Flucht mit Happy End In Afghanistan unsichtbar und hier gefragt

In Afghanistan dazu degradiert unsichtbar und unnütz zu sein, gehört Ayla Arabkada zu den engagierten Frauen in Suhl, die eine vielversprechende berufliche Zukunft vor sich haben.

Ayla Arabkada freut sich mit ihrer Wegbegleiterin Karin Hornschuch über den Start in einen neuen Lebensabschnitt auf eigenen Füßen. Foto: Karl-Heinz Frank

Ayla Arabkada hat eine beachtliche Etappe ihres Traumes bewältigt. Die 24-Jährige hat ihren Berufsabschluss in der Tasche – und zwar mit Bestnoten in verkürzter Ausbildungszeit. Als Medizinische Fachangestellte wird sie künftig in der Praxis von MUDr. Jana Stiefel in der Onkologie tätig sein. Was wie ein völlig normaler Werdegang scheint, ist es jedoch in keinster Weise, sondern sehr hart erarbeitet. Denn Ayla Arabkada stammt aus der Region Kundus in Afghanistan, von wo sich 2015 ihre Eltern mit den Kindern auf die Flucht begaben. Alles schien ihnen besser als zu bleiben. Sie setzten alles aufs Spiel für die gefährliche, über Monate andauernde Flucht über den Iran, die Türkei und Griechenland, nahmen in Kauf, sich wildfremden Menschen anvertrauen zu müssen, alles für eine Chance auf Sicherheit und Zukunft. Und die haben sie, angekommen in Deutschland, ergriffen.

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Aylas größter Wunsch war es immer schon auf eigenen Füßen zu stehen. Ein Wunsch, der besonders ihr und ihren Schwestern in Afghanistan bereits vor der Machtübernahme der Taliban verwehrt war. Eine Schule haben sie nicht besuchen dürfen. Die besonders für Frauen noch verheerender gewordenen Zustände im Land zeichneten sich längst ab. Und auch junge Männer blieben schon damals von den Taliban nicht verschont, denn die militanten Islamisten brauchten Unterstützung für die Erlangung von mehr Macht. Rückschritt statt Fortschritt erlebten die Menschen schon sehr lange.

Radikale Grenzen und enge Rahmen

Auch Ayla wurde mitten hinein geboren in dieses sich immer weiter zurückentwickelnde Land, in eines, das sich auch ihre Familie ganz anders vorstellte. Und wenn ihrer Gier nach Wissen, ihrem Hoffen, beruflich einmal als Ärztin anderen Menschen helfen zu können, radikale Grenzen gesetzt wurden, so wollte sie wenigstens all das aufsaugen, was ihr in diesem engsten Rahmen möglich war. Schneidern zum Beispiel, das ihr eine Nachbarin beibrachte.

Enorm viel Kraft und Energie

Welche Kraft und Energie es sie gekostet hat, ohne Schulbildung in Afghanistan, dann in Suhl, anfangs noch ohne Sprachkenntnisse, in die achte Klasse eingestuft worden zu sein, das Abitur und nun auch die Ausbildung in nur zwei Jahren mit hervorragenden Ergebnissen absolviert zu haben, ist unvorstellbar. Glückwünsche und Anerkennung auch für diese nächste erfolgreich erreichte Etappe gab es nun am Mittwochabend in der Geschäftsstelle von Die Linke in Suhl von Wegbegleitern wie Karin Hornschuch und Steffi Kelterborn, die sich im Team Sport und Spiel für Flüchtlingskinder engagieren, von Ina Leukefeld und Philipp Weltzien.

