Erfolg der Musikforschung Ein echter Bach komponiert an der Werra

Wolfgang Swietek

Zugegeben – so bekannt wie sein Neffe Johann Sebastian Bach ist Georg Christoph Bach nicht geworden. Der Onkel „des großen Bachs“ hat aber mehr als zwanzig Jahre in Themar als Kantor gewirkt. Die Forschung hat nun mehr herausgefunden.

Es war alles so schön geplant: Bereits im Jahr 2020 sollte das „Musikland Thüringen“ mit vielen Veranstaltungen gewürdigt werden. Die Aufsteller standen längst entlang der Autobahn, ein Buch mit gleichem Titel war fertiggestellt und ausgeliefert. Doch dann kam Corona und all die geplanten Dinge waren passé. Das „Musikland Thüringen“ gibt es jedoch auch weiterhin, trotz Corona-Krise, als Buch und in der Realität.

Allein der Name Bach hat die Musiklandschaft Thüringens über Jahrzehnte geprägt, nicht nur von Johann Sebastian, dem wohl bekanntesten Bach. Eine ganze Musiker-Dynastie, und das in mehreren Linien, gibt es von den Bachs. Wer einmal Arnd Morgenroth in Themar besucht, kann sich gleich im Treppenhaus mit dem Stammbaum der Bachs beschäftigen, der auf einem riesigen Bild dargestellt ist. Der Pfarrer im Ruhestand bewohnt übrigens das Haus, gleich gegenüber der Stadtkirche St. Bartholomäus, in dem einst Georg Christoph Bach – der Onkel des weit bekannteren Johann Sebastian – reichlich zwei Jahrzehnte gewohnt hat, als er von 1667 bis 1688 Kantor und Organist in Themar an der Werra war.

Viele Musikwissenschaftler haben in den mehr als dreieinhalb Jahrhunderten über die Bachs geforscht – und geschrieben. Doch wer nun glaubt, alles sei erforscht, der kennt solch einen von der Musik besessenen wie den Hildburghäuser Kantor Torsten Sterzik nicht. Die zwei Jahre der Pandemie, in der es kaum Konzerte gab, hat Sterzik für weitere Forschungen genutzt. Was er vor Kurzem entdeckt hat, kommt nahezu einer Sensation in der Bach-Forschung gleich. Einige hochdotierte Bachforscher, unter ihnen Peter Wollny aus Leipzig, Claus Oefner aus Eisenach und Hermann Frickel aus Schweinfurt, waren lange bemüht, Näheres über Georg Christoph Bach herauszufinden. Doch mit wenig Erfolg, weil es von diesem kaum originale Dokumente gab.

Eher ein Zufallsfund als ein bewusstes Suchen, was dem Hildburghäuser Kantor nun in die Hände fiel. „Als ich letztes Jahr anlässlich des 300. Geburtstages der Bedheimer Schwalbennestorgel Akten über deren Entstehung und von dem Erbauer Nicolaus Seeber suchte“, so erzählt Torsten Sterzik, „fand ich zufällig einen Lebenslauf, den Georg Christoph Bach selbst geschrieben hatte. Das ist nach all den Bemühungen der eben genannten Herren eine wahre Sensation.“ Sterzik hat diese neue Erkenntnis nicht für sich behalten, er hat inzwischen einen Artikel für das Bachjahrbuch verfasst und auch einen zweiteiligen Beitrag für das Kirchenmusikjournal „Zwischentöne“ geschrieben.

Mit einer lockeren Episode beginnt Torsten Sterzik die Veröffentlichung von seinem neuen wissenschaftlichen Fund: „Welcher Bach mag das sein? So fragt mancher Besucher der südthüringischen Kleinstadt Themar, wenn er die Gedenktafel von Bach am Haus gegenüber der Stadtkirche entdeckt. Da hat einmal eine Omi aus dem Fenster des Nachbarhauses rausgeschaut und geantwortet: Das ist kein Bach. Das ist ein Fluss. Das ist die Werra!“

Doch nach dem scherzhaften Einstieg bringt auch Torsten Sterzik die wissenschaftlich belegten Fakten über Georg Christoph Bach, den „Themarer Bach“, ins Spiel: „Fragt man seinen Neffen Johann Sebastian Bach, so liest man in dessen Ursprung von der musicalisch-Bachischen Familie (1735): „Georg Christoph Bach, war der erste Sohn von Christoph Bachen […], gebohren Anno 1642 den 6. September. Wurde als Cantor nach Schweinfurth beruffen, u. starb daselbst Anno 16...“. Nicht einmal das genaue Todesjahr von Georg Christoph Bach war damals bekannt.

