Familien-Rettung aus der Ukraine Sorgen und Ängste bleiben, Wut auch

Der Krieg in der Ukraine beherrscht weiter die Schlagzeilen. Viele persönliche Geschichten sind damit verknüpft. Meininger-Tageblatt-Redakteur Tino Hencl ist an die ukrainische Grenze gefahren, um dort seine Schwiegermutter und deren Schwester abzuholen. Doch andere Familienmitglieder harren weiter in Kiew aus.

Es ist wenige Minuten nach Mitternacht am letzten Donnerstag, als ich mich ins Auto setze und in Richtung slowakisch-ukrainische Grenze aufbreche. Vor genau zwei Wochen hat der verbrecherische Krieg Russlands gegen die Ukraine in aller Frühe begonnen. Was immer es an Spannungen gab zwischen Russland und Ukraine, EU, USA und Nato – nichts rechtfertigt diesen Überfall auf ein souveränes Land in Europa, welches im vergangenen August das 30. Jubiläum seiner Unabhängigkeit beging. Sicher, rückblickend hätte man manches anders machen können im Verhältnis zu Russland. Doch schon 2014 zeigte sich, dass allein gute Worte und Appeasement-Politik zu keinem Wandel führen. Das hat in Europa schon einmal nicht funktioniert.

Die Ukraine, insbesondere deren Hauptstadt Kiew, kenne ich seit 13 Jahren. Dort ist meine Frau aufgewachsen, hat studiert und gearbeitet, bevor sie, der Liebe wegen, nach Deutschland kam. Ihre Mama und Oma wohnen dort, viele Studienkollegen mit ihren Familien, Nachbarn und Freunde. Mehr als 50 Mal war ich da, das letzte Mal in den Herbstferien 2021. Ich kenne den Maidan ebenso wie das Höhlenkloster (Petscherska Lawra), die riesige Statue Rodina Mat (Mutter Heimat) ebenso wie den Dnepr, die U-Bahn (Metro) und vielen mehr. Unsere beiden Töchter haben in Kiew Rollerfahren und Schlittschuhlaufen gelernt, wir haben in Restaurants gegessen, im Dnepr gebadet und im Kino Filme angeschaut. Im Stadtteil Obolon im Nordwesten haben wir eine winzige Wohnung in einem riesigen Plattenbau aus Sowjet-Zeiten. Oft haben wir schon überlegt, in einem der modernen Hochhäuser gegenüber ein Appartement anzumieten.

Zweite Heimat Kiew

Kiew unterschied sich in nichts von anderen europäischen Großstädten, mit einem offenen, pulsierenden Leben und Menschen, von denen die allermeisten, und gerade die jüngeren, seit der Unabhängigkeit 1991 immer nach Europa schauten, sich zugehörig fühlten. Wir standen zum Jahreswechsel 2013/14 mit auf dem Maidan bei Demonstrationen gegen Präsident Janukowitch und dessen Politik der Abkehr von Europa, haben „Slawa Ukraine“ (Ruhm der Ukraine) gerufen. Wir haben Vitali Klitschko gesehen und auch später, als er Bürgermeister war. Wir schauten bei jedem Besuch, was sich wieder in der Stadt verändert hatte. Kiew ist eine zweite Heimat für mich, die mir ans Herz gewachsen ist. Die Ukraine ein Land, dass sich zusehens weiter uns gewohnten Werten annäherte, auch wenn es nach wie vor Schattenseiten gab wie Korruption oder extrem nationalistische Strömungen von Randgruppen.

