Fastenwandern Im Lockdown die Heimat lieben gelernt

„Magisch“ beschreibt Nadine Valet das, was Teilnehmer am Ende ihrer Fastenwoche in so einer Woche empfinden. Und das will sie bald in ihrer Heimat anbieten.

Schmalkalden/Hamburg - Die dreifache Mutter Nadine Valet wurde unter ihrem Mädchennamen Herdmann in Schmalkalden geboren. Während ihres Wirtschaftsrechtsstudiums an der Hochschule Schmalkalden bewarb sie sich bei Intershop in Jena um eine Stelleim Praxissemester. „Im Bewerbungsgespräch fragte man mich dann, ob ich in Jena oder in Hamburg anfangen möchte. Da habe ich spontan Hamburg gesagt.“ Und so fand sich  die 21-Jährige aus der Provinz am 1. März vor genau 20 Jahren  in einem Gewerbegebiet in  Hamburg wieder. Ohne irgendjemanden zu kennen. Doch es gefiel der Südthüringerin sehr gut im kühlen Norden. Sie arbeitete bei verschiedenen Firmen, ging dann in Hamburg und Sankt Gallen zur Uni, war unter anderem für ein Pharmaunternehmen  tätig. Sie jobbte auch bei der Verbraucherzentrale Hamburg, was ihr beruflich, aber vor allem persönlich einen neuen Anfang bescherte: Sie lernte dort ihren Mann Armin kennen.

Nach dem dritten Kind wurde es Nadine Valet jedoch zu viel. „Job und Familie unter einen Hut zu bringen, hat mich zum Umdenken gezwungen.“ Sie kündigte die Festanstellung und arbeitet fortan als Selbstständige. Beriet vor allem Existenzgründer, begleitete deren Weg Schritt für Schritt,  von der Idee, bis sie auf festen unternehmerischen Beinen standen. Das waren Floristen ebenso wie IT-Spezialisten und Fotografen.
Vor fünf Jahren fing Nadine Valet an, sich mit dem Thema Fasten zu beschäftigen. Mit einem Freund machte sie gemeinsam Fastenwochen, unternahm Fastenreisen. „Mein Freund brachte mich  auf die Idee, das zu vertiefen. Er meinte, dass ich gut darin bin, andere zu motivieren“, erzählt Nadine Valet, während ihre drei Kinder dem Gespräch lauschen. Wie bei der Begleitung der Unternehmer geht es auch beim Fasten immer Schritt für Schritt vorwärts. Und wie bei den Existenzgründern hat sie festgestellt, dass die Teilnehmer der Fastenwochen am Ende des Weges glücklich sind. „Hundertprozent glücklich“, setzt sie hinzu.

Da die Näherstillerin, wenn sie etwas macht, sich immer ganz dieser Sache verschreibt, meldet sie sich bei der Deutschen Fastenakademie in Potsdam an, um eine Ausbildung zur ärztlich geprüften Fastenleiterin zu machen. Erst vor ein paar Tagen war sie wieder vor Ort, um die Ausbildung weiterzuführen. Im Sommer wird sie diese beenden. Denn sie hat festgestellt, dass es sehr schwer ist, alleine zu fasten, es durchzuhalten.
Wieder ein Neuanfang, den sie nun auch gerne mit Gleichgesinnten in ihrer Heimat ausleben möchte. „Ich möchte auch in Thüringen Fastenwochen anbieten“, berichtet die Allrounderin. In Hamburg hat sie das schon getan. Und nun, da sie es unbeabsichtigt für längere Zeit in ihre Heimat verschlagen hat und sie deren Vorzüge lieben gelernt hat, möchte sie  ihre Erfahrungen an andere weitergeben.

Nadine Valet lebt nämlich seit Weihnachten mit ihren Kindern, dem 13-jährigen Oscar, der zwölfjährigen Frizzi und der siebenjährigen Filippa, in ihrem Elternhaus im Schmalkalder Stadtteil Näherstille. Die Katze, die die Familie voriges Jahr aus dem Kroatienurlaub mit nach Hause brachte und aufpäppelte, ist auch mit nach Thüringen umgezogen. Papa Armin, der  gerne als Gesprächspartner von Funk, Fernsehen und Printmdeien in Sachen Ernährung angefragt wird, pendelt derweil zwischen Hamburg und Schmalkalden.

„Eigentlich sollte es  am 11. Januar mit der Schule weitergehen, aber dann wurde ja der Lockdown in ganz Deutschland verlängert. Und da sind wir eben hiergeblieben“, erzählt die dreifache Mutter und Unternehmerin Anfang März. Es sei „einfach großartig“, diese Zeit hier mit den Kindern verbringen zu können. Über 40 Mal waren die Valets mit Skiern in der Region unterwegs, genossen den schneereichen Winter im Thüringer Wald, nahmen an einem Skikurs mit Kati Wilhelm teil, schauten dem  Nachwuchs im Skispringen im Haselgrund zu, probierten sich auch selbst aus. „Die Kinder lernten so schnell Langlauf, können schon super skaten in der kurzen Zeit“, lobt die Mama. Und wenn kein Schnee liegt, dann wird gewandert. Täglich sind Nadine Valet und ihre drei Kinder im Wald unterwegs, suchen sich immer neue Pfade und Ziele.

