Der Föritzer Lehrer Kaiser warnt seinen Nachbarn. „Hole deine Frau von Hildburghausen weg. Da passieren keine guten Sachen“. Hildburghausen, das war für die Leute im Sonneberger Land nicht nur der Name einer benachbarten Kreisstadt, sondern das Synonym für die dortige Nervenheilanstalt, früher offiziell auch Irrenanstalt genannt. Die Föritzer Bauersfrau litt nach heutigem Dafürhalten an Depressionen. Den Lehrer sorgten nicht die Behandlungsmethoden, sondern vielmehr ein neues Gesetz, zu dessen Knecht auch er werden sollte: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, auch Erbgesundheitsgesetz genannt. Im Sommer 1933 war es von den Nationalsozialisten verabschiedet worden, am 1. Januar 1934 in Kraft getreten. In die Geschichtsschreibung ging es ein als Grundlage für die zwangsweise Unfruchtbarmachung von behinderten Menschen in der Hitlerzeit, wobei Behinderung sehr weit ausgelegt wurde. Seine Auswirkungen sind bis heute wenig erforscht.