Erinnerungen, die die Flut gebracht hat. Jedenfalls für kurze Zeit. Bald wird die Arbeit für sie weiter gehen.
Fast 240 000 Euro Spenden: Hilfsgeld-Auszahlung läuft weiter
Nahezu 240 000 Euro sind inzwischen auf dem Fluthilfe-Spendenkonto von „Freies Wort hilft“ eingegangen Jeder Spenden-Euro kommt direkt bei Betroffenen im Ahrtal an.
Noch kann und soll also gespendet werden.
Kontoverbindung: Freies Wort hilft, DE39 8405 0000 1705 017 017,
Verwendungszweck „Flut 2021“