Also sind Sie ein Scharlatan", warf Otto ein, "so etwas wie ein Trickbetrüger?" Und das ist der ganze, wunderbare Trick dieses Buches. Denn eigentlich stellt diese Frage nicht Otto, Otto Haferkorn, ein fiktiver kleiner deutscher Kommunist in einem fiktiven sowjetischen Straflager, sondern der reale Intendant und Autor Steffen Mensching. Und dieser Trick ermöglicht ihm einen großen Wurf. Denn sein Otto Haferkorn ist ein entfernter Verwandter des einfachen, simplen Hans Castorp, der Thomas Mann als eine Art Cicerone auf dem "Zauberberg" diente. Und beinahe so viel Raum benötigt Steffen Mensching, um sich den einfachen, simplen Otto Haferkorn als Führer durch den sowjetischen Gulag und große Teile des intellektuellen Europa der zwanziger Jahre dienstbar zu machen. Wie die Klinik auf dem Berg ist auch das Lager in der Unwirtlichkeit ein geschlossener Erzähl-Raum, in dem der Autor nach Belieben herrscht und die Fenster zur Welt öffnet. Und wie Hans Castorp verschwindet Otto Haferkorn am Ende ungesehen irgendwie, irgendwo in dieser Welt.
Feuilleton Ein Raum mit Fenstern zur Welt
Henryk Goldberg 11.10.2018 - 22:18 Uhr