Flüchtlingshilfe Ansturm auf Altkleider

Volker und Carola Maaser sichten die Spenden, die in den vergangenen Tagen abgegeben wurden. Foto:  

Die Nachfrage nach gebrauchtem Hausrat und abgelegten Kleidern steigt ständig. Einen Umschlagplatz hierfür managen die Ehrenamtlichen vom Verein „Brücken bauen“ in Köppelsdorf. Deren Kleiderkammer war aber zuletzt wie ausgefegt. Der Appell: Es braucht dringend Spenden.

Es geht wieder was in Köppelsdorf. Rund um den Monatswechsel, da präsentierten sich die Räume im Backsteinbau auf dem Gelände der alten Schule wie ausgekehrt. Ob Klamotten oder Hausrat – die Ehrenamtlichen, die die Kleiderkammer des Vereins „Brücken bauen“ schmeißen, hatten kaum noch etwas in petto, zu groß war die Nachfrage. „Wir brauchen alles“, fasste Petra Gundermann den „Leerstand“ in einem Aufruf in den sozialen Netzwerken zusammen. Und siehe da: Die Sonneberger bewegten sich. Für gewöhnlich ist jeden Donnerstag, 15.30 bis 17.30 Uhr, Annahme vor Ort. Doch schon zu Wochenbeginn schleppten die Leute Nachschub heran: Säckeweise Kindersachen und Babybedarf, Kartons mit Schuhen und Hosen, Jacken und Röcken. Gundermann, Vorsitzende des Hilfswerks, ist am Donnerstagmittag daher einigermaßen versöhnt beim Blick auf das Sammelsurium, das heute darauf wartet von Traudel Schellhorn, Brigitte Matthes und Ursel Stammberger in die Regale sortiert oder auf Ständer gehängt zu werden. „Immerhin Babyzeug.“ Wobei an Tellern, Töpfen, Besteck und Pfannen, an Elektrokleingeräten wie Toaster, Staubsauger, Föhn oder Mikrowelle wie gehabt Mangel herrscht. „Bettzeug und Handtücher brauchen wir ganz dringend.“

Zutritt nur noch mit Stempelkarte

Nur das Erdgeschoss hat der Verein zur Verfügung. Von daher macht sich das Gespendete auch lediglich in zwei Zimmern breit. Eines ist reserviert für Dinge, die Frauen und Kinder benötigen, ein zweites hergerichtet unter den Stichworten „Männer, Spielzeug, Haushalt und Geschirr“. In einem rein ehrenamtlichen Kraftakt halten die rund drei Dutzend Mitglieder von „Brücken bauen“ den Umschlagplatz am Laufen. Wie berichtet, war der Zusammenschluss als Facebookgruppe „Sonneberg hilft“ 2015 an den Start gegangen, um unkompliziert Flüchtlingen beizustehen. In der Bernhardstraße ergab sich ein erster Anlaufpunkt. Im September 2016 wechselte man in den vom Landratsamt angemieteten Sternradio-Komplex. Als die Behörde diesen Ende 2020 aufgab, wurde die Nachfrage nach einer Börse für Gebrauchtes deswegen kleiner. So ließ sich im Winter 2019 ein dritter Umzug eingleisen, eben in die Werkräume der einstigen Köppelsdorfer Schule, ein Areal, das seit Anfang März zugleich als Ankunftszentrum des Kreises für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine dient. Und derzeit mit 150 Bewohnern bis Oberkante Unterlippe ausgelastet ist.

Dass der Bedarf an einer Starthilfe um sich einzurichten in oft nur grundhaft ausgestatten Quartieren, hoch ist? Kann nicht verwundern angesichts der über 600 Flüchtlinge aus Osteuropa, die es seit Februar in den Süden Thüringens verschlagen hat. Jenseits dessen finden – unterm Radar der Öffentlichkeit – Menschen aus weiteren von Gewalt oder Willkür, Chaos und Vertreibung geprägten Weltgegenden Aufnahme im Kreis. Ende Juli kamen in kurzer Zeit 14 Asylbewerber. Aufgeschlüsselt nach Nationalitäten je vier aus der Türkei, Afghanistan und Nord-Mazedonien, je einer aus der Russischen Föderation und der Elfenbeinküste, listet das Landratsamt auf.