Wer Genaueres von dem Leben und Wirken des „Themarer Bachs“ wissen will, der kann dies ausführlich nachlesen im Bachjahrbuch 2022 und im Kirchenmusukjournal „Zwischentöne“. Am Sonntag jedoch will Kirchenmusikdirektor Torsten Sterzik mit der Musik dieses Mitgliedes der Bach-Dynastie bekannt machen. Deshalb wird am kommenden Sonntag, dem 22. Mai 2022, um 17 Uhr zu einem Festkonzert zum 325. Todestag und zum 380. Geburtstag von Georg Christop Bach in die Stadtkirche St. Bartholomäus Themar eingeladen. Zur Aufführung gelangen Werke des Jubilars und von weiteren Komponisten des Südthüringer Raumes. Mitwirkende sind die Kantoreien aus Eisfeld, Hildburghausen und Schleusingen. Die Chöre singen unter der Begleitung des Collegium musicum Hildburghausen. Continuo: Matthias Neumeister aus Schleusingen, die musikalische Gesamtleitung liegt in den Händen von KMD Torsten Sterzik aus Hildburghausen. Das Konzert wird noch dreimal wiederholt – am 12. Juni um 17 Uhr in der Johanniskirche Schleusingen, am 19. Juni um 17 Uhr in der Christuskirche Hildburghausen und am 25. Juni um 19 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche Eisfeld.

Übrigens – ein schöneres Geschenk zu seinem bevorstehenden runden Geburtstag kann sich Pfarrer i.R. Arnd Morgenroth, der heute das ehemalige Wohnhaus von Georg Christoph Bach bewohnt, nicht wünschen. Am Samstag feiert er seinen 80. Geburtstag, am Tag darauf kann er mit seinen Gästen gleich nebenan in der Bartholomäuskirche das Festkonzert seines Vorvorvor...mieters besuchen.

Zur Person

Georg Christoph Bach, der älteste Onkel von Johann Sebastian Bach, wurde am 6. September 1642 in Erfurt geboren und zwei Tage später in der dortigen Kaufmannskirche getauft. Sein Vater war Christoph Bach, der seit 1642 Mitglied der Erfurter Stadtmusikanten-Compagnie war. Unter dem Rektorat des Mediziners Wolfgang Crusius wurde Georg Christoph bereits als Achtjähriger an der dortigen Universität immatrikuliert. 1654 zog die Familie nach Arnstadt, wo der Vater als „gräflicher Hof- und Stadtmusikus“ eine Anstellung fand. Durch Kantor Jonas de Fletin erhielt Georg Christoph seine musikalische Ausbildung. Später besuchte er das Gymnasium Casimirianum Academicum in Coburg und studierte danach eine kurze Zeit in Erfurt. Zwar taucht sein Name auch in der Matrikel der Leipziger Universität auf, doch ist nicht bekannt, welche Fakultät er gewählt und wie lange er sich in Leipzig aufgehalten hatte.

Belegt ist hingegen, dass er 1666 in Heinrichs bei Suhl eine Stelle als Organist und „Mägdlein-Schulmeister“ angetreten hat. 1667 heiratete er in Schleusingen Anna Juditha Prezel, die älteste Tochter des dortigen Kantors und Lehrers am Fürstlich-Sächsischen Henneberg-Gymnasium. Noch im selben Jahr wurde er Kantor und Organist an der Stadtkirche St. Bartholomäus in Themar und Lehrer an der Scholae Themarensis (Lateinschule). In den Themarer Kirchenbüchern taucht sein Name auf im Zusammenhang mit seinen elf in Themar geborenen und getauften Kindern, von denen fünf in Themar verstarben und auf dem hiesigen Friedhof begraben wurden.

Im Jahr 1688, nach fast 21 Jahren als Kantor in Themar, zog Georg Christoph Bach mit seiner Familie nach Schweinfurt und trat dort eine Stelle als Kantor an. 1689 besuchten ihn dort seine jüngsten Brüder, die Zwillinge Johann Abrosius und Johann Christoph zu seinem 47. Geburtstag. Aus diesem Anlass komponierte Georg Christoph Bach die Kantate „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“. Dies ist die einzige noch auffindbare Komposition aus seiner Feder. Am 27. April 1697 starb Georg Christoph Bach in Schweinfurt. Auch wenn er nicht so bekannt wurde wie viele andere Mitglieder der großen Bachfamilie, hat er doch in seiner Zeit vor allem in der südthüringischen Region um Themar die Kirchenmusik mitgeprägt und in Themar und Schweinfurt seine musikalischen Spuren hinterlassen.

 

Bilder