Erinnerungen an 2013 Totalschaden nach Flut: Hilfsverein machte Mut

Juni 2013 am Stiller Tor. Häuser vollgelaufen, Straße weggebrochen, Brücken über die Stille weg. Die aktuellen Bilder aus dem Westen der Bundesrepublik wecken Erinnerungen. Foto: Sascha Bühner

Die Bilder von der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands wecken auch bei vielen Schmalkaldern Erinnerungen. Vor allem bei Berit und Jürgen Klaedtke. Ihr Haus am Stiller Tor wurde vor acht Jahren zerstört.

Schmalkalden - Die schrecklichen, surreal anmutenden Bilder aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen machen auch Berit und Jürgen Klaedtke sprachlos. Das Ehepaar leidet mit den vielen Menschen, die binnen kurzer Zeit alles verloren haben. Die Schmalkalder wissen aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, binnen kurzer vor den Trümmern eines Lebens zu stehen. Nicht zu wissen, wie es weitergehen soll, vor allem finanziell. Klaedtkes kennen aber auch die Kraft, die Hilfsbereitschaft, uneigennützige Unterstützung und Solidarität entfesseln können. Deshalb ist es für das Ehepaar selbstverständlich, „nun, wo wir trockenen Fußes davon gekommen sind, gerne etwas zurückzugeben“. Jeder, der kann und will, sollte das tun, sagt Jürgen Klaedtke und unterstützt den Spendenaufruf des Hilfsvereins von Freies Wort, Südthüringer Zeitung und Meininger Tageblatt. „Nur dank der Spender, welche an Freies Wort hilft für die Betroffenen gespendet haben, konnten wir die damals schwere Zeit überstehen.“ Mit insgesamt 28 000 Euro unterstützte vor acht Jahren Freies Wort hilft sechs von der Flut gebeutelte Familien am Stiller Tor.

Juni 2013: In ganz Mitteleuropa kommt es zu Überschwemmungen, die das Hochwasser von 2002, das bis dahin als Jahrhundertereignis galt, teils noch übertrafen. Europaweit entstand ein Schaden von rund zwölf Milliarden Euro, davon entfielen allein acht Milliarden auf Deutschland. Auch mitten in Schmalkalden, am Stiller Tor, kommt die Flut, leiden Betroffene, gibt es hohe Schäden ohne Aussicht auf vollen Ersatz. Binnen weniger Tage hatte die sechs Kilometer vor Schmalkalden entspringende Stille ungezügelte Kräfte entwickelt. Aus dem friedlich dahin plätschernden Quellbach wurde ein Fluss, der alles mit sich riss. Hochwassererprobt haben die Familien schon einiges erlebt, sich eingerichtet auf Unwägbarkeiten, die Wohnen am Wasser mit sich bringen. Doch was die Familien in den Tagen nach Pfingsten erleben müssen, ist mit Worten kaum zu beschreiben. „Du wachst auf und es regnet, du gehst schlafen und es regnet. Dann schaust du aus dem Fenster und könntest nur noch schreien“, fasste Klaedtke seine Empfindungen damals für einen Zeitungsbericht zusammen.

Ein Albtraum. Aus dem sie auch nicht aufwachten, nachdem sich das Wasser zurückgezogen hatte. Totalschaden am Haus. Komplettsanierung, diagnostizierte der Gutachter nach einer Inspektion. In ihr Zuhause waren die Eheleute, nach komplettem Ausbau, erst drei Jahre zuvor eingezogen. Nun hieß es wieder: Fußböden raus, Heizung raus, Türen raus, neue Sanitäranlagen und Elektrizität. Jeden Tag erlebten die beiden eine neue Katastrophe. Während der Sanierung lebten Klaedtkes im Wohnwagen am Breitunger See. Gerade für Berit war die Situation schwierig. Sie musste kurzzeitig ihre im Haus eingerichtete Praxis für alternative Heilung schließen.

Das anfängliche Gefühl der Hilflosigkeit wich schnell einem geschäftigen Treiben. Bloß nicht nachdenken, sagte damals die Hausherrin. Ein Schritt nach dem anderen gehen, ergänzte ihr Ehemann. Eine Erfahrung, die Klaedtkes gern an die Betroffenen im Westen Deutschland weitergeben möchten. Mut wird ihnen zweifelsohne die Welle der Hilfsbereitschaft machen, die bundesweit angerollt ist. In ganz unterschiedlicher Form. Vor allem finanzielle Hilfe wird nötig sein, vermutet der Rettungsassistent, weil viele Hauseigentümer keine ausreichende Versicherung haben.

Erinnerungen machen diese und andere Katastrophen nicht ungeschehen. „Wir können aber daraus unsere Lehren ziehen“, sagt Jürgen Klaedtke. Und das vermisse er. Mit dem Abbruch der Gebäude auf dem ehemaligen Fabrikgelände am Stiller Tor 2014/2015 sei zwar eine eine Retentionsfläche für den Hochwasserschutz geschaffen worden, sind die Anwohner dankbar. Der Bereich müsse aber auch regelmäßig gepflegt werden. Das haben jetzt zwei Nachbarn selbst übernommen.

Unzufrieden sind die Anlieger mit dem Zustand der Stille. Der Überlauf ist zugewachsen, das ihrer Meinung nach desolate Flussbett müsste dringend ausgebaggert werden. Man wolle den Bächen mehr der Natur überlassen, bekommen die Beschwerdeführer immer wieder von den Fachbehörden zu hören.

Alles gut und schön, sagt Jürgen Klaedtke. Aber nicht in der Stadt. „Wir haben jedes Mal Angst, wenn ein Unwetter droht.“ Besorgt blickt er in Richtung Mittelstille, wo vor vielen Jahren eine große Überflutungsfläche geschaffen worden ist und die offenkundig an vielen Stellen von Mäusen durchlöchert ist. Wenn hier der Damm bricht, „ saufen wir hier in der Stadt ab“.

Große Hoffnung setzt der Schmalkalder in die 2019 gegründeten Gewässerunterhaltungsverbände (GUV), der sich um kleinere Bäche und Flüsse, wie die Stille, kümmert. Schmalkalden ist mit seinen Gewässern gleich in zwei Verbänden vertreten: im GUV Felda/Ulster /Werra mit Sitz in Bad Salzungen und im GUV Hasel/Lauter/Werra, der seine Geschäftsstelle in Meiningen hat.

Hochwasser gehört in die Aue und nicht in die Wohnzimmer. Die Stadt Schmalkalden hat – insbesondere nach den Starkregenereignissen und Überflutungen der vergangenen Jahre – schon einiges unternommen, um den Schutz von Mensch und Gut zu verbessern.

Hohe sechsstellige Beträge sind unter anderem in die Verbesserung und Erneuerung einer leistungsfähigen Außengebietsentwässerung gesteckt worden, zumeist verbunden mit Straßenausbaumaßnahmen. Wie in Asbach, Mittelschmalkalden-Haindorf, in Weidebrunn, im Pfaffenbach, Schlossküchenweg oder im Quellenweg. Vor zwei Jahren hat der Freistaat Thüringen im Rahmen des Programms „Aktion Fluss“ für rund 640 000 Euro das Wehr Schwemmbrücke und das Wehr Volk in Schmalkalden umgebaut.

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