Flut im Ahrtal „Da trieb ein Haus mit schreienden Rentnern vorbei“

Klaus-Ulrichn Hubert

Die Tage der Flutkatastrophe im Ahrtal waren Tage des Grauens. Idyllische Wein-Örtchen wurden zum Schauplatz von Angst und Zerstörung. Wir waren bei Manfred Krämer, der uns von seinen Erlebnissen erzählt. Noch immer stecken Wut und Entsetzen in ihm.

Hinten Weinberge, vorne Zerstörung: Manfred Krämer, Flutopfer aus dem Dorf Laach im Ahrtal. Foto: /uhu

Manfred Krämer graut es noch immer. Immer, wenn er auf der inzwischen freigeräumtem, aber bergauf noch unpassierbaren Straße geht, die sein Heimatdörfchen Laach mit den Orten weiter flussabwärts verbindet. Keine fünf Fußminuten von seinem überfluteten Wohnhaus liegt zu Schotter geschreddert, was ihm Tränen in die Augen treibt: „Mein Geburts- und Elternhaus! Unser Sohn wollte gerade loslegen, das Familienerbe wohnlich und modern auszubauen.“

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Immer wieder springt eine transportable Pumpe an, während der 1953 geborene Rentner und seine Ehefrau Michaele über die Horrornacht zum 15. Juli berichten. Aber auch über den „Baufortschritt“, den man ohne die vielen Helfer „von sonst wo her“ noch längst nicht erreicht hätte.

„So viele tolle Menschen, die man sonst nie kennengelernt hätte! Selbst die allgegenwärtige Bundespolizei hat hier wie besessen mitgeholfen, um Schlamm, Treibgut und zerstörtes Mobiliar mit rauszuwuchten. Alles Persönliche, alle Dokumente, Andenken an unser Leben und das der Familien-Altvorderen musste raus.“

„Du schmeißt dein bisheriges Leben auf den Müll. Selbst die Eheringe der verstorbenen Eltern und Großeltern – alles futsch. Weg und verloren.“ Michaele, die den Verlust ihrer neuen, schönen, sehr lange zusammengesparten Einbauküche noch verwinden muss, kommt mit dem Rad, als mir Manfred gerade die völlig zerstörte Bahnlinie durchs Ahrtal, einst von Adenau bis Remagen geplant, samt weggerissenem Ahr-Radweg zeigt: „Hör mal Manfred, jemand hat eine noch gute Waschmaschine für uns. Komm dann mal!“

Er zeigt mir noch die Reste einer Holzbrücke, bis Mitte Juli beliebter Fotostandort für Selfies und andere touristische Urlaubserinnerungen mit Blick ins Ahrtal. „Ich ahnte, als halbe Wälder, Autos, Hausrat und Büdchen angeschossen kamen, was passieren würde. Und bat noch unsere Feuerwehrmänner, Überdachung und Geländer der Brücke abzusägen. Damit sich dort kein Staudamm bilden kann. Die wollten ihre Kompetenz aber nicht überschreiten, während noch Zeit gewesen wäre.“

Die Flut aber wartete nicht. Und auch nicht das Treibgut, dass sich an der Brücke staute und sie sozusagen abdichtete. „Das so gestaute Wasser und der Schlamm rissen sie weg. Ein mittlerer Tsunami krachte talwärts“, so Krämer. Drei Tage lang sei er mit seiner Frau nicht aus dem verwüsteten Haus gelangt , erzählt er. Seine schlimmste Erinnerung: „Vor dem Haus trieb ein massives Wohnhaus mit verzweifelt schreienden Rentnern vorbei.“ Sie sollten später sterben. „Alle tot“, seufzt Manfred.

„Irgendwer muss dennoch seine Hand über unsere Familie gehalten haben“, schmunzelt Manfred zartbitter und stöpselt meine Kamera- und Handy-Ladegeräte an sein gerettetes Notstromaggregat. Die Elektroversorgung entlang der Ahr ist an diesem Tag immer noch zerstört.

Dann kommt sein Lächeln zurück: „Unsere Schwiegertochter sollte mit ihren vier Kindern am 21. Juli zur Kur ins brandenburgische Buckow. Dann aber bat man sie, wenn möglich bereits am 14. Juli anzureisen.“ Erleichterung. „Hätte mit den Kids schlimm werden können da oben am Hang über meinem abgerissenen Elternhaus. Dort bewohnten sie mit meinem Sohn und den Enkeln bis zur Flut mein Gäste- und Gartenhäuschen. Jetzt wollten sie eigentlich mein Elternhaus für sechs Personen wohnlich herrichten. Aus und vorbei, alles zurück auf null! Jetzt sind sie in einer Ferienwohnung Richtung Bad Bodendorf untergekommen; der Sohn muss ja in seinem Beruf weiterschaffen, er ist Ergotherapeut“.

Sirenenalarm gab es im Dorf, ein Ortsteil der Gemeinde Mayschoß, längst nicht mehr „und das Netz für unsere Handys sowie Festnetzanschlüsse funktionierten nicht mehr. So viele, viele ältere Leute ringsum, die deshalb im Schlaf oder beim Gang in den Keller überrascht und vom Tod geholt wurden. Was sind da die zigtausend ersetzbaren Autos, die wie nach der Schrottpresse anmuteten“, so Manfred.

