Zweieinhalb Stunden lang schleppt sich diese Kattrin durch die Wagenburg: Klettert auf die fahrbaren Metallkäfige, kauert sich in eine Ecke, klammert sich an den Bruder, die Mutter, liebt, leidet, giert, hofft, bangt, fürchtet sich stumm durch das Grauen des Krieges - und ist am Ende diejenige, die den Ausweg ins Leben weist. Anna Krestel spielt ihre Rolle mit ihrem Körper. Sie hat keinen Text, kaum eine Stimme. Aber Augen, Hände, Haltungen. Sie erzählt - und das Publikum sieht zu, mehr noch, es kapiert. Wer der jungen Schauspielerin, die am Ammersee groß geworden ist, über den Weg läuft, der spürt etwas von dieser seltsamen Aura der Brescht'schen Kattrin auf der Meininger Bühne. Anne Krestel scheint dieses nachdenkliche, zurückhaltende, neugierige Wesen selbst zu sein. Eine Figur, wie für sie geschrieben?
Feuilleton "Ein kleines Geheimnis muss bleiben"
Von Peter Lauterbach 24.11.2016 - 00:00 Uhr