Am 24. Februar wurden all diese Träume jäh zerstört – durch russische Panzer, Raketen und Flugzeuge. Alle Hoffnungen und Visionen verdrängt von Tod und Zerstörung. Für die Ukrainer, gerade die Hauptstädter, war Krieg in ihrer Vorstellung so weit weg wie für uns. Sie hatten Wohnung und Job, eine Datsche, fuhren in den Urlaub und spazierten am Wochenende durch Parks und Einkaufszentren. Egal ob Beamter, Mediziner, Kosmetikerin, Schüler, Straßenbauer oder Architekt – über Nacht wurden sie zu Flüchtlingen, die sich vor Raketen und Artilleriegeschossen in Sicherheit bringen mussten. „Entnazifizierung“ und „Demilitarisierung“ sowie der „Schutz der russischsprachigen Bevölkerung“ nannte Russlands Präsident Putin als Ziele der „Sonderoperation“. Absurd, primitiv, banal. Alle in meiner Familie und im Freundeskreis sprechen russisch als Muttersprache, ebenso meine Kinder, die zweisprachig aufwuchsen. Trotzdem sind sie Ukrainer – und stolz darauf. In Österreich wird auch deutsch gesprochen, ohne dass jemand daran denkt, sie „heim ins Reich zu holen“. Zumindest seit 1945 nicht mehr.

Zwei bleiben zurück

All diese Gedanken gehen mir auf der langen Fahrt durch Polen und die Slowakei durch den Kopf. Viele Kiewer haben die Hauptstadt bereits verlassen. Mama wollte in den ersten Tagen nicht gehen, ebenso Oma, die 92 Jahre alt und nicht mehr mobil ist. Auch Tante und Onkel blieben, hofften auf ein schnelles Ende des Krieges, auf Verhandlungen. Man spricht doch die selbe Sprache, hat unzählige Kontakte ins große Nachbarland, dessen Truppen jetzt aufgrund der kruden Vorstellungen eines einzigen Mannes in die Ukraine eingefallen sind. Demokratie – ein Schreckenswort für ihn. Zwei demokratische Wahlen hat es seit 2014 in der Ukraine gegeben – er aber tut, als ob die revolutionären Ereignisse am Maidan erst vor einer Woche stattgefunden hätten. Als Machthaber und Regime beschimpft er Regierung und Präsident, der für viele schon jetzt zum Held geworden ist - Wolodymyr Selenskyj.

Mama schläft im Flur

Ein Ende des Schreckens ist nicht abzusehen, jede Nacht aufs Neue die Angst, den nächsten Tag nicht zu erleben. Mama schläft im Flur, auf einem Klappbett, ein Schutz ist das wahrlich nicht. Noch gibt es Lebensmittel, in den meisten Wohnungen Strom, Wasser und Heizung. Aber wie lange noch? Die Angreifer wissen, dass die Infrastruktur einer Großstadt ihre verwundbarste Stelle ist. Zerstörung ohne Rücksicht auf zivile Verluste, zu sehen in Mariupol, Charkiv, Cherson. Ist es das, was der erste Mann der Russischen Föderation unter Befreiung und Befriedung versteht?

Jeden Tag haben wir Mama gebeten zu gehen, bevor Kiew eingeschlossen ist. Sorgen und Ängste, verbunden mit dem Gefühl der Hilflosigkeit. Was wir am Bildschirm sehen, passiert dort vor der Haustür. Argumentative Unterstützung bekommen wir von der Cousine, die mit ihrer Familie bei New York wohnt– von dort kann man überhaupt nichts weiter tun. Schließlich geben Mama und Tante nach, packen einen Koffer, mehr geht nicht. Mit dem Taxi fährt Mama am Mittwochmorgen zu Oma, die Fahrt kostet das Zehnfache als normal, die Straßen sind leer. Doch Oma kommt nicht mit, es ist zu anstrengend. Nachbarn versprechen, aufzupassen. Weiter geht es zur Schwester. Deren Mann will ebenfalls, obwohl er mitkommen könnte, ausharren. Es bleiben die beiden Frauen. Sie fahren zum Bahnhof, haben Glück, steigen in den erstbesten Zug, der raus fährt – nach Uschgorod im Südwesten, eine Großstadt direkt an der Grenze zur Slowakei. Am Donnerstagmorgen sollen sie dort ankommen – wenn alles gut geht. So ist dies auch mein vorläufiges Ziel und der Grund meiner Fahrt, die ohne große Vorbereitung beginnen muss. Bei den Kollegen melde ich mich schnell ab – ganz unerwartet kommt das Ganze nicht. Täglich zur Morgenkonferenz tauschen wir uns zur aktuellen Lage aus. Alle wünschen mir Glück, sogar Spritgeld wird von den Kollegen gesammelt und überwiesen. Auch wenn mir das peinlich ist – Tatsache ist, dass ich 1150 Kilometer hin und dieselbe Strecke zurückfahren muss und es keine Urlaubsfahrt ist.

