Erfurt Gedenken statt großer Partys: Thüringen feiert Einheit im Mini-Format

Ursprünglich sollte es einen Festakt zum Doppeljubiläum geben. Doch die Corona-Pandemie lässt ausgiebige Partys derzeit nicht zu. Dennoch gedachten am 3. Oktober Politiker an vielen Orten der Deutschen Einheit - auch im Internet.

Ein Herz in Farben der Deutschen Flagge mit der Aufschrift «30 Jahre» steht im Sonnenlicht. Foto: Fabian Sommer/dpa/Symbol

Keine Sternfahrt, keine großen Festakte oder Bürgerfeste, stattdessen Selbstverortung und Ausblick: Die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung sind in Thüringen wegen der Corona-Pandemie kleiner ausgefallen als ursprünglich geplant. Ihre Gedanken zu drei Jahrzehnten Deutsche Einheit äußerten mehrere Landespolitiker im kleineren Rahmen oder virtuell bei Liveübertragungen im Internet. Die zentralen Feierlichkeiten fanden in diesem Jahr in Potsdam statt - ebenfalls im reduzierten Format.

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Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach am Samstag vor einem Orgelkonzert in Altenburg ein Grußwort. Ursprünglich war in der ostthüringischen Stadt unter anderem ein großes Bürgerfest geplant - und ein Festakt anlässlich seines 100. Geburtstags, den Thüringen in diesem Jahr feiert, zum 30. Jahrestag der Wiedergründung des Freistaates nach dem Ende der DDR und zum Tag der Deutschen Einheit.

Thüringens CDU-Fraktionschef Mario Voigt sagte bei einer Festveranstaltung in Geisa (Wartburgkreis), der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung sei «ein Tag der Dankbarkeit, der Chancen und des Mutes». Die Ostdeutschen hätten 1989 die Mauer zum Einsturz gebracht. Er sei dieser Generation dankbar, sagte Voigt.

Die Wiedervereinigung habe den Thüringern Wohlstand, Chancen, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit gebracht. «Wir leben heute im besten Deutschland, das wir jemals hatten», sagte der 43-Jährige. Zuvor hatte er zusammen mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am virtuellen Deutschlandfest der Union teilgenommen, das im Internet übertragen wurde. Die traditionellen Feierlichkeiten im thüringisch-bayerischen Grenzort Mödlareuth fielen in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie aus.

Voigt machte bei dem virtuellen Fest auf einen generationenbedingten Unterschied ostdeutscher Lebensbiografien aufmerksam. Er selbst habe den Großteil seines Lebens in einem gemeinsamen Deutschland verbracht, sagte Voigt. «Insofern repräsentiere ich natürlich eine Generation, die viele Chancen bekommen hat», sagte der 43-Jährige.

Es gebe aber auch Menschen, die nach der Wiedervereinigung mit einer biografischen Last konfrontiert waren - etwa weil sie lange Zeit arbeitslos waren. Das Einende sei die Erfahrung, dass man in Deutschland alles erreichen könne, wenn man gemeinsam anpacke.

Er verbinde vor allem den Tag des Mauerfalls, den 9. November 1989, mit Freiheit und Freude. Seine Großeltern seien in der DDR aus dem bayerisch-thüringischen Grenzgebiet zwangsausgesiedelt worden. Einen Tag nach dem Mauerfall sei er zusammen mit seinem Vater und seinem Großvater an jenen Ort zurückgekehrt, den sein Großvater Jahrzehnte lang nicht habe besuchen können. «Diesen Moment miterlebt zu haben, das ist eine prägende Erinnerung für mich», sagte Voigt.

Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke sagte bei einer AfD-Veranstaltung in Vacha (Wartburgkreis», Deutschland sei heute ein Land im Verfall und im Zerfall. «Es ist ein Land im Niedergang», sagte Höcke. Die Schlüsselindustrien seien «angezählt», der Mittelstand geschwächt, und der gesellschaftliche Umgang verrohe immer mehr.

Man könne aber stolz auf die Wiederaufbauarbeit in Ostdeutschland nach dem Ende der DDR sein, betonte der Rechtsaußen, der als Mitbegründer des inzwischen formal aufgelösten «Flügels» gilt. Der Bundesverfassungsschutz hatte den «Flügel» im März als rechtsextremistische Bestrebung und Höcke als rechtsextremistische Führungsperson eingestuft. Die AfD bildet im Thüringer Landtag die größte Oppositionsfraktion und ist nach der Linken zweitstärkste Kraft.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte die AfD zum Tag der Deutschen Einheit in einer live im Internet übertragenen Rede scharf angegriffen. «Sie versucht, alles schlechtzureden. Und sie knüpft dabei an Ressentiments an, die extrem gefährlich sind», mahnte der CSU-Chef beim virtuellen «Deutschlandfest» der Union.

Seiner Meinung nach brauche es keine AfD in Deutschland, sagte Söder. Zunächst hätten Teile der Linkspartei die Wiedervereinigung schlecht geredet, um ihr vermeintliches Erbe zu retten. Mittlerweile sei es die AfD. «Die AfD hat einen Teil dieses Erbes der Linkspartei fast schon mental übernommen», sagte Söder. «Eine der größten Gefahren ist das Schlechtmachen, das Zerreden der demokratischen Kultur.» Die AfD stelle die grundlegenden demokratischen Werte infrage. «Das dürfen wir nicht zulassen.» dpa

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