Feuerwehr Weniger Respekt vor Einsatzkräften

Marvin Kalwa

Nach den Silvester-Ereignissen in Berlin zeigen sich viele Leute schockiert davon, wie wenig Respekt Einsatzkräften in Deutschland entgegengebracht wird. Bei den Feuerwehren im Landkreis Hildburghausen ist man weniger verwundert. Beleidigungen erleben sie schon länger.

Die Feuerwehren im Landkreis sind ehrenamtlich für den Brand- und Katastrophenschutz zuständig. Sie haben zunehmend mit mangelndem Respekt zu kämpfen. Foto: Steffen Ittig

Klar muss es noch einmal um die Silvesternacht gehen, Christoph Raumschüssel war ja selbst dabei. Um Viertel vor eins fuhr er in einem der Löschfahrzeuge mit auf den Marktplatz, ein Dach hatte durch einen Raketen-Querschläger Feuer gefangen. Obwohl der Jahreswechsel bereits eine Dreiviertelstunde zurücklag, war noch viel los, überall standen Kleingruppen herum. Schon während der Einsatzleiter als Vorhut die Lage erkundigt, fliegen Flaschen.

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„Auch bei uns war es dann so, dass Böller vor unser Fahrzeug geschmissen wurden“, erzählt Raumschüssel, der auch Wehrführer bei der Feuerwehr in Hildburghausen ist. Ob es Absicht war? „Für den Einsatzleiter kann ich nicht sprechen. Bei den Böllern vors Auto würde ich sagen: Ja.“

Verletzt wurde bei dem Löscheinsatz keiner. Auch nicht, als weiter Raketen flogen, obwohl ein Kollege von Raumschüssel gerade auf einer Drehleiter stand und das Feuer von oben nach kurzer Zeit löschte. Rückblickend betrachtet Raumschüssel das als rücksichtslos, direkt bedroht oder angegriffen fühlte er sich an dem Abend nicht. Zu dem gleichen Ergebnis kam auch die Polizei einige Tage nach Silvester: „Zu Angriffen auf Kameraden der Feuerwehr, Behinderungen der Löscharbeiten oder Ähnlichem ist es nicht gekommen.“ Gerade die jüngere Feuerwehrleute seien laut Raumschüssel am Anfang „aber doch verunsichert gewesen“.

Hildburghausen war an diesem Silvesterabend kein weiteres Berlin. Auch wenn Muster gleich waren. Auch auf dem Marktplatz hatte ein Großteil der Feiernden einen Migrationshintergrund. Und hier wie dort ist plötzlich die Aufmerksamkeit dafür gestiegen, wie es um den Respekt auf der Straße zum Beispiel gegenüber Feuerwehrleuten bestellt ist. Am Montag dieser Woche setzte sich Hildburghausens Bürgermeister Tilo Kummer mit der Stadtfeuerwehr zusammen, um zu beraten, wie sich die Einsatzkräfte zukünftig auch bei Beleidigungen verhalten sollen. Denn das die Menschen nicht immer mehr so respektvoll mit den Feuerwehrleuten umgehen, ist mittlerweile kein auf Silvester beschränktes Phänomen.

„Körperliche Gewalt gab es bei uns noch nicht“, sagt Schleusingens Stadtbrandmeister Mathias Triebel. Dazu sei die Gegend doch zu ländlich und jeder wüsste danach, wer der Täter ist. „Aber Fälle, wo wir uns im Einsatz beleidigen lassen mussten, gab es durchaus“. Er erinnert sich an eine Situation, als eine Döner-Imbiss auf dem Markt brannte und ein Mann unbedingt durch die Absperrung laufen wollte. „Der war zu faul die 20 Meter Umweg über die Parallelstraße zu nehmen“, sagt Triebel. Als ein Kollege des Stadtbrandmeisters den Mann ermahnte, wurde dieser ausfällig und warf den Feuerwehrleuten vor, sie würden diesen Einsatz doch nur aus Show machen.

Liegt es am angestauten Frust?

„Der Mangel an Respekt ist größer geworden“, sagt Triebel. Dass Leute eigenhändig die Absperrungen verstellen und beleidigen komme mittlerweile regelmäßig vor. Woran das liegt, das kann er nicht wirklich sagen „Vielleicht der angestaute Frust wegen Corona?“ Auch er sagt, dass ältere Feuerwehrleute noch besser mit den Beleidigungen umgehen können als die Jüngeren. „Wenn man 18-Jährige neu dabei hat sind die schon erst mal geschockt, dass sie sich auf der Straße einfach beschimpfen lassen müssen. Das kennen sie noch nicht.“

„Es ist schon lästig“, sagt Römhilds Stadtbrandmeister Stefan Laube. Immer wieder müsse er die Leute ermahnen hinter den Absperrungen zu bleiben. Ihn umtreiben vor allem die vielen Handyfilmer, die bei Großeinsätzen aus Sensationsgeilheit mit dem Auto anhalten, nicht weggehen und dabei die Einsatzkräfte aufhalten: „Jeder will der Erste sein, der das Ereignis bekannt macht, aber man muss auch an die Betroffenen und ihre Bekannten denken, die von einem Unglück eher aus den Sozialen Netzwerken erfahren als von der Polizei.“

Im Gespräch mit dem Bürgermeister kamen die Feuerwehrleute in Hildburghausen fast zu dem Ergebnis, in Zukunft alle Personen, die sie bei der Arbeit beleidigen oder stören „knallhart anzuzeigen“, sagt Christoph Raumschüssel. Dass Leute Hütchen umfahren, ihnen den Vogel zeigen und sie als Spinner bezeichnen, komme auch in Hildburghausen immer wieder vor. „Vorher haben wir noch gesagt, ach komm, lass die Leute doch quatschen“, sagt er. Auch um sich den Aufwand, der mit so einer Anzeige verbunden ist, zu ersparen. Zumindest bei wirklich schlimmen Beleidigungen, oder wenn es genug Zeugen gibt, wollen die Feuerwehrleute nun juristisch dagegenhalten.

Er finde das alles schlimm sagt Mathias Triebel. Die Feuerwehrleute seien ehrenamtlich zum Schutz aller engagiert und müssten sich dann beschimpfen lassen. „Da sagt manch einer vielleicht doch: Warum mache ich das alles hier noch?“