Erbe aus der DDR Diese Fanfaren blasen weiter

Kurt Lautensack

Spielmannszüge waren in der DDR populär. Aber kaum einer hat die Wende überstanden. In Ummerstadt (Landkreis Hildburghausen) wird wieder in die Fanfaren geblasen – und nun ein 60. Jahrestag gefeiert

Gemeinsam mit der Bürgerstiftung Ummerstadt feiert der Fanfarenzug des Ortes am 3. September ein kleines und ein großes Jubiläum unter dem Motto „5 Jahre & 60 Jahre“. Es ist eine Besonderheit, dass es diesen Fanfarenzug, wenn auch nicht mehr in früheren Formation und Größenordnung, nach 60 Jahren immer noch gibt. Dabei war es beim Fanfarenzug Ummerstadt nicht anders als bei so manchen Ortsjubiläen, Corona hatte im vorigen Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Freies Wort“ begab sich auf Spurensuche zur Geschichte und wurde bei Mitgliedern des Fanfarenzuges und zwei Zehntklässlern fündig.

Doch wo fängt man an, will man der Geschichte auf den Grund gehen, welche Unterlagen und Aufzeichnungen gibt es noch, wer kann sich noch an die Gründungszeit und die Zeit danach erinnern, wie sah die erste Kleidung aus, wie erreicht man noch ehemalige Mitglieder und, und, und.

Projektarbeit Fanfarenzug

Zwei Jugendliche, die im September in ihr zehntes Schuljahr an der Regelschule Heldburg starten, haben es herausgefunden. Es sind Amelie Neubert aus Ummerstadt und Max Schmidt aus Hellingen, die auf der Suche nach einem Thema für ihre Projektarbeit waren, die in gut sechs Monaten fertig sein muss.

Ursprünglich hatten sie bei ihrer Themensuche an das Handwerk gedacht, bevor Elke Bus, die Vorsitzende des Historischen Vereins, sie auf den Fanfarenzug aufmerksam machte, erklärte Amelie Neubert. Damit war nicht nur ein interessantes Thema gefunden, sondern auch Anknüpfungspunkte und Ansprechpartner. So war Elke Tirsch, die Oma von Max, einst aktiv im Fanfarenzug und auch Peggy Neubert, die Mutter von Amelie, war einige Jahre dabei. Da gab es Informationen aus berufenem Munde.

Für diese Projektarbeit begeistern konnten sich sofort auch Susanne Oestreicher, die sich bis heute im Fanfarenzug engagiert und seit 1976 als Bläserin dabei ist sowie Simone Lützing, die 1973 als Trommlerin begann und bis heute als Tambourmajor (auch Stabführer) den Spielmannszug anführt.

So machten sich die Amelie und Max bereits im Laufe des vergangenen Schuljahres daran, fleißig Material, Aufgeschriebenes und Fotos zusammenzutragen. Kartons mit den Utensilien, ältere Instrumente und große Stoffballen für die Kleidung stöberten sie in einem Haus am Markt auf. Während sich Amelie schwerpunktmäßig auf die historische Entwicklung der Musikformation konzentrierte, nahm sich Max die Kleiderordnung und die Instrumente vor. Was sie bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits geleistet haben, ist enorm wie es die Inhalte ihrer Ordner zeigen. Begleitet werden sie bei ihrer Projektarbeit von ihrer Lehrerin Petra Schade.

Gemeinsam haben sie einen Fragenkatalog entwickelt, mit dem sie rund 80 Mitglieder per Briefkasteneinwurf in den Unterlandorten erreicht haben, darunter auch Mitglieder, die inzwischen in Orten des Coburger Raumes wohnen. Die Fragen sollten helfen, mehr über persönliche Eindrücke, Geschichten und Höhepunkte zu erfahren. Was bedeutete es etwa für den Einzelnen, Mitglied zu sein, welche kleinen Geschichten am Rande sind noch in Erinnerung oder was ist die schönste Erinnerung an das Probenlager in Friedrichroda.

Antworten und Meinungen decken sich dabei mit den Erinnerungen und Gesagtem meiner Gesprächspartnerinnen Simone Lürtzing, Peggy Neubert und Susanne Oestreicher. Sie bestätigen auch die Meinung von Amelie und Max, dass es schwierig sei, „alles über den Fanfarenzug zu erfahren“. „Aber wir stecken ja noch mitten in der Arbeit“, meinte Amelie. Aufschlussreich sind die bisher geführten Interviews mit ehemaligen Mitgliedern, etwa in Lindenau, Hellingen, Holzhausen oder Ummerstadt.

