Wellenreiten ist ein Gegenpol zu unserer schnellen, digitalen Welt. Im Wasser ist man nicht erreichbar und am Strand gibt es vielleicht nicht mal Handyempfang oder asphaltierte Straßen. Während der Surfsession verschwindet man, ist allein mit sich, dem Brett und dem Meer.
In Hawaii endete damals der Beginn vom Ende des freien Lebens, als ein paar Jahrzehnte nachdem James Cook die Inseln entdeckt hatte, christliche Missionare dorthin kamen. Ihnen gefiel nicht, dass die „Wilden“ nackt surften. Die christlichen Eiferer sorgten dafür, dass die Hawaiianer Kleider trugen und arbeiteten. Westliche Krankheiten dezimierten die hawaiianische Bevölkerung drastisch. Das Wellenreiten drohte auszusterben. Später, im 20. Jahrhundert entwickelte sich Hawaii zum Urlaubsort für wohlhabende Amerikaner – nachdem die USA Hawaii 1898 annektiert hatten. Surf-Motive zierten die Reiseplakate.
Die Wiederentdeckung des Surfens
Heute hat sich Surfen zu einem Trendsport entwickelt und bleibt doch zugleich ein höchst individuelles Abenteuer. Viele haben schon einmal ein Surfcamp besucht. Man muss nicht mehr einen Flug ins Unbekannte buchen und sich durchfragen, um einen Surfspot zu finden. Man sieht einen Social-Media-Beitrag eines Freundes, hat Gefallen daran und bucht alles mit wenigen Klicks.
Lange vor Social Media hat der Schriftsteller Jack London wohl als Erster einen Magazinbeitrag über das Wellenreiten verfasst und diesen Sport damit in die Öffentlichkeit gebracht. 1907 segelte er mit seinem Schiff nach Hawaii und probierte dort das Wellenreiten selbst aus. Danach verfasste er mit „Ein königlicher Sport“ einen Essay über das Surfen.
London saß am Strand von Waikiki und fühlte sich „klein und zerbrechlich angesichts dieser gewaltigen Kraft“ der Wellen: „Eine halbe Meile weiter draußen, dort, wo das Riff ist, drängen aus dem stillen Türkisblau unversehens die weiß gekrönten Brecher himmelwärts und wälzen sich aufs Ufer zu. [. . .] Die Vorstellung, sich mit diesem Meer messen zu wollen, löst unwillkürlich einen Schauder der Beklommenheit, fast der Angst aus.“
Dann beschreibt London, wie aus „sprudelnder und stampfender Gischt“ der Kopf eines Mannes auftaucht. „Rasch erhebt er sich aus dem stürzenden Weiß. Seine schwarzen Schultern, seine Brust, seine Hüfte, seine Lenden, seine Glieder – mit einem Mal zeichnet sich alles vor den Augen ab. Wo einen Moment zuvor nur grenzenlose Verlassenheit und unerschütterliches Gebrüll war, ist nun ein Mensch, aufrecht, in voller Statur, der nicht verzweifelt kämpft in dem reißenden Strom, der nicht begraben und zerstampft und umhergeschleudert wird von diesen mächtigen Monstern, sondern der über ihnen allen steht; ruhig und erhaben schwebt er über dem taumelnden Gipfel“. Und weiter heißt es: „Er ist gelassen, bewegungslos wie eine Statue, die geformt wurde durch ein plötzliches Wunder aus den Tiefen des Meeres, denen er entstieg.“
Das Wellenreiten war nicht länger ein geheimer Sport.