Und dazu können die Kinder auch noch ihren vertrauten Hobbys nachgehen – online versteht sich. Frizzi und Filippa schalten sich zu ihren Freunden zu, um gemeinsam mit ihnen in der Tanzgruppe zu trainieren bzw. Geige zu üben.

Am liebsten würden die Kinder auf einem Bauernhof leben, im Moment diskutiert die Familie diese Möglichkeit. Doch die Mutter ist etwas unentschlossen, denn „wir würden die Kinder ja komplett aus ihren gewohnten sozialen Umfeld reißen“.

Auf den Gedanken, sich noch einmal woanders niederzulassen, aus Hamburg wegzuziehen, sind die Valets schon im ersten Lockdown gekommen. Auch damals unbeabsichtigt und spontan.

Denn die Familie war in den Hamburger Winterferien, die immer die ersten zwei Märzwochen sind,  zum Skifahren in den Bergen gewesen und wollte auf dem Heimweg nach Hamburg eigentlich nur kurz im Geburtshaus von Armin Valet in Ludwigsburg bei Stuttgart nach dem Rechten sehen. Das stand leer, nachdem seine Mutter verstorben war. „Doch dann kam der Lockdown, die Schulen wurden geschlossen. Da entschieden wir, wir bleiben einfach hier“, erzählt die studierte Wirtschaftsjuristin. Viel hatten sie nicht dabei, nur das, was sie für  den Skiurlaub eingepackt hatten.

Und das Elternhaus von Armin Valet war auch noch teilweise ausgeräumt, weil es eigentlich verkauft werden sollte. „Das war eine ungewohnte Situation, aber wir haben damals schon als Familie das Beste daraus gemacht“, schaut Nadine zurück. Und damals reifte  auch der Gedanke, das Haus doch nicht zu verkaufen. Weil es vielleicht eine Alternative zum Leben in der Großstadt sein könnte.

Entschieden ist noch nichts. Doch Fakt ist, Familie Valet hat sich „durch Corona noch einmal ganz anders gefunden“. Viel mehr Zeit zusammen verbracht, als das unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre. Und in Näherstille haben die Kinder nun  mehr Zeit als nur die geplanten Weihnachtsferien mit den Großeltern verbringen können.

Und alle haben viel miteinander geredet und voneinander gelernt. Besonders die unterschiedlichen Lebensweisen und Ernähungsgewohnheiten fallen Nadine Valet sogleich ein.

Die Valets ernähren sich schon wegen des Vaters als Experten in Sachen Ernährung sehr bewusst. Oscar ist Veganer. Hat einen Tag vor dem Besuch der Redakteurin einen veganen Kuchen gebacken und bringt sogleich ein Stück zum Probieren. Nadine Valet amüsiert   diese unterschiedlichen Gewohnheiten. „Mein Vater würde am liebsten jeden Tag den Grill anschmeißen und Bratwürste essen“, sagt sie. Diese Auseinandersetzung mit veganem Essen und Thüringer Tradition sei spannend, meint sie. Auch die Sahnetorte, die ihre Mutter backt, wird zum Thema, aber auch von ihr und den Kindern gerne gegessen. „Wir sind keine Verfechter irgendwelcher Regeln. Alles muss in Maßen passieren.“ Ihr Mann geht in Hamburg in Schulen, um den Kindern gesunde Ernährung näherzubringen. Großes Anliegen sei es, den Kindern beizubringen, das Essen selbst zu kochen.

In ihren Fastenwochen geht es deshalb auch viel um gutes Essen, gesunde Ernährung, Tipps, wie man das im Alltag umsetzen kann. Neben den anderen Aspekten, die in einer Fastenwoche thematisiert werden. Wandern, entspannen, reden etwa. Auch dass Teilnehmer einer Fastenwoche dafür bezahlen müssen, werde immer mal wieder im Bekanntenkreis belächelt, erzählt sie. „Warum soll ich denn fürs Nichtessen auch noch Geld bezahlen, werde ich dann gefragt“, erzählt die Fastenleiterin. Doch den Körper auf null zu setzen, sei nicht so einfach. Dafür brauche man Begleitung. Es gehe darum, Ansprechpartner zu sein, denn das Fasten verändere einen. Nicht nur im Körper, auch im Kopf. „Es ist wie ein Blatt weißes Papier, das neu beschrieben wird“, versucht Nadine Valet die Veränderungen zu erklären. Nichts zu kauen, sondern nur Flüssignahrung zu sich zu nehmen, mache etwas mit einem. Das Wandern, das in der Fastenwoche täglich auf dem Plan steht, bietet sich im Thüringer Wald natürlich an.

„Magisch“ beschreibt Nadine Valet, das, was Teilnehmer am Ende ihrer Fastenwoche in so einer Woche empfinden. Das erste  Fastenwandern bietet Nadine Valet wahrscheinlich im Mai an.  Etwa drei Termine pro Jahr möchte sie künftig in Thüringen umsetzen. Aufgrund der Coronasituation sei es momentan schwierig, aber für kleine Gruppen oder alternativ Onlinefasten mit telefonischer Begleitung sei möglich.

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