European Peace Ride „Ich bin jetzt ein Friedensfahrer ...“

Jan Wiedemann aus Sonneberg hat als Behinderten-Radsportler schon viel erlebt und verrückte Touren absolviert, doch die neueste Auflage der European Peace Ride, der Internationalen Friedensfahrt, wird zu seinem schönsten Sporterlebnis.

Die Erinnerung an das „Original“ ist fest in seinem Hirn manifestiert. Damals, als kleiner Bub, als er die satt-grünen Wiesen und Berge rund um Hasenthal unsicher macht, flimmert im Schwarz-Weiß-Fernseher die Tageszusammenfassung auf „DFF 1“. Die Tour de France des Ostblocks wird zum wichtigsten Amateurrennen der Welt und erfreut sich großer Beliebtheit. Legenden wie Täve Schur und Klaus Ampler, aber auch Olaf Ludwig, Uwe Ampler und Falk Boden sowie der junge Hüpfer Steffen Wesemann hinterlassen auch bei Jan einen bleibenden Eindruck. Besonders aber diese unbeschreibliche Euphorie der scheinbar unzähligen Fans an den Straßenrändern scheint selbst Unbeteiligte zu fesseln. Und just dieses Gefühl erfährt nun wieder seine Renaissance – mittendrin steht der mittlerweile 50-jährige Jan Wiedemann.

Flanieren über historisches Pflaster

„Menschen jubeln auf der Strecke – in Polen, in Tschechien und in Deutschland. Kinder rasseln mit Rasseln und wedeln Fahnen. Sie feuern uns mit bunt bemalten Plakaten an. Opis und Omis sitzen auf ihren Rollatoren und winken“, so beschreibt Jan Wiedemann seine Eindrücke während der jüngsten Auflage der European Peace Ride, der Internationalen Friedensfahrt. Es scheint eine Zeitreise zu sein – für Wiedemann selbst, aber auch für die Menschen an den Straßenrändern. „Viele standen sicher schon als Kinder an den Straßen und jubelten damals den Fahrern der Original-Friedensfahrt zu“, ist sich der Sonneberger sicher. Er vergisst dabei schnell, dass er eigentlich Teilnehmer eines Radrennens sein wollte, eines sportlichen Wettstreits, der eigentlich Höchstleistungen abverlangt. „Ich kann die ein oder andere Träne nicht unterdrücken. Ich habe Gänsehaut“, beschreibt Wiedemann das Déjà-vu mit seinen Kindheitsmomenten. Es ist ihm gar nicht danach, über Schaltwerk, Carbonrahmen oder Scheibenbremse zu fachsimpeln. Nein. „Die Luft ist voller Emotionen und voller Magie“, versucht Wiedemann die knisternden Momente seiner Gefühlswelt zu transportieren – für seinen Zuhörer.

Fast verliert der Paracycler beim Flanieren über historisches Pflaster die Orientierung, bis ein schrecklicher Geistesblitz, ein dumpfer Schlag seine Erinnerungsblase mit all den schönen Schnappschüssen von einst zerbersten lässt. Wo bin ich hier wirklich? Wiedemann wacht auf. „Der Gedanke an den Krieg, der nur wenige Kilometer entfernt in der Ukraine tobt, war für kurze Zeit wie weggeblasen. Alle freuten sich“, blickt er zurück. Bis man merkt, dass man durch die Gegenwart radelt – nicht ohne sich zu wehren gegen diesen Zustand. „Die EPR (European Peace Ride/Anm. d. Red.) ist ein starkes Signal, inmitten von Europa, für ein friedliches, kulturelles Miteinander“, propagiert Wiedemann und ist nach kurzer Analyse seiner Radsport-Abenteuer davon überzeugt: „Ich habe schon viele, viele Marathons, Ultramarathons und verrückte Events in ganz Europa bestritten, bin insgesamt jetzt schon mehrmals um die Erde geradelt. Aber das, was ich an diesem Wochenende erleben durfte, lebt noch lange, wenn nicht sogar für immer, in mir und in den Köpfen aller Beteiligten.“ Wiedemann schnipst mit den Fingern seiner rechten, seiner gesunden Hand, sucht nach passenden Worten, scheint sie sprichwörtlich auf der Zunge liegen zu haben und lässt sie einen Moment später frei: „Ich bin jetzt ein Friedensfahrer“, gesteht er. „Ich fahre für den Frieden. Ich setze ein Zeichen.“

Mit Jan Wiedemann sind immerhin 120 Radsportler aus Deutschland, Polen und Tschechien gekommen – darunter ehemalige Friedensfahrt-Ikonen und Profis, darunter der Tour de France-Etappensieger Marcus Burghardt und auch „DDR-Mannschaftskapitän Thomas Barth, der in den 70er Jahren Junioren-Weltmeister wurde“, ergänzt Wiedemann seine Aufzählung noch. Diese European Peace Ride sei international, sei grenzüberschreitend und anders als die frühere Friedensfahrt kein reguläres Radrennen, erläutert der 50-Jährige. Im Vordergrund stehe vielmehr, gemeinsam anzukommen. „Der Völker verbindende Gedanke ist angesichts der aktuellen Konflikte in der Welt wieder brandaktuell“, wird dem Paracycler dabei deutlich vor Augen geführt. Doch diese Friedensfahrt will mehr, will auch Werte wie Gleichberechtigung und Inklusion in den Vordergrund rücken.