Die Wurzeln des Fanfarenzuges (auch Vorläufer) reichen weit zurück bis ins Jahr 1953. Initiator sei der damalige Schuldirektor von Ummerstadt, Herr Bernady, gewesen, der zwar kein Musiklehrer war, aber einige Instrumente spielen konnte. Mit staatlicher Unterstützung konnte er drei Fanfaren kaufen, mit denen nun Klaus König, Rolf Franz und Dieter Ros fleißig üben mussten. Hinzu kam Lothar Ros, der eine Marschtrommel von seinem Vater erhalten hatte. Geübt wurde von den Zwölf- und Dreizehnjährigen wo und wann es auch immer ging.

Beim Üben im Freien habe das Immanuel Scheffel (nur „Nelli“ genannt) gehört, der in der Ummerstädter Kompanie seinen Dienst versah. Angelockt von den Klängen sei er zu den Jungs gekommen, um ihnen zu zeigen, wie man die Instrumente richtig spielt und war fortan aus dem sich zu formierenden, wenn auch noch kleinen Fanfarenzug nicht mehr wegzudenken. „Nelli“ blies die Stücke vor, so dass die Jungs die Melodie erfassten und sie versuchten, nachzuspielen.

Erste Erfolge stellten sich ein und der Kreis der Kinder, vorerst waren es nur Jungen, vergrößerte sich. Es wurde regelmäßig geprobt und bald konnten erste Märsche gespielt werden. Zu weiteren Fanfaren kamen Marschtrommeln, Landsknechttrommeln (im Gegensatz zur Flachtrommel groß und schwer), Pauke und Becken dazu. Höhepunkt für die Blässer und Trommler war der 1. Mai, wo die Weckrufe erklangen. Mit Traktor und Hänger wurde sogar nach Erlebach, Billmuthausen und Bad Colberg gefahren, um dort gleiches zu tun. Danach führten sie den Umzug durch Ummerstadt an. Uniformen habe es damals noch nicht gegeben, wie Max herausfand, also begnügte man sich mit schwarzen Hosen und weißen Hemden. Mit dem Ende der Schulzeit und dem Beginn der Lehre endete in der Regel die Mitgliedschaft und 1959 kam sogar das aus für den Vorläufer des Fanfarenzuges.

Die Gründung des Fanfarenzuges

Doch ganz vergessen schienen die jungen Musiker aus Ummerstadt nicht gewesen zu sein. Denn Klaus Gudjons, damals FDJ-Sekretär der Ortsgruppe regte die Bildung des Fanfarenzuges 1961 wieder an. Zuspruch gab es auch von kreislicher Seite und Immanuel Scheffel brauchte schon gar nicht überzeugt zu werden. Also wurde alles was an Trommeln und Fanfaren auf dem Dachboden der Schule noch vorhanden war, heruntergeholt und wöchentliche Proben fanden im Freien statt.

Zu einem ersten offizieller Auftritt kam es am 1. Mai 1961. Damit war der Fanfarenzug Ummerstadt gegründet, der sehr bald durch Jugendliche aus Bad Colberg, Lindenau, Gellershausen und Heldburg verstärkt wurde. Die genannten Gemeinden unterstützten die Formation auch finanziell, wie Amelie recherchierte. Es wurden weitere Instrumente angeschafft und schließlich auch eine einheitliche Kleidung, die im Laufe der Zeit farblich verändert und erneuert wurde. Begeistert von der Truppe war auch Hauptfeldwebel Uli Schlief, damals Leiter einer Tanzkapelle, der ab 1962 die Ausbildung der Trommler und Tamboure übernommen hatte und selbst einige Jahre als Stabführer fungierte. Der Fanfarenzug wuchs an und hatte 1965 bereits 46 Mitglieder.

Die Qualität hatte sich längst herumgesprochen und der Zug wurde mehr und mehr mit Mädchen verstärkt, was viele Aufnahmen bei Auftritten im Kreis und weit über die Bezirksgrenzen hinaus beweisen. Für Immanuel Scheffel war es selbstverständlich, dass auch Tochter Susanne eine Fanfare in die Hand bekam. Zunächst gab es die langen „Naturfanfaren“, erklärte sie, bei denen die Töne nur durch die Lippen erzeugt wurden. Abgelöst wurden sie von kürzeren B- und Es-Fanfaren, die noch einen kleinen Umschalthebel hatten und wesentlich besser zu spielen waren.