Durch Polen und die Slowakei komme ich gut durch, lasse mir derweil aktuelle Infos durchgeben. Zug in Uschgorod angekommen, gut. Taxi zur fünf Kilometer entfernten Grenze bekommen, gut. Grenzübertritt ohne lange Wartezeit, gut. Ganz anders ist es zur gleichen Zeit an der polnisch-ukrainischen Grenze, wo sich die Masse der Flüchtenden konzentriert. Aber auch die Slowaken helfen, wo sie können, organisieren Busse, wo Ukrainer kostenlos in größere Städte gebracht werden. So fahren Mama und Tante mit nach Košice, warten am Busbahnhof, wo ich kurz nach Mittag eintreffe. Dort finden wir zueinander, groß ist die Freude. Doch während wir ein Ziel haben, bleiben andere im Ungewissen zurück, sind auf weitere Unterstützung angewiesen. Bis in die Nähe von Wroclaw (Breslau) in Polen kommen wir am Abend, dann ist die Luft bei mir raus. 1700 Kilometer an einem Tag im Auto – mehr geht nicht.

Eine Nacht in Polen

Meine Frau hat derweil von daheim Zimmer in einem Motel in einer kleinen Stadt nahe der Autobahn online organisiert. Dort treffen wir gegen 20 Uhr ein. Volltanken, Scheiben putzen, duschen, ein Büchsenbier zum Entspannen, dann nur noch schlafen. Freitag nach dem Frühstück geht es weiter in Richtung Heimat, nur noch 600 Kilometer – ein Katzensprung. Auf der Autobahn in Richtung Deutschland sehen wir viele Fahrzeuge mit ukrainischem Kennzeichen, die meisten modern, aber auch einen klapprigen Lada Samara. Am Nachmittag sind wir zu Hause, Begrüßung und Tränen, ein Whatsapp-Anruf mit der Cousine in Amerika und dem Onkel in Kiew. Geschafft.

Viele Fragen bleiben

Sorgen und Ängste bleiben: Was wird aus denen, die zurückgeblieben sind? Was wird aus der Stadt, dem Land? Wie viele Menschen müssen noch sterben, wie viel Infrastruktur wird zerstört werden, bevor dieser sinnlose Krieg endet? Und danach? Wer wird alles wieder aufbauen? Die russischen Besatzer? Frohsinn will sich nicht einstellen wie sonst nach langen Reisen. All das beschäftigt mich. Auch wenn es unerträglich scheint: Ja, man muss weiter mit Russlands Präsidenten sprechen, egal, wer das tut oder wie oft. Wichtigstes Ziel muss sein, den Krieg zu beenden, so schnell wie möglich. Dann kann man über Lockerungen von Sanktionen sprechen, über Wiederaufbauhilfen und Ähnliches. Aber erst dann. Und: Die Wut, die ich verspüre, richtet sich nicht gegen die Bürger der Russischen Föderation. Die meisten wollten diesen Krieg sicher nicht, zudem tut Propaganda dort ein Übriges. Die Wut richtet sich gegen den Mann, der dies zu verantworten hat. Ihm darf man nie wieder eine internationale Bühne bieten, ihn zum Staatsbesuch in Deutschland empfangen oder vor der UN sprechen lassen. Ich weiß, dass ich nicht objektiv urteile, wie auch. Wünschen tue ich mir, dass Europa und Russland wieder zu normalen nachbarschaftlichen Beziehungen zurückfinden – irgendwann, unter dem nächsten Präsidenten vielleicht.

Hoffen, bangen, helfen

Erst mal bleibt: Hoffen und bangen – und helfen. So wie wir in der gleichen Situation uns Hilfe wünschen würden. Und: Den Krieg nicht ignorieren, nicht zum Alltag übergehen, nicht abstumpfen. Nato-Mitgliedschaft und EU-Beitritt sind nicht ausschlaggebend, aber: Die Ukraine ist und bleibt ein Teil Europas, keine russische Provinz. Slawa Ukraine!

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