420 Kilometer, knapp 4000 Höhenmeter

Rein sportlich betrachtet ist der Zwei-Tage-Ritt für Wiedemann und all die anderen Friedensfahrer trotzdem kein Pappenstiel. Von Wroclaw in Polen geht es am Samstag nach Mladá Boleslav (Tschechien) und von dort einen Tag später weiter nach Chemnitz. „Drei Länder, drei Sprachen, über das Riesengebirge und den Erzgebirgskamm“, so Wiedemanns verkürzter, geografischer Erlebnisbericht. „Das sind 420 Kilometer und knapp 4000 Höhenmeter“, bestätigt auch der Blick auf seinen Radcomputer.

Anders als beim Original der Friedensfahrt, wo neben den Nationentrikots auch gelbe, weiße, grüne, blaue, violette oder rot-gepunktete Jerseys aus der Masse hervorstachen, verschwimmen all diese Farben zur Neuauflage am ersten September-Wochenende 2022 zu einem leuchtend orangen Fahrerfeld. „Das Peloton fädelt sich wie eine Perlenkette durch die malerisch schöne Landschaft und wird begleitet von gefühlt 1000 Helfern, Polizei- und Motorrad-Eskorten, von Krankenwagen und Begleitfahrzeugen. Alles ist bestens organisiert, jede Kreuzung und Ortsdurchfahrt wird abgesichert. Alle sind diszipliniert – ein einziges Miteinander“, beschreibt Wiedemann diesen wohl bekannten Friedensfahrt-Spirit. Mit einem Unterschied zu damals: „Leistungsschwächere werden kurzerhand ein bisschen am Berg mitgeschoben – eben wie in einer Familie …“ Und selbst Zeit für ein kurzes Pläuschchen bleibt – mitten im Rennen versteht sich. „Ja, das stimmt“, bestätigt der Sonneberger, der sich mit vielen Teilnehmern austauscht, während der Fahrt, meist auf Deutsch oder Englisch.

Den Mythos Friedensfahrt verinnerlicht

Gerade während der ersten Etappe entstehen dabei einige neue Bekannt- und Freundschaften – auf gut 230 Rennrad-Kilometern, durch wunderschöne Landschaften. „Da wir größtenteils auf Nebenstraßen unterwegs sind, habe ich lediglich ab und zu mit den doch etwas schlechten Straßen zu kämpfen“, erinnert sich Wiedemann, der neben der Euphorie für das Großereignis permanent von seinem Handicap ermahnt wird. „Da ich vorher nicht wusste, wie die Fahrbahnbeschaffenheit ist, habe ich zur Vorsicht meinen linken, den gelähmten Arm mit einem Klettband am Lenker fixiert“, verrät der Paracycler und ergänzt: „Zu groß ist die Angst, dass der Arm den Kontakt zum Lenker verlieren könnte.“

Auch die zweite Etappe, die Schlussetappe, führt den Tross durchs Gebirge, durchs Erzgebirge. „An den Anstiegen pusht uns die Musik aus den Betreuerfahrzeugen nach oben“, bemerkt auch Wiedemann den kleinen, aber feinen Unterschied zur echten Friedensfahrt. Doch spätestens zur Ankunft in Chemnitz ist dieser längst verschwommen. Unzählig viele Menschen, ja Tausende stehen an den Straßen und „empfangen uns mit tosendem Jubel. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, sie weinen. Das ist unbeschreiblich“, schildert Jan Wiedemann den Zieleinlauf, drückt behutsam auf die Bremse, schüttelt den Kopf immer wieder und nuschelt: „Danke! Danke! Vielen Dank!“ Ja, er sei in diesem Moment wirklich dankbar gewesen. Dankbar dafür, dass er „Teil dieser politisch wichtigen und emotionalen Tour sein durfte“. Dass er den Mythos Friedensfahrt nun endlich auch mit Haut und Haar verinnerlichen darf, dass ein Kindheitserlebnis in die Wirklichkeit transformiert wird.

Dabei stupst ihn Papa Dieter an die Schulter. „Junge, ab ins Bett. Morgen geht’s zeitig raus.“ Wie gerädert bleibt Jan auf dem braun-karierten Chaiselongue hocken. Zwei Sekunden Zögern, entnervt marschiert der Herr im Haus im Stechschritt zurück zum Fernsehschrank. Ein geübter Handgriff am beigen Drehrad des Staßfurt Stella reicht, dann macht’s „zisch“. Auf den schwarz-weißen, 59 Zentimetern Bildschirm-Glück ist nur noch ein winzig-weißer Punkt zu sehen, der mehr und mehr der schwarzen Leere weicht. Dann darf Jan zurück aus der Vergangenheit, als wasch-echter Friedensfahrer.

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