Was das Besondere sei, so Susanne Oestreicher, „alle Bläser spielen nach Gehör, das heißt, man muss die Melodie genau im Ohr haben, um sie auf das Instrument zu übertragen“. Man muss sich also auf sein Gehör verlassen können, um die exakte Tonhöhe zu spielen. Natürlich müssen auch die Trommler ein Rhythmusgefühl mitbringen.

Die 1970er und 1980er Jahre seien wohl die intensivsten mit gewesen, sind sich alle drei Frauen einig. Bei vielen gesellschaftlichen Höhepunkten zwischen Ummerstadt und Berlin, die es in dieser Zeit gab, war der Fanfarenzug Ummerstadt dabei. Das hatte auch damit zu tun, das 1972 das Bezirksmusikkorps Suhl (BMK) gegründet, zu dem auch der Fanfarenzug als Mitglied gehörte.

Selbst am 7. Oktober 1989 – dem letzten DDR-Republikgeburtstag – waren die Ummerstädter noch in Berlin dabei, weiß Peggy Neubert, die sich damals ärgerte, weil sie ihre Eltern nicht mitließen, „wegen der vielen Tumulte“. Ihr erstes großes Erlebnis, erinnert sich Simone Lürtzing, war die Teilnahme des Fanfarenzuges mit dem BMK zu den Weltfestspielen 1973 in Berlin. Unvergesslich sei es, als beim abendlichen Treffen ein Trommler den Kaiser-Wilhelm-Marsch trommelte, was sicher ungewöhnlich wat.

In bester Erinnerung ist ihr auch noch eine Fahrt ins südböhmische Vimperk 1975. Neben dem dortigen Vergnügen habe man dort schöne glitzernde Wolle kaufen können, lacht die Tambourmajorin. Da man sie nicht einfach mitbringen durfte, sei sie in den Trommeln versteckt worden.

Wichtig für alle sei vor allem das Zusammenleben und die gemeinschaftlichen Erlebnisse gewesen. Dazu gehörten auch die wöchentlichen Proben. Ins Schwärmen gelangen heute noch die drei Frauen, wenn sie an die jährlichen Probenlager in Friedrichroda denken. Aber auch die vielen Großereignisse seien unvergesslich. Ob es das Turn- und Sportfest 1977 in Leipzig war, ein Leistungsvergleich in Oberhof, das Freundschaftstreffen der FDJ 1980 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), das Pioniertreffen 1982 in Dresden oder das Blasmusiktreffen 1985 in Themar. Was für sie in dieser Zeit eben auch viel bedeutete, sie seien „oft aus dem Sperrgebiet herausgekommen“ und haben viel erlebt.

Vereinsgründung nach der Wende

Mit der Wende sind auch die althergebrachten kulturellen Strukturen zusammengebrochen, das BMK wurde 1990 aufgelöst. Finanzielle Hilfen waren weggefallen. Sollte der Fanfarenzug fortbestehen, war eine Vereinsgründung unumgänglich, die dann auch am 5. März 1991 erfolgte. Man einigte sich auf den Namen „Fanfarenzug Ummerstadt“.

Imannuel Scheffel wurde erster Vorsitzender und ihm zur Seite standen Gerhard Roth, Gudrun Voit und Ursula Rüttinger. Besondere Höheunkte waren in dieser Zeit die Teilnahme am Musikfest in Calella/Provinz Barcelona,Spanien 1991 und 1995.

Doch die Vereinskasse schrumpfte weil Versicherungsbeiträge, Gema-Gebühren für die Rechte der Komponisten und Beiträge für den Blasmusikverband die Gelder aufzehrten. Auch die sich ergebenden neuen Freizeitangebote ließen das Interesse am Spielmannszug sinken, manche blieben den Proben fern und die Suche nach Sponsoren blieb ergebnislos, was die finanzielle Lage verschlechterte.

Auch ein Nachfolger für „Nelli“ war noch nicht in Sicht. So gab es schon vor dem 35-jährigen Jubiläum im Juni 1996 Auflösungsgedanken, die noch mehrheitlich abgewendet wurden.