Gratulation für Ayla Arabkada (Mitte) von Philipp Weltzien, Ina Leukefeld, Karin Hornschuch und Steffi Kelterborn (von links). Foto: Karl-Heinz Frank

„Ayla, die selbstbewusste junge Frau, weiß, was sie will. Sie geht zielstrebig ihren Weg, den auch ihre Geschwister in Suhl beschreiten“, sagt Karin Hornschuch mit sichtlichem Stolz. Lernen, lernen, lernen war der Inhalt Aylas Jahre in Suhl bisher, die sie mitunter als sehr einsam empfunden hat. In der Regelschulzeit war es ihr nicht gelungen, Freundschaften zu schließen. Ihre Bemühungen, sich Gleichaltrigen anzuschließen, die mancher Lehrer, zu vermitteln, verhallten. Das Interesse, mit Ayla andere Lebenswelten, andere Kulturkreise zu entdecken, war schlicht nicht vorhanden. Eine traurige Erfahrung, die nicht die einzige dieser Art blieb. Sie erlebte selbst in der Berufsausbildung Momente, für die es kein Verständnis geben kann. Solche etwa, wenn sie zu Prüfungen den Hidschab lupfen sollte, damit ihre Ohren zu sehen sind. Es hätten sich ja Kopfhörer darunter befinden können. Auch Misstrauen ihrer erbrachten Leistungen gegenüber musste Ayla standhalten.

Helfende Wegbegleiter

Kraft und Mut geben ihr Menschen wie Karin Hornschuch, die mit ihr und ihrer Familie manche Hürde gemeistert haben. „Für diese Unterstützung bedanke ich mich sehr, ohne die ich es nicht geschafft hätte“, sagt Ayla Arabkada, „Ich bin sehr dankbar, dass ich Euch kennenlernen durfte.“ Ina Leukefeld ist überzeugt davon, dass viele geflüchtete Familien ohne diese uneigennützige Hilfe längst nicht mehr in Suhl wären. Unterstützung hat die Familie aber auch von der Gewo, der städtischen Wohnungsgesellschaft, bekommen, die sich gleich zu Beginn kümmerte, geeigneten Wohnraum zu schaffen. Und wieder war sie behilflich, ihr jetzt eine Wohnung zur Verfügung zu stellen, die erste, die Ayla allein bezieht.

Endlich auf eigenen Füßen

Denn jetzt beginnt ein völlig neuer Abschnitt, einer, in dem sie tatsächlich auf eigenen Füßen stehen kann, das erste Mal eigenes Geld verdient und nachholen kann, wofür bisher nie Zeit blieb: Freizeit gestalten. Diese war dem Lernen und Aufholen gewidmet. Sogar den Führerschein hat die 24-Jährige längst absolviert. Ohne ihr ganz großes Ziel, das Medizinstudium, aus den Augen zu verlieren, soll nun erst einmal das Sammeln von Berufserfahrung an erster Stelle stehen. Und ein Hobby, das sie sich jetzt zeitlich leisten kann. Beim Boxring 90 Suhl hat sie sich in Dietzhausen schon einmal umgeschaut. Genau das sagt ihr zu. Als Schülerin zeigte sie bereits für Fußball großes Interesse, doch das Training kollidierte stets. Und dann sind da noch das Fahrradfahren und Schwimmen, was sie so gern beherrschen lernen möchte. Auch dafür Hat Karin Hornschuch schon Ideen.

Deutschland ist für Ayla zur zweiten Heimat geworden. „Hier spüre ich Sicherheit, konnte meinen Weg gehen. Niemals könnte ich mir vorstellen, wieder in Afghanistan zu leben“, sagt sie. Dennoch wünschte sie sich, dass dem Zwischenmenschlichen, dem Kennenlernen mehr Beachtung geschenkt werden würden, um Vorverurteilungen, Ängste allem Fremden, Ausländern gegenüber, zu verhindern. Miteinander reden, fragen, um zu verstehen, um Gerüchte nicht erst aufkommen zu lassen, wünschte sie sich. „Nur so kann man eine Person wirklich sehen, sich selbst ein Bild machen. Und das ist wichtig, schließlich können wir nur alle gemeinsam etwas erreichen“, ist sie überzeugt.