Freilich macht „Brücken bauen“ keinen Unterschied bei der Herkunft. „Es sind auch viele Sonneberger, die zu uns kommen“, schildert Gundermann, da solle man sich nicht täuschen. Ob Ausländer oder Einheimische, die Bedürftigkeit wird nicht aufwendig geprüft. Den Aufwand könne man sich eigentlich gut sparen: „Wer auf uns angewiesen ist, der hat keine andere Möglichkeit.“

Eine Warteliste in Form zu bringen, welche die Not zwischen den Möglichkeiten von Angebot und Nachfrage ausbalanciert – wie’s die Sonneberger Tafel seit einiger Zeit über Ausweise machen muss – gibt es nicht in der Köppelsdorfer. Doch sehr wohl Regeln. So wurden zuletzt Laufzettel ausgegeben, die Nutzern nur noch alle zwei Wochen den Zutritt gestatten. „Die einzelnen Termine werden jetzt abgestempelt.“ Wenn Gundermann spitz bekommt, dass Familien sich etwaig mit mehreren Stempelkarten bevorratet haben, zieht sie die überzähligen ein.

70 Leute in zwei Stunden durchgeschleust

„Vergangene Woche haben wir hier 70 Leute durchgeschleust“, verdeutlicht die vormalige ehrenamtliche Ausländerbeauftragte den Ansturm. In Zehner-Trüppchen darf 20 Minuten gestöbert werden, damit sich keiner in den zwei Zimmern auf die Füße tritt. Dann folgt die nächste Gruppe. Vor der Tür ist nicht selten Gerangel und Geschrei geboten. In der Schlange mag demnach nicht jeder ausharren, der da glaubt, hinter der Tür würden gerade die beste Sachen über den Tisch gehen. Zuletzt hat Gundermann einen Zettel rausgehängt, der, mehrsprachig verfasst, ein Benehmen einfordert. „Was da manchmal abläuft, kann man sich gar nicht vorstellen.“ Kein Zweifel: Den Einlass zu ordnen, kostet Nerven. Traudel Schellhorn und Carola Maaser nicken. Ihre Sortiererei jedenfalls wollen sie heute nicht eintauschen gegen den so undankbaren Türsteher- oder Prellbock-Job.

Jede Nationalität hat so ihre Macke

Gundermann geizt derweil nicht mit galligen Kommentaren dazu, wie sie manchen Nutzer erlebt. Jede Nationalität habe so ihre Macken, hört man heraus. Die einen sind höflich, andere haben kein warmes Wort übrig. Mancher bedankt sich herzlich, andere sind nur darauf aus, möglichst schnell etwas zusammenzuraffeln.

Die Freude am Ehrenamt? Hat sich Gundermann trotzdem bewahrt, sagt sie und schmunzelt. Dabei ist es ihr Anspruch, für jeden erreichbar zu sein. So lässt sie sich als Fahrdienst einspannen für Spender, die den Weg zur Annahme nicht schaffen. In der Facebookgruppe werden ständig Fotos von ausgemusterten Möbeln aktualisiert, für die es keinen Stauraum gibt. Auch das, was an Gaben rein kommt, muss immer durchgeschaut sein. Manches taugt nicht. Die Entsorgung bleibe oft genug an den Ehrenamtlichen hängen, heißt es. Ihnen wenigstens einen Kübel oder Container für unbrauchbares Gerümpel, verschlissene Klamotten und ausgetretene Schuhen parat zu stellen, habe das Landratsamt bisher nicht vermocht.

Das Grundgefühl, den Lückenbüßer für das zu machen, was der Staat nicht zu leisten imstande ist, lässt sich heraushören im Gespräch mit den Helfern. Doch ebenso die Motivation, sich der humanitären Herausforderung unverdrossen ein Stück weit stellen zu wollen, das zu machen, was geht.

Volker Maaser (78) zum Beispiel mischt seit der Flüchtlingswelle 2015 mit bei „Brücken bauen“. „Wenn man die Syrer gesehen hat, die mitten im Winter kaum was am Leib hatten und barfuß oder in Latschen nach Sonneberg kamen – ganz arme Schweine waren das.“ Das Bild eines hilfsbedürftigen Jugendlichen steht ihm heute wie damals vor Augen. Der Rentner weiß von daher, für wen er anpackt. Das dafür ab und an mal ein Wort des Dankes von offizieller Seite fällig wäre, merkt er gleichwohl mürrisch an. Aber auch an der Stelle hat sich seit 2015 wohl so wenig zum Besseren gewendet, wie am Elend im Echo all der Krisenherde in der Welt.

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