Beim Jubiläum aber, wollten sie es noch einmal so richtig krachen und die Fanfaren erklingen lassen sowie für Trommelwirbel sorgen. Es wurde ein großartiges Fest. Doch die genannten Gründe konnten nicht ausgeräumt werden und so kam es für viele gestandene Mitglieder und für Immanuel Scheffel, der die Entwicklung von Anfang an aktiv begleitete, zu einer schmerzlich berührten Auflösung des Vereins. Noch aktive Mitglieder durften ihre Uniform und Instrumente mit nach Hause nehmen, anderes wurde in besagten Haus am Markt eingelagert, wo die beiden Schüler ebenfalls fündig wurden.

Doch es wären nicht die Ummerstädter Bläser und Trommler, würden sie kapitulieren. Nach vielen Anfragen kam es immer wieder nach kurzer vorheriger Probe zu Auftritten, weil sich Oliver Bonsack für ein Weiterbestehen stark machte, was besonders Immanuel Scheffel freute, der sich allmählich zurückzog, aber noch mit 80 Jahren dabei war.

Viele Ehemalige ließen sich wieder aktivieren, bekannte Melodien wurden wieder ins Gedächtnis gerufen und Simone Lürtzing beherrschte nach wie vor ihren Tambour. Es gab Auftritte zu Jahrfeiern in Lindenau, Gellershausen und Ummerstadt, bei Martinsumzügen oder beim Faschingsumzug in Heldburg. Inzwischen freuten sich auch Orte im Coburger Land, so Coburg selbst, Seßlach, Gemünda, Wasmuthhausen, Weitramsdorf und weitere Orte über Zusagen des Fanfarenzuges.

Und so sind nach dem 35-jährigen von 1996 inzwischen 60 Jahre geworden, die nun auf dem Viehmarkt ordentlich gefeiert werden sollen. Für Amelie Neubert und Max Schmidt gibt es aber noch einiges zu tun, um mit ihrer Projektarbeit die Geschichte des Fanfarenzuges abzurunden. Schließlich soll im Ergebnis zusätzlich ein Buch entstehen, das die Geschichte mit Texten, vielen Fotos und Zeitzeugen für die Nachwelt festhält.

Hintergrund

Das BMK Suhl:
 Jeder Bezirk der ehemaligen DDR hatte ein Bezirksmusikkorps (BMK), auch der Bezirk Suhl, das mit Gera wohl zu den Kleinsten gehörte. Der offizielle Name des BMK: Bezirksmusikkorps der FDJ (Freie Deutsche Jugend) und der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“. Unter diesen Namen vereinte das BMK, das 1972 gegründet wurde, Fanfaren- und Spielmannszüge, Schalmeienkapellen, Jugendblasorchester (etwa Milz und Suhl) und Bläsergruppen (zum Beispiel Jagdhornbläser Lauscha) aus den einzelnen Kreisen des Bezirkes Suhl, aber auch Tanzgruppen gehörten dazu. Eingebunden in das BMK Suhl waren auch die Fanfarenzüge Merkers, Suhl und Ummerstadt, der heute noch als eine lose Vereinigung besteht. Die verschiedenen Musik- und Tanzgruppen vertraten bis zur politischen Wende den damaligen Bezirk Suhl bei allen großen gesellschaftlichen Anlässen und Ereignissen in der ehemaligen DDR. Aber auch bei vielen anderen Höhepunkten, ob bei Ortsjubiläen, Blasmusikfesten oder Umzügen wurden die Musikgruppen gern gesehen und gehört. Zwei musikalische Leiter drückten in den 18 Jahres des Bestehens dem „Bezirks-Musikkorps Suhl“ ihren Stempel auf. Günter Christ (Suhl) war Mitbegründer und erster Leiter des BMK von 1972 bis 1981. Ihm folgte als künstlerischer Leiter Uwe Gerwien (heute Ehrenberg) von 1981 bis 1990, als schließlich das „Aus“ für das Bezirksmusikkorps kam.

Die Fanfare:
 Schon die Ägypter spielten vor 3500 Jahren trompetenartige Instrumente. Die Fanfarentrompete oder Fanfare wurde um 1800 als Signalinstrument in der preußischen Kavallerie eingeführt. Für besondere Anlässe kamen später die Heroldstrompeten, Instrumente mit Stoffbehängen, Wimpeln oder Fahnen, zur Anwendung. Mit der „Fanfaronade“ des Märkischen Turnerbund Brandenburg findet jährlich ein Leistungsvergleich in Marsch- und Showwettbewerben der ostdeutschen Fanfarenzüge statt.

 

Bilder