Kurze Nachdenkpause und dann: „Wenn’s doch nur nicht auch solche Dramen gegeben hätte: Zwei Kinder sollten im 500er Mercedes der Eltern nur mal kurz warten. Die wollten noch was aus dem Haus holen. Als die wieder kamen, gab’s vom Luxusauto samt Kindern keine Spur mehr. Der Baggerfahrer, dessen Greifer sich später flussabwärts ins Auto und in die Kinder krallte, ist bisher nicht wieder geworden.“

Meine obligatorische Frage „Versichert?“, sie lässt Manfred Krämer fast etwas ungehalten reagieren: „Ich könnte soooo kotzen! Vor Jahren regulierte die Versicherung Schäden bei mir und dem Nachbarn, dessen Feuer unser Haus gleich auch noch in Mitleidenschaft zog. Danach hat man uns aus dem Vertrag rausgeschmissen. Cool, oder?“

Auf Suche nach einem Neuanbieter habe er nur die Postleitzahl und Adresse hier im Ahrtal ins Formular der Versicherer eingeben müssen, „schon war es das! Sie, man kriegt Brechreiz über Brechreiz! Jetzt wirbt unsere frühere Versicherung damit, dass bei ihr jeder seine passende Elementarversicherung bekommen würde. Spiegel-TV hatte hier rumgefragt. Dann hatte die Versicherung wohl einen Imageverlust befürchtet.“

Manfred Krämer grüßt einen Nachbarn, sein Anwesen liegt ebenso weit über dem „Meeresspiegel“ von Mitte Juli wie seines. „Der kann ihnen erzählen, was seine saumäßig teure Elementarversicherung gegen Starkregenfolgen nützte: Nichts. Abenteuerliche Begründung: Weil Starkregen noch nicht die Flut zur Folge haben müsse.“

Michaele Krämer ruft aus dem muffig-nassen Haus zum gegenwärtigen Thema Nummer 1 der Betroffenen im Landkreis Ahrweiler: „Unser Herr Dr. CDU-Landrat sollte langsam mal einen Arsch in der Hose haben. Wozu seine doch wohl gut Daten-versorgten Katastrophenschutz- und anderen Ämter, wenn einem hier keiner sagte: Bringt euch in Sicherheit, rette sich wer kann!“

Als Krämers Nachbarn „mit der Taschenlampe das Drei-mal-kurz-lang-kurz-SOS durch die entfernten Dachziegel in den Nachthimmel blinkten, war schon alles zu spät.

Nun hätten die überforderten Statiker aus halb Deutschland das Sagen, ob Abriss oder Komplettsanierung. „Doch für die Entschädigung kriegst du niemals mehr annähernd vergleichbaren neuen Wohnraum.“ Auf ihren nur 90 Kilometern Länge habe die Ahr 400 Meter Gefälle bergab, die Mosel nur einen Bruchteil davon. So Manfred, bevor er den Zeitungsmann beim Gehen spontan umarmt.

„Auch für deine Thüringer Leser und Spender“, sagt er und ist dann ungewollt doch so nah am Wasser gebaut wie es sein Haus ist: Keinen Steinwurf weit entfernt von der heute längst wieder friedlichen Ahr. Übrigens: Da kamen die Krämers noch lange nicht wieder an ihre Kontoauszüge heran. Sie wussten nicht, dass auch sie eine Soforthilfe von 3000 Euro aus „Freies Wort hilft“-Leserspenden überwiesen bekommen hatten.

Dankbar ist Manfred Krämer an diesem Augusttag auch so schon. „Und dat isch es bloß nicht verjess“, sagt er dann noch zum Abschied. „Grüßt unbedingt dere wackeren Helfer von der Schmalkaldener Feuerwehr, die hier so, so, so sehr rangeklotzt hatten!“

Fast 240 000 Euro Spenden: Hilfsgeld-Auszahlung läuft weiter

Nahezu 240 000 Euro sind inzwischen auf dem Fluthilfe-Spendenkonto von „Freies Wort hilft“ eingegangen  Jeder Spenden-Euro kommt direkt bei Betroffenen im Ahrtal an. 

  • 65 000 Euro sind ausgezahlt  worden an 29 Einzelpersonen und Familien aus Bad Bodendorf und Sinzig. Die Empfänger wurden gemeinsam mit dem Ortsbürgermeister ausgewählt. 
  • 15 000 Euro Soforthilfe gingen an fünf weitere Betroffene in den zerstörten Dörfern Dernau, Mayschoß, Laach und Altenahr OT Altenburg weiter oben am Fluss. Hier kam der persönliche Kontakt durch Feuerwehrleute aus Schmalkalden zustande.
  • 100 000 Euro sind reserviert für Opfer in Rech, einem  weiteren extrem betroffenen Dorf an diesem Flussabschnitt, aus dem unsere Mitarbeiter noch berichten werden. Dort stimmt „Freies Wort hilft“ mit dem Ortsbürgermeister nun eine Empfängerliste ab, bei der es auch um längerfristige Unterstützung  geht.
  • Allen Orten gemeinsam ist die überwältigende Dankbarkeit der Menschen, die nie erwartet hätten, dass sie aus dem fernen Thüringen solche Solidarität erfahren
  • Über den  Restbetrag wird der Vorstand entscheiden, sobald die Gesamt-Spendensumme feststeht. Als Ziel hat sich „Freies Wort hilft“ mindestens 250 000 Euro gesetzt.

Noch kann und soll also gespendet werden.

Kontoverbindung: Freies Wort hilft, DE39 8405 0000 1705 017 017,

Verwendungszweck „Flut 2021“