Erfurt Kali-Lauge: Der eigentlich unantastbarer Pfeiler wird durchbohrt

Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne): "Wir arbeiten nur mit Gürtel und Hosenträger". Foto: Martin Schutt/dpa Quelle: Unbekannt

Um Kali-Laugen ins Bergwerk Springen einzuleiten, soll der untertägige Sicherheitspfeiler durchbohrt werden.

Erfurt - Es sind nur zwei vergleichsweise kleine Löcher, die in ein paar hundert Metern Tiefe durch den mächtigen Salzpfeiler gebohrt werden sollen. Ein 200 Meter dicker Trumm, dem die beiden Löcher mit einem Durchmesser von lediglich 30 Zentimetern wohl nichts ausmachen werden. Allerdings handelt es sich bei dem, was da im Kali-Bergbaugebiet an der Werra durchbohrt werden soll, um den "Markscheide-Sicherheitspfeiler". Und der ist eigentlich tabu.

Der Pfeiler markiert als Mauer aus Salz untertage die Grenze zwischen Thüringen und Hessen. Wie der Name sagt, soll er für Sicherheit sorgen und die Abbaugebiete der beiden Bundesländer trennen, auch wenn sie beide zum Kasseler Kali-Konzern K+S gehören. Ein Loch - das sogenannte "Roll-Loch" - hat die Mauer schon seit etlichen Jahren. Es befindet sich zwischen den Gruben Unterbreizbach (Thüringen) und Hattorf (Hessen), um Kalisalz zur Weiterverarbeitung zwischen den Standorten zu verteilen. Dafür war ein Staatsvertrag der beiden Bundesländer nötig.

Das steht jetzt wieder an, da der "Markscheide-Sicherheitspfeiler" erneut durchbrochen werden soll. Dieses Mal zwischen den Gruben Wintershall (Hessen) und Springen (Thüringen). Durch die beiden geplanten Löcher sollen Rohrleitungen verlaufen, um Produktionsabwässer aus hessischen Kali-Fabriken im Bergwerk Springen zu entsorgen. Die Flutung soll 2022 beginnen. K+S braucht den neuen Entsorgungsweg. Die bisherigen - Versenkung in den Untergrund sowie Einleitung in die Werra - werden aus Umweltschutzgründen bald verbaut sein.

Im Entwurf des neuen Staatsvertrags, der unserer Zeitung vorliegt, heißt es, dass die Förderbohrungen sowie das Fluten der Grube nach Maßgabe des Bundesberg-Gesetzes und der sonstigen öffentlich-rechtlichen Vorschriften so zu erfolgen habe, "dass die Barrierefunktion des Sicherheitspfeilers zwischen den hessischen und thüringischen Grubenbauen nach dem Stand der Technik zuverlässig und dauerhaft gewährleistet ist".

Aber ist es das auch? Oder gibt es Risiken und Nebenwirkungen, die den Abgeordneten der beiden Landtage bisher nicht bekannt sind? Schließlich kann ohne ihre Zustimmung der von den Landesregierungen ausgehandelte Staatsvertrag nicht in Kraft treten. Geht es nach dem Geochemiker und Kali-Experten Ralf E. Krupp, sollten die Abgeordneten verhindern, dass die unterirdische Salzmauer durchbohrt wird, um Kalilaugen im Bergwerk Springen zu entsorgen. Krupp befürchtet, dass es zu einem neuen Gebirgsschlag kommen kann. Solche durch den Bergbau verursachten Erdbeben gab es 1953 in Heringen, 1958 in Merkers, 1961 erneut in Merkers, 1975 in Sünna und 1989 in Völkershausen. Der war mit einer Magnitude von 5,6 der schwerste. K+S bestreitet die von Krupp gesehenen Gefährdungen.

Wohl nicht von ungefähr hat der Freistaat Thüringen dem Entwurf des Staatsvertrags jedoch eine sogenannte Protokollerklärung angefügt. Darin heißt es, dass die mit diesem Vertrag zulässige erneute Durchbohrung des Sicherheitspfeilers "keine Präjudizwirkung auf die in diesem Zusammenhang notwendigen Genehmigungsverfahren" entfalte. Die Thüringer Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) sagte jüngst unserer Zeitung, man arbeite "nur mit Gürtel und Hosenträger". Sie brachte damit zum Ausdruck, dass angesichts bisheriger Erfahrungen mit K+S der Antrag genauestens geprüft wird. Die Warnungen von Kali-Fachmann Ralf Krupp könnten nun auch die Fachpolitiker im Landtag auf den Plan rufen.

 
 

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