Hilfsaktion Familie aus dem Ahrtal erholt sich in der Rhön

Die Familie aus Schuld mit den Gastgebern: Familie Mihm aus Spahl (hinten, rechts) und Astrid Weimann-Heim (links). Foto: privat

Eine Mutter mit drei Kindern und ein junges Paar aus dem von der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 betroffenen Ahrtal erholten sich in der Rhön. Ermöglicht hat dies eine in Geisa gestartete Hilfsaktion, die erfolgreich war.

Ein paar Tage Auszeit wollten sie an eine Familie aus dem Ahrtal verschenken, die bei der Hochwasserkatastrophe ihr Hab und Gut und ganz viel Zuversicht verloren hat. Die Inhaberfamilie Heim der Geisaer Ferienwohnung „Stadt Apartment“ startete mit diesem Anliegen im Herbst 2021 einen Spendenaufruf und stellte ihr Quartier hierfür zur Verfügung. Schnell fanden sich Sponsoren und weitere Unterstützer, sodass aus dem ursprünglich geplanten Wochenende ein paar Tage mehr wurden und sogar zwei Familien beschenkt werden konnten. Initiatorin Astrid Weimann-Heim freut sich über die große Resonanz, die sie auf den Spendenaufruf bekam.

Aus Bad Neuenahr-Ahrweiler kam das Paar, das sich ein Jahr nach der Katastrophe nun in der Geisaer Ferienwohnung eine Auszeit gönnen konnte. Astrid Weimann-Heim erfuhr in Gesprächen mit den jungen Leuten einiges über die Situation im Ahrtal. Der 25-Jährige hatte sich im Elternhaus gerade die Kelleretage ausgebaut, seine 21-jährige Freundin wohnte im Nachbarort. Er ist seit 15 Jahren beim Technischen Hilfswerk (THW) ehrenamtlich aktiv, und als Gruppenleiter bekam er relativ zeitig die Alarmierung. „Es hieß, das Wasser kommt und wird wohl auch schlimmer werden. Aber niemand konnte abschätzen, wie heftig es wirklich kommt“, erinnert er sich. Als Angestellter der Stadt – er absolviert eine Ausbildung zum Erzieher – war er für seinen THW-Einsatz von der Arbeit freigestellt. Seine Freundin hingegen musste für ihren zweiwöchigen Hilfseinsatz Urlaub nehmen. An die ersten Einsatztage können sich die beiden gar nicht mehr richtig erinnern – etwa, wann sie geschlafen und gegessen haben. Sie haben einfach funktioniert – Sandsäcke gefüllt, Fahrzeuge bewegt, Menschen gerettet, auch Tote geborgen. Dankbar sind sie, dass die Helfer vor Ort psychologisch betreut wurden.

Die beiden jungen Leute waren Helfer und Betroffene zugleich. Sein Elternhaus war schlimm von der Flut betroffen. Die Wohnung im Kellergeschoss stand komplett, das Erdgeschoss teilweise unter Wasser, die Einrichtung wurde Opfer der Wassermassen. Der Garten wurde total zerstört. Das Auto der Eltern ist noch immer verschwunden.

Ein Jahr nach der Katastrophe ziehen sie Bilanz. Mit den Renovierungsarbeiten am Elternhaus ist die Familie schon relativ weit, hierbei gab es viel tatkräftige Unterstützung von Verwandten aus Sünna. Sogar die Wohnung im Kellergeschoss konnte wieder bezogen werden. Baumaterial zu bekommen, ist allerdings im Ahrtal aufgrund der großen Nachfrage noch schwieriger und kostenintensiver als anderswo. Beiden bekannt sind auch viele Fälle von Plünderern, Dieben und Betrügern. Da wurden Häuser ausgeräumt, Autos ausgeschlachtet. „Die Schuftigkeit mancher Menschen kann man gar nicht beschreiben“, kommentiert Astrid Weimann-Heim.

Als sehr zäh erwies sich die Schadensabwicklung durch die Versicherungen, erzählten die beiden. Bis der Gutachter da war, durfte mit den Sanierungsarbeiten nicht begonnen werden. Das Auto der jungen Frau war beim Hochwasser ebenfalls beschädigt worden und musste abgeschleppt werden. Mehrere Hundert Euro musste sie Standgebühr für ihr Fahrzeug zahlen – auch hier verdienten Einzelne an der Not der anderen. Als positiv empfanden sie hingegen, dass es andererseits sehr viele hilfsbereite Menschen gibt, die im Flutgebiet mit anpackten oder mit Spenden halfen. Manche Angebote konnten nicht angenommen werden, zum Beispiel eine Waschmaschine, für die es während der Sanierungsarbeiten gar keine Unterstellmöglichkeit gab.

Als das junge Paar bei ihr zu Gast war, nahm die Geisaerin am Gottesdienst des Ambulanten Hospizdienstes der Regionen Bad Salzungen/Rhön auf dem Kohlbachhof teil und erzählte Johanna Weymar (leitende Koordinatorin beim Hospizdienst) davon. Da gab ihr Johanna Weymar spontan 100 Euro, wovon sich das Paar etwas kaufen sollte. Die beiden jungen Leute aus dem Ahrtal freuten sich über die Spende, erklärten aber übereinstimmend, dass es andere gebe, die Hilfe noch dringender nötig hätten. Deshalb wollen sie das Geld an eine junge THW-Gruppe oder eine Kindereinrichtung im Flutgebiet weitergeben.

Die beiden jungen Leute freuten sich sehr, dass sie ein paar Tage in der Rhön ausspannen und eine schöne Zeit verbringen konnten. Sie unternahmen Ausflüge und Radtouren in die Region, besuchten die Verwandten in Sünna. Astrid Weimann-Heim fragte sie, ob sie in ihrer Heimat bleiben wollen, was bejaht wurde. Die beiden wussten aus Gesprächen mit anderen Betroffenen, dass viele sich ähnlich entschieden haben, jedoch betonten – sollte es noch einmal zu einer solchen Katastrophe kommen, würden sie ihrer Heimat den Rücken kehren.

Bereits im Frühjahr war eine Frau mit drei Kindern aus dem von der Flut besonders schlimm betroffenen Ort Schuld (Kreis Ahrweiler) zu Gast in Spahl, im Ferienhof „Zum Rößberg“ bei Familie Mihm. Diese Familie hatte ihre Wohnung komplett verloren und wohnt nun bei ihren Eltern. Die Frau berichtete, dass sie an Hochwasser durchaus gewöhnt sind, die Katastrophe vor einem Jahr jedoch alles Bisherige übertraf. „Ich schaute immer wieder in den Keller. Als ich sah, wie schnell das Wasser stieg und dann die Öltanks schwammen, sagte ich: Wir verlassen jetzt das Haus“, erinnerte sie sich. Auch diese Familie genoss nun ein paar Tage der Entspannung in der Rhön, unternahm ebenfalls Ausflüge in die Region. In Spahl unterstützten neben Familie Mihm auch der Feuerwehrverein, der Heimatverein und private Spender die Gastfamilie. Astrid Weimann-Heim ist allen dankbar, die sich an der Aktion für die beiden Familien in irgendeiner Weise beteiligten. Die große Resonanz auf den Spendenaufruf führt sie darauf zurück, dass man hier ganz konkret helfen konnte.

Im Ahrtal werden auch weiterhin Spenden benötigt. Die jungen Leute aus Bad Neuenahr-Ahrweiler empfehlen, direkt an Vereine vor Ort zu spenden oder an von Verwandten oder Freunden von Betroffenen organisierte Sammelaktionen. „Dann weiß man, dass es auch ankommt.“

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