Feuilleton Der Pensionär hat’s schwer

Als Pensionär kann sich der bayerische Gymnasiallehrer Han’s Klaffl voll und ganz dem Kabarett widmen - und findet seine Fans in Meiningen mit feinsinnig karikierten Beobachtungen zwischen Schule und Baumarkt. Foto: ari

Einmal Lehrer - immer Lehrer! Es liegt weniger an der Sehnsucht nach dem Schüler, die den Beruf nach der Pension zur Berufung machen, mehr an der eingehämmerten Didaktik. Weiß Han‘s Klaffl aus lebenslangem Selbstversuch.

Es wäre mal interessant, die Zahl derjenigen aus dem Meininger Kleinkunst-Publikum zu ergründen, deren Lebensweg sich mit dem Lehrerberuf verbindet. So wenige können es nämlich nicht sein, die am etwas behäbigen, dafür aber feinsinnigen bildungsbürgerlichen Impetus ihren Spaß haben, mit dem Han’s Klaffl - nach Informationen aus verlässlicher Quelle pensionierter Oberstudienrat - sein satirisches Programm befeuert. Und so sitzt eine stattliche, quietschvergnügte Zuschauermenge auf weißen Plaste-Stühlen im herbstabendlich kühlen Meininger Schlosshof, um den Humoresken und Alltagsbeobachtungen, die der Bayer in sein "Schul-Aufgabe: Ein schöner Abgang ziert die Übung"-Programm gepackt hat, beizuwohnen. Gott sei Dank, raunt der Kleinkunstfestival-Manager, sei das Wetter kühl, aber gnädig. Im Volkshaus hätten man sehr vielen Leuten den Stuhl für die Türe stellen müssen: Der Andrang ist groß, bei Klaffl.

Und das überrascht. Er ist ja kein politisch grantelnder Kabarettist á la Polt, kein schillernd-schräger Vogel, kein Dialektiker wie der "Dreggsack" aus Franken, nicht mal TV-Star. Ein Kontrabass, ein Keyboard, ein Herr in dunkler Garderobe - langweiliger könnte ein Auftritt gar nicht ausschauen. Und doch, ja doch ist da etwas, das den Ton angibt: Kein Understatement, keine Blödelei, sondern bildungsbürgerliche Beobachtungen. Eine Art, den Alltag (des Lehrers vor und nach seiner Pension) zu karikieren, ohne sich dabei zum Dödel zu machen.

Kleines Beispiel gefällig? Das Lied vom Kuckuck (der aus dem Wald kommt), beginnt mit einer einfachen Terz. Zwei Töne, die sich jedes Kind merken kann. So, behauptet Klaffl, habe er jahrzehntelang Grundschülern Lieder beigebracht. Bis diese fragten: "Ja was ist denn eigentlich ein Kuckuck?" Klaffl änderte den Lehrstoff. Statt "Kuckuck" ließ er jetzt "Hurra, Hurra, der Kobold mit dem roten Haar ist da" singen. Auch wieder eine Terz mit zwei Noten. Bis die Schüler skeptisch wurden. Kobold? Vielleicht DJ Kobold? Oder heißt der mit seinen roten Haaren nicht Donald? Klaffl überarbeitete den Lehrplan. "Sex-Bomb" heißt jetzt die aktuelle musikalische Unterrichtung in Sachen Terz: Zwei Töne. So erzählt er es, während sie sich im Schlosshof vor lauter Lachen schütteln. Der Lehrstoff muss halt dem digital gestützten Kommunikationsniveau der Kinder angepasst werden. Eigentlich nix zum Lachen.

Schlüpfriges Minenfeld

Gerade daraus aber schöpft Han‘s Klaffl seinen Humor. Da sagt mal einer, wie es ist und worüber man als Lehrer eigentlich nur tuscheln darf, um nicht ins Kreuzfeuer von Eltern, Schulämtern oder gar Bildungspolitikern zu geraten. Lauter Minenfelder in der Schule, behauptet Klaffl. Am schlimmsten seien die mit schlüpfrigen Hintergrund: Das "gleichschenklige" Dreieck in Mathe, die "Fugger" in Geschichte, das "Präludium" als Vorspiel in Musik, überhaupt die "Blas"-Instrumente. Der Lehrer kann heutzutage auf Schritt und Tritt nur missverstanden werden unter jungen Menschen, die die "Kleine Nachtmusik" für einen Klingelton halten. Ob das ein Traumberuf ist? "Ich bin pensioniert, mich geht das alles nix mehr an", behauptet Klaffl.

Das ist natürlich glatt gelogen. Denn der Lehrer in seinem Wahn, sich um alle Kinder gleich zu kümmern anstatt Charles Darwin zu beherzigen ("Was die Natur nicht braucht, lässt sie weg"), kann von dieser didaktischen Verinnerlichung nicht lassen. Und so erstellt er jetzt als Pensionär To-Do-Listen, ganze Exel-Tabellen, schreibt sich Notizen in Word-Dateien, "checkt" Mails - und geht in den Baumarkt. Denn der Baumarkt ist hochinteressant für Lehrer im Ruhestand. Nicht nur weil man sich dort über Energiesparlampen aufregen kann, die angeblich 25 000 Stunden leuchten, aber schon nach 14 Tagen flackern. Sondern weil er sich Hochdruckreiniger ausleihen oder vier Schrauben aus einem 250er Pack klauen kann. Die Korrektheit der Leistungskontrolle legt er jetzt als Maßstab für seine Umwelt an. Man hat Loriot vor Augen, in diesem Moment, den pensionierten Abteilungsleiter der Deutschen Röhren-AG, der seine Familie mit Tatendrang terrorisiert. Und weiß, dass der Baumarkt-Mitarbeiter so etwas ist wie ein Schüler - nur dass da zwei Welten aufeinander prallen.

Auf Wellenlänge

Im Meininger Schlosshof allerdings ist das Publikum auf Wellenlänge. Und Han’s Klaffl ist so etwas wie ein Erlöser, ein Aussprecher all der vielen kleinen Wahrheiten. Ein Kanalisator für den Frust - und ein begabter Besänftiger. Denn irgendwie schafft er es, diesen ganzen Wahn nicht zu verbittern, sondern zu verulken. Man kann endlich mal drüber lachen. Kleinkunst als pädagogische Nachhilfestunde - die Kosten für Anfahrt und Ticket werden von den Schulämtern als Weiterbildungsmaßnahme übernommen.

www.meininger-kleinkunsttage.de

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