Feuilleton Auf der Suche nach dem Augenblick

Der Rödenthaler Künstler Mario Wolf lässt junge Männer von seinen Bildern blicken. In Gesten und Haltungen, die irgendwie vertraut scheinen. Und die dem Betrachter in der CCS-Galerie seltsam entrückt entgegentreten.

Jugendlich d ichtes Haar fällt in dicken Strähnen über die Stirn. Zwei Hände, die ein ausgefranstes Tuch vor das Gesicht halten, sodass der Mund bedeckt wird, und auch fast die ganze Nase. Das Corona-Zeitalter scheint sich in diesem Bild zu spiegeln. Nicht falsch und auch nicht richtig, sagt Mario Wolf. Er hat das Bild gemalt, das den Flyer seiner Ausstellung "Blickwinkel" im Atrium des CCS ziert. Das Gesicht, sagt er, sei zu perfekt gewesen für sein Bild. Zu viel, um zu zeigen, auf was es ihm ankommt. Wolf hat es bedeckt, um nur die Augen malen zu müssen, die Augen, der Augenblick - darauf möchte er die Aufmerksamkeit lenken. Sie begegnen dem Betrachter seiner Bilder fast schüchtern, fast ängstlich, fast selbstbewusst, fast verletzlich. Nie lassen sich für die Menschen auf Mario Wolfs Bildern eindeutige Attribute finden. Alles scheint nur fast so zu sein - und doch schwingt in jedem seiner Augenblicke eine Geschichte mit.

Suche nach Identität

Die Geschichte in diesem Titelbild wird der Betrachter nicht erahnen. Mario Wolf erzählt sie eher beiläufig. Sein Modell ist ein transsexueller Mensch, der sich von der Frau zum Mann entwickelt hat. Weibliche Spuren aber sucht der Betrachter in dem Bild vergeblich. Vielleicht hat sie Wolf absichtlich weggelassen. Vielleicht waren sie ganz einfach nicht mehr da. Was da ist aber, ist die Botschaft in den Augen, die von der Suche nach Identität erzählt. Vom Kampf mit dem eigenen Ich, der eigenen Rolle, der eigenen Bestimmung, von der Konfrontation mit Gesellschaft, mit anderen, Andersartigen, Andersdenkenden. Das ist das immer wiederkehrende Thema in Wolfs Bildern. Und dieses Thema macht die Ausstellung so einzigartig.

Es sind ausschließlich junge Männer, die der in Rödenthal lebende und in Sonneberg geborene Künstler malt, zeichnet oder mit Airbrush-Technik in einer beachtlichen Detailverliebtheit auf die Leinwand bringt. Ein intensiver Blick auf das andere, das maskuline Geschlecht, das im erotisch aufgeladenen Internet-Zeitalter stets zu kurz zu kommen scheint. Die öffentliche Wahrnehmung der Geschlechter konzentriert sich - befeuert nicht zuletzt durch die Werbung oder liberale Freizügigkeit - fast ausschließlich auf Mädchen und Frauen. Wolf setzt bewusst jugendliche Männer dagegen - wobei die Ästhetik des maskulinen Körpers wohl nur ein kleiner Teil des Ganzen ist, das ihn als Künstler fasziniert. Vielleicht kommt es ihm mehr auf die verborgene Gedankenwelt seiner Figuren an, die er mit seinen Bildern sichtbar machen möchte. Und diese Gedanken verpackt er sehr geschickt in Augen und Augenblicke. Das habe sehr viel mit ihm selbst zu tun, sagt Mario Wolf. Mit Kindheit und Kindheitserinnerung. Und der Betrachter ahnt in diesem Moment die quälende Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem eigenen Ich.

Seit ungefähr 30 Jahren, erzählt Wolf, beschäftigt er sich mit verschiedenen Mal- und Zeichentechniken. Die Suhler Ausstellung zeigt einen Querschnitt, an dem sich auch der künstlerische Weg des Sonnenbergers ablesen lässt. Er experimentiert mit Bleistift und Tusche, mit Acryl-Farbe und Airbrush-Stift - wobei seine Bilder schnell einen sicheren Zeichner verraten. Grundlage dafür ist eine eher grafische und zeichnerische Ausbildung, die er als Schauwerbegestalter noch zu DDR-Zeiten erworben hat. Seine Arbeitsstelle damals war das ehemalige Centrum-Warenhaus in Suhl. Und so schließt die erste Ausstellung seiner Bilder in Thüringen - gezeigt hat er sie unter anderem schon im Coburger Kunstverein oder in Leipzig - auch einen kleinen Kreis.

Gestalter und Künstler

Den Beruf des Werbegestalters sieht Mario Wolf als Handwerk, ebenso den des Mediengestalters, den er nach der Wende einige Jahre lang bei der Coburger Neuen Presse ausübte. Sein Interesse für künstlerische Arbeiten wuchs nebenher. Seine Motive sucht und findet er dabei nicht nur bei lebendigen Menschen - oft sind es Fotos, sind es Filme, sind es Szene-Attribute, ist es Pop-Art, ist es die Ikonografie des männlichen Geschlechts, wie sie beispielsweise schon in den Dreißigerjahren geprägt wurde, die er sich zur Vorlage nimmt. Manche Motive findet er sogar in alten Fotoalben. Die ein oder andere Körperhaltung seiner Figuren erscheint dem Betrachter daher ziemlich vertraut. Manche seiner Bilder sind mit fotorealistischer Genauigkeit gemalt. Das aber hat ihn nur eine Zeit lang interessiert. Wichtiger schien ihm die Abstraktion davon.

Der Augenblick, der ihn so fasziniert, zieht den Betrachter vom bloßen Schein des Menschen hin zum verborgenen Sein. Dass er kaum glückliche Menschen malt, ist Mario Wolf durchaus bewusst. Kein einziges Motiv, das Zufriedenheit ausstrahlen würde. Nicht einmal Selbstsicherheit. "Wut frisst Hirn", lauten seine Bildtitel, "Alles super", "Einer von Milliarden" oder "Kleiner Tod". Der innere Kampf, der sich in den Augen seiner Protagonisten spiegelt, verwebt die Schönheit der Jugend gleichsam mit ihrer Endlichkeit, das bloße Dasein (in einer Welt, die über feste Rollenbilder verfügt) mit der Tragik der Selbstfindung. Man muss Mario Wolf detailversessene Akribie bescheinigen. Nicht bei allen Bildern, aber bei den meisten. So, als wolle er auch das kleinste Detail dem Betrachter nicht vorenthalten.

Ausstellung bis 15. November in der Galerie im Atrium des CCS

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